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Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [2].

Gert Polster, Bad Tatzmannsdorf

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Während die Bevölkerung im burgenländischen Teil des Komitats Vas kontinuierlich von 2.671 im Jahr 1859 auf 994 im Jahr 1910 abnahm, stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Juden in Szombathely von 420 auf 3.050. Unter den Neuzuzüglern waren sehr viele ehemalige Rechnitzer und Schlaininger Juden, was bereits in der Judenkonskription von 1848[4]. für Szombathely ersichtlich ist.

Grafik: Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im Südburgenland

Bild: Abb. 1: Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im Südburgenland, in den Gemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining sowie in Szombathely 1808-1910.
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Vor allem für Stadtschlaining mit seiner großen Anzahl an Filialen zeigt eine Untersuchung der in den Matriken[5]. verzeichneten Geburten von 1841 bis 1895, dass die Zahl der im Ort Stadtschlaining Geborenen verglichen mit jenen in der gesamten Kultusgemeinde viel stärker abnahm, was mit der Abwanderung in die umliegenden Dörfer zu erklären ist.
Sie legt aber auch dar, dass ab ca. 1855 die Geburten im Allgemeinen sukzessive weniger werden, was weniger mit einem geringeren Kinderreichtum der Familien als vielmehr mit dem Wegzug aus der Kultusgemeinde zusammenhängt.

Grafik: Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im Südburgenland

Bild: Abb. 2: Jüdische Geburten in der Kultusgemeinde Schlaining und im Ort Schlaining selbst 1841-1895.
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Die Zugehörigkeit der in den Dörfern lebenden Mitglieder zu einer Kultusgemeinde war zunächst von deren Herkunft bestimmt. Aus diesem Grund waren die in den heutigen Bezirken Güssing und Jennersdorf lebenden Juden auf die Kultusgemeinden Stadtschlaining und Güssing aufgeteilt.
Während Rechnitz bedingt durch seine wirtschaftliche Bedeutung als Markt- und Herrschaftszentrum nach der Gründung der selbständigen Kultusgemeinden Szombathely (1832) und Köszeg (1852) bis auf einige umliegende Orte im Wesentlichen auf den Rabbinatssitz beschränkt blieb, siedelten die Angehörigen der beiden anderen Kehilot Stadtschlaining und Güssing verteilt auf dem Gebiet des heutigen Südburgenlandes bis weit in das Gebiet um Szentgotthárd und die Örség.

Auffallend ist hier die besonders weite Streuung der Schlaininger Juden nach Süden in das Gebiet der ehemaligen Herrschaft Neuhaus am Klausenbach, obwohl diese näher bei Güssing lag. Dies mag damit zusammenhängen, dass diese Herrschaft der selben Linie der Familie Batthyány gehörte wie Stadtschlaining.
Um die Zuständigkeit dürfte es zu Unstimmigkeiten zwischen den Rabbinatsdistrikten gekommen sein, denn am 21. Januar 1852 wurde eine Einteilung von der Komitatsverwaltung vorgenommen. Dieser zu Folge gehörten zu Stadtschlaining: Bernstein, Hammer, Holzschlag, Neumarkt im Tauchental, Kogl, Lockenhaus, Mariasdorf, Altschlaining, Pilgersdorf, Rettenbach, Deutsch Gerisdorf, Tatzmannsdorf, Pinkafeld, Oberwart, Oberschützen, Jabing, Kitzladen, Kemeten, Bocksdorf, Kirchfidisch, Eberau, Mischendorf, Stinatz, Stegersbach, Deutsch Kaltenbrunn, Rudersdorf, Szentgotthárd (Teil), Jennersdorf, Neuhaus am Klausenbach und Königsdorf.[6].

Zum Distrikt Güssing wurden gezählt: St. Michael, Rauchwart, Felsö und Alsó Rönök, Sulz, Gerersdorf bei Güssing, Eltendorf, Moschendorf, Hagensdorf, Heiligenbrunn, Strem, Tobaj, Deutsch Tschantschendorf, Heiligenkreuz, Gasztony, Senyeháza, Neumarkt an der Raab, St. Martin an der Raab, Kalch, Rudersdorf (1 Familie), Sveti Jurij, Dolnji Slaveči, Serdica, Bodonci sowie Szentgotthárd (Teil).[7].
Bei dieser Aufteilung ging es nicht um räumliche Gesichtspunkte sondern um die Bezahlung der Kultussteuer der in den Ortschaften lebenden Mitglieder. Dass es vor allem in den weiter entfernten Dörfern zu mangelnder Zahlungsmoral kam, zeigt eine Aufstellung der säumigen Steuerzahler der Gemeinde Stadtschlaining aus dem Jahr 1860. Darin wurden weitere Orte genannt: Neben Deutsch Kaltenbrunn, Stegersbach, Rudersdorf, Neuhaus am Klausenbach, Bocksdorf, Jennersdorf, Szentgotthárd, Königsdorf und Stinatz nun auch Neudau, Dobersdorf, Loipersdorf, Litzelsdorf, Welten, Rábafüzes, Heugraben, und Mogersdorf.[8].
Allein in Szentgotthárd lebten im Jahr 1858 16 zur Schlaininger Gemeinde gehörende Familienoberhäupter.[9].

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Eine endgültige Gebietseinteilung der Rabbinatssprengel und zugleich eine Fixierung des Umfanges der Kultusgemeinden sollte die doppelte Betreuung von Orten bzw. die Zugehörigkeiten der Gemeindeglieder nicht mehr nach personalen sondern nach territorialen Gesichtspunkten lösen.
Mit dem Jahr 1886 trat eine neue Rabbinatseinteilung in Kraft. Die neuen Rabbinatsbezirke deckten sich nun mit den Stuhlbezirken. Das bedeutete vor allem für die Kultusgemeinden Güssing und Stadtschlaining große Verluste bei den Mitgliedergemeinden. Für den Bezirk Szentgotthárd wurde ein eigenes Rabbinat geschaffen, zu dem von da an auch sämtliche Orte der ehemaligen Herrschaft Neuhaus am Klausenbach gehörten.
Doch auch zwischen den Kultusgemeinden Stadtschlaining und Rechnitz brachte diese Neueinteilung große Veränderungen dadurch mit sich, dass der gesamte Stuhlbezirk Güns-Umgebung mit dem Rabbinat von Rechnitz zur Deckung gebracht wurde. Orte, wie Bernstein, Lockenhaus, Pilgersdorf, die früher von Stadtschlaining betreut wurden, kamen nun zu Rechnitz. Das Gebiet der drei Kultusgemeinden Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing deckte sich bis 1921 mit den politischen Bezirken Oberwart, Güns-Umgebung und Güssing. Im Zuge der Gründung des Burgenlandes verblieben Teile dieser Bezirke bei Ungarn bzw. wurden Orte aus den Rabbinatsbezirken Szombathely, Körmend und Szentgotthárd dem Burgenland angeschlossen und auf die nunmehr burgenländischen Kultusgemeinden aufgeteilt.


[4] VML, Judenkonskription 1848 [Zurück zum Text (4)]

[5] VML, Matriken der israelitischen Kultusgemeinde Stadtschlaining [Zurück zum Text (5)]

[6] BLA, JZA, L Stadtschlaining, II/7 [Zurück zum Text (6)]

[7] BLA, JZA, E Güssing, I/4/7 [Zurück zum Text (7)]

[8] BLA, JZA, L Stadtschlaining, XV/3/1 [Zurück zum Text (8)]

[9] BLA, JZA, L Stadtschlaining, III/a/17 [Zurück zum Text (9)]

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