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Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [4].

Gert Polster, Bad Tatzmannsdorf

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Neolog oder Orthodox.

Mit der erlangten neuen Freiheit und dem damit verbundenen Bestreben, sich in die christliche Mehrheitsgesellschaft einzufügen, ging ein innerjüdischer Diskussionsprozess einher, der im jüdischen Kongress von 1868 seinen Höhepunkt erreichte und zur Spaltung des ungarischen Judentums in Reformer (Neologen) und Orthodoxe führte. Eine dritte Gruppe wollte sich keiner der beiden Richtungen anschließen, sondern versuchte am status quo ante festzuhalten.
Während die Judengemeinden des späteren Nordburgenlandes strikt an der Orthodoxie festhielten, war die Haltung der südburgenländischen Gemeinden nicht immer eindeutig.
Sowohl Neologie als auch Orthodoxie bestanden innerhalb der Gemeinden mit Sicherheit zur gleichen Zeit. Großen Einfluss auf die theologische Ausrichtung ihrer Gemeinden hatten zweifelsohne die Rabbiner. Deshalb seien die geistigen Führer unseres Betrachtungszeitraumes an dieser Stelle kurz vorgestellt:[19].

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In Güssing wird in den Jahren 1844 bis 1854 Samuel Sommer genannt. Er wurde um 1810 in Pécs geboren und dürfte vor seiner Bestellung nach Güssing in Komarno/Komárom gewirkt haben, denn seine Kinder aus erster Ehe als auch seine zweite Gattin wurden dort geboren. Seine erste Frau starb am 5. Februar 1845 in Güssing. Er hat nach zehn Jahren Güssing verlassen, ging als Rabbiner zunächst nach Vrbové/Verbó und dann nach Pápa, wo er am 23. Jänner 1859 verstarb.[20].
Ihm zur Seite stand Jakob Pollak als Subrabbiner. Dieser wurde 1811 in Güssing geboren und stieg nach dem Weggang Sommers zum Oberrabbiner auf. Nach beinahe 50 Jahren in diesen Funktionen starb er am 26. Februar 1888 in Güssing.
In der Folge übernahm der um 1820 in Rechnitz geborene Kantor Joachim Fischer bis zu seinem Tod am 17. Juli 1895 als Rabbinatsverweser die geistliche Leitung der Gemeinde. Der letzte Rabbiner von Güssing war Jakob Grünfeld. Dieser wurde am 11. August 1865 im heute rumänischen Kozárvár/Cuzdrioara geboren, war seit 1892 Rabbiner und wurde 1895 als solcher nach Güssing berufen. Hier wirkte er bis zu seiner Flucht nach New York 1938.[21]. Grünfeld dürfte der orthodoxen Richtung angehört haben.

In Rechnitz wirkte ab 1822 der Rabbiner Gabriel Engelsmann, auch Gabriel Ben Reuben Israel HaKohen genannt. Er wurde 1771 in Neustadtl an der Waag/Novo Mesto nad Vahom geboren, war streng orthodox und widersetzte sich jeglichen Neuerungen und Reformen.
Sowohl in Neustadtl als auch in Rechnitz unterhielt der gelehrte Rabbiner eine Jeschiwa, die regen Zulauf erhielt.[22]. Gabriel Engelsmann starb am 29. Dezember 1850 in Rechnitz. Während der folgenden achtjährigen Vakanz des Rabbinatssitzes fungierte der um 1794 in Rechnitz geborene Lazar Louis Schloss bis zu seinem Tod am 30. Dezember 1858 als Rabbinatsverweser. Er war bereits Rabbinatsgehilfe seines Vorgängers.
Nach ihm wurde Maier Zipser zum Rabbiner gewählt. Er wurde am 14. August 1815 in Balassagyarmat geboren und war von 1844 bis 1858 Rabbiner in Székesfehérvár. Als einer der führenden Köpfe des ungarischen Reformjudentums nahm er großen Einfluss auf die Rechnitzer Gemeinde. Er starb am 10. Dezember 1869 in Rechnitz.

