Textlogo: Österreichisches Jüdisches Museum; Zur Startseite[D]

Hauptnavigation.

 

Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [1][1]..

Gert Polster, Bad Tatzmannsdorf

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5

Die Ankündigung sowie eine sehr kurze Zusammenfassung dieses Artikels finden Sie in unserem Blogbeitrag Jüdisches Leben im Südburgenland: Güssing, Rechnitz, Stadtschlaining.

Der Artikel ist eine überarbeitete Version von: Gert Polster, Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Das Judentum im pannonischen Raum vom 16. Jahrhundert bis zum Jahr 1914. (= Internationales Kulturhistorisches Symposion Mogersdorf 39, Kaposvár 2009).

Unter dem Schutz der Grafen Batthyány konnten sich in deren Herrschaftsvororten Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing seit dem späten 17. Jahrhundert drei jüdische Gemeinden etablieren, die um die Mitte des 19. Jh. voll ausgebildet waren. D.h. sie verfügten über die notwendigen Einrichtungen, wie Synagoge, Friedhof, Mikwe, Schule und einen Gemeindevorstand. Sie stellten Rabbiner und Schächter an und unterhielten eine Chevra Kadischa.[2].

Die jüdischen Familien in diesen drei Gemeinden lebten nicht wie anderswo in abgeschlossenen Teilen der Orte, sondern verteilt im gesamten Ortsgebiet. Zwar sind einzelne Judenhäuser, die von der Herrschaft zur Verfügung gestellt wurden, erwähnt, doch beschränkte sich der Siedlungsbereich nicht ausschließlich auf sie.

nach oben

Handwerk und Handel waren das Hauptbetätigungsfeld der zum Großteil nicht sehr vermögenden jüdischen Bevölkerung dieser Region. Die meisten gingen dem Hausiererhandel nach. Trotz dieser wirtschaftlich nicht sehr günstigen Situation wuchs die Bevölkerung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sukzessive an.

Die Kirchenschematismen der Diözese Szombathely enthalten neben den römisch-katholischen und protestantischen auch die jüdischen Einwohner der einzelnen Ortschaften. Für die betreffenden Jahre werden folgende Zahlen für die jüdische Bevölkerung ausgewiesen:

Die jüdische Bevölkerung von 1808 bis 1859
Orte 1808 1822 1839 1844 1859
Rechnitz 407. 765. 907. 819. 880.
Stadtschlaining 281. 480. 600. 600. 600.
Güssing 300. 495. 526. 620. 766.

nach oben

Das Siedlungsgebiet der Juden im heutigen Südburgenland war vor 1840 auf die drei zentralen Orte Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing sowie einige wenige herrschaftliche und wirtschaftliche Zentren wie Lockenhaus, Pinkafeld, Rotenturm, Eberau, Großpetersdorf, Oberwart, Tatzmannsdorf, St. Martin an der Raab und Neumarkt an der Raab beschränkt. Die ersten vier dieser Ortschaften waren Sitz der Grundherrschaft mit Schlössern der Familien Esterházy, Batthyány und Erdödy mit den entsprechenden Verwaltungseinrichtungen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang das der Familie Esterházy gehörende Lockenhaus und die Tatsache, dass die Juden dieses Ortes sich nicht den Esterházyschen Judengemeinden des heutigen mittleren Burgenlandes anschlossen, sondern von Stadtschlaining aus betreut wurden. Hier mag die Komitatsgrenze daran hinderlich gewesen sein, denn auch andere Gemeinden der Herrschaft Lockenhaus auf dem Gebiet des Komitats Eisenburg wurden später von Stadtschlaining bzw. Rechnitz administriert.

Alle diese genannten Herrschaftsvororte waren wie auch Großpetersdorf, Oberwart und Neumarkt an der Raab bedeutende Marktflecken. Hier fanden die oft mit den Produkten der herrschaftlichen Meierhöfe Handel treibenden Juden die entsprechenden Absatzmärkte. Im Fall von Tatzmannsdorf war es vor allem der Bade- und Kurbetrieb, der hier schon zu Beginn des 19. Jh. Juden anzog. 1834 finden die jüdischen Gäste erstmals Erwähnung:

»Für die Juden, welche diese Anstalt am häufigsten besuchen, bestehen eigens abgesonderte Wohnungen, und ein eigener Speisewirth.«[3].

nach oben

Vom Zentrum in die Dörfer.

