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Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [3].

Gert Polster, Bad Tatzmannsdorf

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Endgültige Abwanderung.

Die vollkommene bürgerliche Gleichstellung der Juden auch in den übrigen Kronländern der österreichisch-ungarischen Monarchie durch das Staatsgrundgesetz von 1867 hob die verbliebenen Einschränkungen auf. Die Abwanderung zielte vor allem auf die großen Städte Wien, Budapest, Zagreb, Szombathely und Graz ab.
Graz war bereits vor 1868 ein begehrter Handelsplatz vor allem der südburgenländischen Juden. Nun konnten sie sich hier dauerhaft niederlassen und eine eigene Gemeinde gründen, an der in erster Linie die Güssinger Juden maßgeblich beteiligt waren.
Der dauerhafte Aufenthalt war Juden in Graz aufgrund der städtischen Statuten lange Zeit verwehrt. Erst durch eine Änderung im Jahr 1861 war es ihnen auch gesetzlich möglich, nicht nur "auf Durchreise", sondern auch die Nacht über in Graz zu bleiben.
Einer, dem die neue gesetzliche Regelung zugute kam, war Ludwig Kadisch, der erste namentlich bekannte Grazer Jude des 19. Jahrhunderts. Dieser wurde 1823 in Rechnitz geboren und übersiedelte als Knabe nach der zweiten Eheschließung seiner Mutter zu seinem Stiefvater Leopold Stern nach Güssing. Wie viele andere Juden aus seiner Gemeinde wurde er Handelsmann und dürfte hauptsächlich die Grazer Märkte aufgesucht haben. Bereits 1850 suchte er um eine Bewilligung für eine koschere Gastwirtschaft an, die ihm zunächst verwehrt wurde. Trotzdem blieb er wie einige andere Juden auch ständig in Graz auf Durchreise. Am 11. Dezember 1861 wurde ihm schließlich die Erlaubnis erteilt und er suchte im Jahr darauf bereits um eine Genehmigung zur Abhaltung eines Gottesdienstes in seinem Lokal an.[10].
Güssinger Juden waren in der Folge an erster Stelle an der Gründung einer eigenständigen Kultusgemeinde in Graz beteiligt und nahmen wichtige Positionen im Vorstand ein.[11].
Trotzdem wurden die Güssinger Juden in Graz noch beinahe zehn Jahre lang der Güssinger Gemeinde zugerechnet. Ein „Verzeichnis derjenigen Individuen, welche in Gratz wohnhaft, jedoch in der Cultus-Gemeinde Güssing einverleibt sind und an Cultus-Steuer im Rückstande sind“ vom 23. Januar 1877 nennt 24 Personen.[12].

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Graz ist ein gutes Beispiel für die Abwanderung der südburgenländisch-westungarischen Juden, weil hier erst im späten 19. Jh. die rechtlichen Grundlagen für eine dauerhafte Ansiedlung geschaffen wurden. Doch wie bereits erwähnt wurde, übersiedelten Juden aus den drei Gemeinden auch in andere Städte und Teile von Österreich-Ungarn.
In einer undatierten und nicht ganz vollständig erhaltenen Güssinger Synagogensitzliste aus den 1870er Jahren geht etwa hervor, dass von 208 Mitgliedern (wovon 9 fehlen) 104 in Güssing, 29 in Graz, 12 in Kroatien (davon 3 in Krapina und 2 in Karlovac), 4 in Szentgotthárd, je 3 in Maribor und Neumarkt an der Raab, je 2 in Jennersdorf, Pinkamindszent, Rauchwart, Rudersdorf und St. Michael sowie je ein Mitglied in 17 Ortschaften des heutigen Südburgenlandes und in Dörfern im angrenzenden Ungarn sesshaft waren.[13]. Das bedeutet, dass zumindest rund 21 Prozent der Mitglieder nicht in der Güssinger Kultusgemeinde wohnten.
Kroatien, wo ebenfalls die ungarischen Gesetze von 1840 und davor galten, war bereits viel früher Siedlungsgebiet für Juden aus dem westungarischen Raum. So wissen wir von Ansiedlungen von Schlaininger und Rechnitzer Juden im späten 18. Jh. und frühen 19. Jh. im Raum Zagreb[14]. und Ludbreg[15].. Diese Wanderung nach Kroatien hielt auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jh. an.

