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Fred Astaire - garantiert kein Burgenländer.

Günter Unger, Eisenstadt

Fred Astaire ein Burgenländer. Zu schön, um wahr zu sein. Und daher natürlich auch nicht wahr. Auch wenn manche nach wie vor nachplappern bzw. nachschreiben, was nie richtig gewesen ist, bloß von einem ambitionierten und durchaus beherzten Mythomanen burgenländischer Provenienz vor mehr als 25 Jahren in die (auch damals schon bescheiden unbescheidene) burgenländische Welt gesetzt wurde und sich dort gehörig bzw. ungehörig verbreitet hat. Ich darf das so und auch ein wenig respektlos schreiben und behaupten, denn ich war Augen- und Ohrenzeuge jenes kleinen Ereignisses in den frühen 70er Jahren, das dieser Legendenbildung vom großen Hollywoodstar und Traumtänzer aus dem Burgenland zugrunde liegt: der erste Besuch Wilhelm Schneiders (des letzten Bürgermeisters der mehrheitlich von Juden bevölkerten Gemeinde Eisenstadt-Unterberg in den Jahren 1934-1938) in Eisenstadt. Nach dem späten Ende seiner Emigrationszeit in New York, zum Zeitpunkt seiner österreichischen Neuansiedlung in Baden bei Wien.

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Bis 1938 war Wilhelm Schneider jüdischer Textilhändler in Eisenstadt, verheiratet mit Elisabeth Löffler, einer jüdischen Müllerstochter aus Antau im Bezirk Mattersburg. Im Ersten Weltkrieg trug er den Rock zweier Habsburgischer Kaiser und rüstete 1918 im Range eines Oberleutnants der Infanterie ab. Einer seiner Regimentskameraden war Dipl. Ing. Hans Sylvester, ein Bauernsohn und Landespolitiker vom Heideboden, der 1934 von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (mit dem er schon davor als Amtsdirektor der Burgenländischen Bauernkammer zusammengearbeitet hatte) zum Landeshauptmann für das Burgenland bestellt wurde. Dessen Karriere hatte Einfluss auf die Wilhelm Schneiders. Sylvester (auch Landesleiter der ›Vaterländischen Front‹ im Burgenland) ›machte‹ den eher bürgerlichen und davor politisch enthaltsamen Textilhändler zum neuen Bürgermeister der autonomen (weitgehend mit der jüdischen Kultusgemeinde identischen) Kommune Eisenstadt-Unterberg.

Zurück (oder auch: vorwärts) ins Jahr 1974 und zu einem Treffen zwischen Wilhelm Schneider, seiner Frau Elisabeth, dem Historiker und Judaisten Dr. Nikolaus Vielmetti, meiner Wenigkeit (damals wie heute Kulturredakteur im ORF) und Franz Probst, dem Kulturredakteur der sozialistischen Wochenzeitung BF. Wilhelm Schneider erzählte dabei unter anderem, dass er in New York als Hilfsarbeiter in einer Wäscherei (›Laundry‹) beginnen musste und diese Zeit für ihn sehr bitter gewesen sei. In seiner Not kam ihm die Idee, dem damals schon berühmten und vermögenden Fred Astaire einen Brief nach Hollywood zu schreiben und darin um finanzielle Unterstützung zu bitten. Gedacht und auch getan mit der wohlformulierten Begründung, dass er, Wilhelm Schneider ein jetzt notleidender Verwandter sei. Wilhelm Schneider im Originalton eines von mir geführten Interviews für eine Fernsehdokumentation mit dem Titel ›Judengräber im Burgenland‹ (1974 gedreht, gestaltet und gesendet):

»Die Schwester seines (also Astaires) Vaters war meine Großmutter und stammte aus Austerlitz in Mähren«.