Die staatliche Gesetzgebung Ungarns zielte ab der 1. Hälfte des 19. Jh. zunächst auf Toleranz später auf die bürgerliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung ab und lockerte die Siedlungsbeschränkungen. Der Gesetzesartikel XXIX aus 1840 räumte den Juden das Wohnrecht und das Betreiben von Handel und Gewerbe in ganz Ungarn ein.
Diese neue Rechtslage hatte auf die jüdischen Gemeinden Ungarns große Auswirkungen. Die Folge war eine innerliche und äußerliche Lösung aus den traditionellen Verbindungen zur Kehila, die von einigen als Chance von anderen als Untergang gesehen wurde und zu starken Kontroversen führen sollte.
Rein äußerlich begann zunächst eine Abwanderung in größerem Ausmaß in die umliegenden Dörfer, wo sie sich als Gastwirte oder Greißler niederließen.
Eine Auswertung der Schematismen der römisch-katholischen Diözese Szombathely für das Gebiet des heute burgenländischen Teils des Komitates Vas lässt sehr schön die Auswirkungen des Gesetzes von 1840 erkennen.
Für das Jahr 1839 sind in 14 Orten 2.174 Juden ausgewiesen. Davon entfielen auf Rechnitz 41,7%, auf Stadtschlaining 27,6% und auf Güssing 24,2%. Demzufolge lebten in diesem Jahr noch 93,5% aller südburgenländischen Juden in den Vororten der Kultusgemeinden. Fünf Jahre später stellt sich die Situation schon etwas anders dar. 1844 lebten 2.324 Juden in 35 Ortschaften, davon 86,7% in Rechnitz (35,2%), Stadtschlaining (24,8%) und Güssing (26,7%).
Die höchste Zahl an Juden ist im Jahr 1859 mit 2.671 Personen in 62 Orten zu verzeichnen. Während die Anzahl der Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung bis 1868 auf 77 stieg, sank die jüdische Einwohnerzahl gesamt um rund 50 Personen. Dazu muss angemerkt werden, dass im Großteil der Ortschaften oft nur eine Person bis eine Familie wohnte. In Folge sank die jüdische Gesamtbevölkerung sukzessive und fiel im Jahr 1910 erstmals auf unter 1.000 Personen.
Größere Abwanderungsschübe sind für Rechnitz zwischen 1839 und 1844 sowie zwischen 1871 und 1874 zu verzeichnen. In Güssing machte sich die Abwanderung vor allem nach Graz zwischen 1859 und 1871 stark bemerkbar. In Schlaining verlief die Verminderung der Bevölkerung eher linear mit durchschnittlich 100 bis 150 Personen pro Jahrzehnt. Hier ist im Gegensatz ein relativ starker Zuwachs in den Filialen Pinkafeld, Oberwart und Großpetersdorf zu verzeichnen, wo eigene Filialgemeinden gegründet wurden.


[1] Begriffserklärung: Wenn hier über die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen wird, so muss die Zeitspanne etwas weiter reichen als von 1850 bis 1900. Aufgrund der enormen Bedeutung des Judengesetzes von 1840 für den weiteren Verlauf, wird dieses Jahr als Beginn des Untersuchungszeitraums und der Endpunkt mit 1921 als dem Jahr der Gründung des Burgenlandes als österreichisches Bundesland gesetzt. Räumlich umfasst das Gebiet im Wesentlichen das heutige Südburgenland, das damals freilich den westlichen Teil des Komitats Vas ausmachte. [Zurück zum Text (1)]

[2] Zusammenfassende Darstellungen: Edit Balázs (Hg.), Jüdische Erinnerungen in der West-Pannonischen EuRegion (Szombathely 2008); Gerhard Baumgartner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining (Stadtschlaining 1988); Ders., Die jüdische Gemeinde zu Güssing. In: Schlomo Spitzer (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Wien 1995); Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes (Tel Aviv 1970); Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – Volkskundliche Analysen (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien 26) (Wien 2005); Gerhard Salzer-Eibenstein, Die Geschichte des Judentums in Südostösterreich von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. In: Israelitische Kultusgemeinde für Steiermark, Kärnten und die politischen Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf (Hg.), Geschichte der Juden in Südostösterreich (Graz 1988), S. 97-125 [Zurück zum Text (2)]

[3] Mathias Macher, Die den Gränzen der Steiermark nahen Heilwässer in Ungarn, Kroatien und Illyrien. Physikalisch medizinische Beschreibung der Sauerbrunnen zu Tatzmannsdorf und Sulz, der schwefelhaltigen Bäder bei Warasdin und Krapina, und der Thermen bei Stubitza Tschatesch und Neustadl (Grätz 1834) S. 8 [Zurück zum Text (3)]

[4] VML, Judenkonskription 1848 [Zurück zum Text (4)]

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5

Zurück zum Text ›Artikel‹.


nach oben


Zusatznavigation.

Suche.


Zurück zur Hauptnavigation.
Zurück zur Navigation der Unterseiten von Bereich Startseite.
Zurück zum Artikel ›Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining..., Seite 1‹.
Zurück zur Zusatznavigation mit Links zu Suche, Hilfe, Lexikon und Inhalt.

Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017