Das Hauptwanderungsgebiet waren jedoch die Hauptstädte Wien und Budapest, die bis ins beginnende 20. Jh. hinein die jüdische Bevölkerung aus den Landgemeinden förmlich aufsogen.
In den großen Städten konnten sich die Neuzugezogenen leichter ihre Existenzen im Bereich von Handel und Gewerbe aufbauen als in der Enge ihrer früheren Heimat, in die noch ihre Eltern und Großeltern aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen hineingezwungen wurden.
Doch auch der besonders im jüdischen Bürgertum stark vertretene Anteil an Intellektuellen fand in der neuen Umgebung bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Vier solcher Persönlichkeiten mit südburgenländischer Abstammung seien daher exemplarisch angeführt:

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Der Historiker Samuel Steinherz kam am 16. Dezember 1857 in Güssing als Sohn des dortigen Lehrers zur Welt. Nach der Übersiedlung der Familie wuchs er in Graz auf und studierte dort wie auch am Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien Geschichte. 1894 erwarb er die Lehrbefugnis für österreichische Geschichte, 1898 auch jene für allgemeine Geschichte des Mittelalters. Obwohl Steinherz seinem jüdischen Glauben treu blieb, wurde er von Theodor von Sickel in Rom mit der Bearbeitung der Nuntiaturberichte aus Deutschland (1560-1565) betraut, womit er sich große Verdienste erwarb. 1901 erhielt Steinherz eine Professur an der Deutschen Universität Prag. Als er 1922 zum Rektor gewählt wurde, war er massiven Angriffen von Seiten deutschnationaler Kreise ausgesetzt. Hochbetagt wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er 1942 starb.[16].

Richard Charmatz wurde am 1. Februar 1879 in Stadtschlaining, wo seine Eltern eine Großtrafik betrieben, geboren und übersiedelte später mit ihnen nach Wien. Für ihn selbst war zunächst auch der Kaufmannsberuf bestimmt, seine Interessen gingen jedoch in eine andere Richtung. Sein Mittelschulstudium hatte er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen, aber nie aufgehört sich selbst zu bilden. Lange Jahre war er Zeitungskorrespondent, dann Redakteur. Schon vor 1914 und dann wieder ab 1920 gehörte er der Redaktion der Wiener "Neuen Freien Presse" als außenpolitischer Leitartikler an. Die Zeit der Shoa konnte er versteckt in Wien überleben und wirkte bei der Neugründung der "Presse" 1946 mit. Als Historiograph schrieb er mehrere Bücher über die österreichisch-ungarische Monarchie. Er starb am 15. Februar 1965 in Wien.[17].

Die Geschwister Anna und Gábor Hajnal spielten in der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle. Anna wurde am 1. Februar 1907, ihr Bruder Gábor am 4. Oktober 1912 in Kohfidisch geboren, wo ihr Vater Wilhelm Holzer ein Wirtshaus mit Greißlerei betrieb. In jungen Jahren übersiedelten sie mit ihren Eltern zuerst nach Szombathely, später nach Budapest. Anna war mit Imre Keszi verheiratet und machte sich als Lyrikerin einen Namen. Gábor schrieb selbst Lyrik und Prosa, galt aber auch als einer der besten Übersetzer ungarischer und deutscher Literatur. Anna verstarb am 6. September 1977, ihr Bruder am 26. Januar 1987 in Budapest.[18].

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[10] Evi Fuks (Hg.), Minhag Styria. Jüdisches Leben in der Steiermark (Graz 2005) S. 37; Artur Rosenberg, Beiträge zur Geschichte der Juden in Steiermark (Wien/Leipzig 1914) S. 114-116 [Zurück zum Text (10)]

[11] Rosenberg, S. 117 [Zurück zum Text (11)]

[12] BLA, JZA, E Güssing, I/5/62 [Zurück zum Text (12)]

[13] BLA, JZA, E Güssing, I/5/128 [Zurück zum Text (13)]

[14] Melita Švob, Od kuda su došli i što su bili naši stari. In: hakol. Glasilo Židovske zajednice u Hrvatskoj (Nr. 96, 2006) S. 23-29 [Zurück zum Text (14)]

[15] Milivoj Dretar, Povijest doseljavanja Židova u ludbreški kraj. In: hakol. Glasilo Židovske zajednice u Hrvatskoj (Nr. 102, 2007) S. 34-36 [Zurück zum Text (15)]

[16] Gerhard Oberkofler, Samuel Steinherz (1857-1942). Biographische Skizze über einen altösterreichischen Juden in Prag (Innsbruck 2008) [Zurück zum Text (16)]

[17] Paul Wildner, Der Historiograph und Journalist Richard Charmatz (1879-1965) (Phil. Diss., Wien 1972) [Zurück zum Text (17)]

[18] Gerhard Baumgartner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining (Stadtschlaining 1988) S. 40 [Zurück zum Text (18)]

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017