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Übrigens. Ein anderer berühmt gewordener Austerlitz, nämlich Fritz Austerlitz, war Chefredakteur der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung in der Zwischenkriegszeit und Verfasser jenes Leitartikels nach dem Urteil im ›Schattendorfer Prozess‹, der am 15. Juli 1927 die Massen auf die Straßen Wiens gebracht hat und nicht zuletzt zum zündenden Funken für den Brand des Justizpalastes geworden ist.

Astaire (1899 in Omaha geboren) hat den Bettelbrief Wilhelm Schneiders möglicherweise nie erhalten, jedenfalls darauf nie geantwortet oder reagiert, wie mir noch in den 80er Jahren Wilhelm Schneiders Witwe Elisabeth bei einer Einladung zum Tee in ihre Wohnung in Baden bei Wien auf meine insistierende Frage mitgeteilt hat. Wilhelm Schneider musste sich aus eigener Kraft über die schlimmste Zeit in New York hinweg retten. Seine manchmal etwas verworrene und verwirrende Erzählung im beschriebenen Rahmen, in der legendär gewordenen Redaktionsstube des Franz Probst, hingegen trieb üppige Blüten. Zunächst aktuell in der BF noch so ähnlich, wie hier wiedergegeben, wurde die Nähe Fred Astaires zu Eisenstadt jedoch immer größer, je öfter Franz Probst auf diese Episode zurückgriff und sie in seinen verschiedenen Kolumnen und Kommentaren zu Gedenktagen über ›große und bedeutende Burgenländer‹ aufwärmte. Am Ende seines Lebens glaubte es Franz Probst wahrscheinlich schon selber, dass die Gene des begnadeten amerikanischen Entertainers in dem an die verträumte Esterházysche Residenz anschließenden Ghetto entwickelt wurden. Ist ja auch zu schön, diese Vorstellung, um sie nicht wahr machen zu wollen. Und bestehenden Plänen, in einem restaurierten Gebäude dieses ehemaligen Ghettos ein Nobelrestaurant zu etablieren und es ›Zum fidelen Fred Astaire‹ zu benennen, wäre dann ja auch hinterfotzig und besserwisserisch die historische Grundlage entzogen worden.

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PS.: In Hugo Golds Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes (1970 in Tel Aviv erschienen) wird der französische Linkspolitiker Léon Blum von seiner Abstammung her mit dem Burgenland (respektive mit Lackenbach, einer der sieben jüdischen Gemeinden im Bereich der Esterházyschen Grundherrschaft) in Verbindung gebracht. Aber außer der in diesem Buch in zwei Zeilen formulierten Behauptung, dass Léon Blum zu den ›hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten aus dem Burgenland‹ gehört, habe ich bisher keine weitere Quelle gefunden, die diese Feststellung bestätigt bzw. glaubwürdig erscheinen lässt. Alle mir bekannten Publikationen wissen bloß von Blums Geburt 1872 in Paris und nennen familiäre Wurzeln in Elsaß-Lothringen.

Bemerkenswert und für eine weitere genealogische Untersuchung interessanter ist für mich hingegen die von James Joyce beschriebene Herkunft seiner Romanfigur Leopold Bloom (alias Virág) im Ulysses. Der große irische Schriftsteller lässt seinen Helden aus dem westungarischen Szombathely abstammen und erst nach Stationen in Wien und Triest nach Dublin gelangen. Wenn man weiß, wie sehr und wie oft sich Romanciers durchaus an authentische Tatsachen halten, ist die Vorstellung, dass der Heilige Martin und einer der prominentesten Protagonisten der Weltliteratur im 20. Jahrhundert aus dem selben Nest kommen, schon reizvoll.

Quelle:
Günter Unger, Fred Astaire - Garantiert kein Burgenländer!, in: Forscher - Gestalter - Vermittler. Festschrift Gerald Schlag, hrsg. von Wolfgang Gürtler und Gerhard Winkler, (WAB) Band 105, Eisenstadt 2001, 443-444.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017