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Seine Nachfolge trat der frühere Lehrer Moritz Moses Ehrlich an, der auch Zipsers Witwe heiratete. Er war der Bruder des Körmender Rabbiners Max Ehrlich und wirkte 50 Jahre lang wahrscheinlich im Geiste seines Vorgängers bis zu seinem Tod am 27. Juni 1921.[23].

In Stadtschlaining war von 1834 bis 1870 Moses Weinrebe als Rabbiner bestellt. Er wurde um 1797 im polnischen Laszk geboren. Wie weiter unten gezeigt wird, gehörte er der orthodoxen Richtung an. Er verstarb am 22. Januar 1870 in Schlaining. Den Rabbinatssitz nahm nach Weinrebes Tod der am 24. Januar 1842 in Schlaining geborene Jonas Heinrich ein. Er verstarb am 10. Juni 1905 nach einem jahrelangen Leiden. Sein Verhältnis zu der christlichen Bevölkerung dürfte ein sehr umgängliches gewesen sein, denn von seinem Begräbnis wird berichtet, dass die Feuerwehr geschlossen ausrückte und die Glocken sämtlicher Schlaininger Kirchen geläutet wurden.[24].
Bereits während der langen Krankheit von Rabbiner Heinrich versah Felix Feiwel Blau die geistlichen Belange der Kultusgemeinde. Dieser wurde am 17. April 1861 in Székesfehérvár geboren, wo sein Großvater mütterlicherseits Gottlieb Fischer Rabbiner war, und kam am 1. März 1902 als Rabbinatsverweser nach Schlaining. Mit 1. Juni 1923 verlegte er seinen Sitz in die Filialgemeinde Oberwart, das 1930 nach langen Auseinandersetzungen zur selbständigen Gemeinde erhoben wurde, der wiederum Schlaining als Filiale angeschlossen wurde.
Rabbiner Blau starb als letzter Rabbiner von Schlaining bzw. Oberwart am 4. Januar 1932 in Oberwart.[25].

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Rechnitz schloss sich unter dem Rabbiner Maier Zipser dem Reformjudentum an. Schlaining war ebenso zeitweilig unter neologischem Einfluss. Umbauten der Synagogen in diesen beiden Orten mit der Versetzung des Almemors von der Raummitte zum Thoraschrein waren die Folge.
Reformströmungen gab es in der Rechnitzer Gemeinde aber bereits in der Zeit von Rabbi Gabriel Engelsmann. Als der Gemeindevorstand ihm einen Plan zur Versetzung des Almemors vorlegte, soll der Rabbiner gesagt haben:

»Gut, aber wenn ihr heute den Almemor verlegt, so verlasse ich morgen Rechnitz.«[26].

Leopold Moses beschrieb in den 1920er Jahren in der "Jüdischen Presse" Schlaining und Rechnitz. Am meisten stieß er sich als orthodoxer Jude an der Lage des Almemors in der Rechnitzer Synagoge:

»Aber bei allem Sinn für Schönheit und Kunst besitzt die Synagoge von Rechnitz doch einen nicht zu übersehenden Schönheitsfehler. Seit der [...] Renovierung im Jahre 1855 befindet sich ihr Almemor vor der Bundeslade, wo er, abgesehen von allen anderen Bedenken, in diesem sonst so ehrwürdigen und stimmungsvoll wirkenden Raume ziemlich stilwidrig wirkt. [...] Es war vor sechs bis acht Dezennien in Ungarn Mode, ohne Rücksicht auf die Tradition gewisse Dinge in Synagoge und Leben einzuschmuggeln, die der patriotischen Verschmelzung mit dem Staatsvolke die Wege ebnen sollten. Dabei wurde unbewußt oder bewußt Anlehnung an manche kirchliche Einrichtung gesucht, von der Gegenseite aber natürlich nur umso schärfer abgelehnt. «[27].

Moses berichtet, dass der Mattersdorfer Rabbiner Ehrenfeld, als er wegen Beitrittsverhandlungen zum Verband der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes in Rechnitz weilte, sich weigerte wegen der Lage des Almemors die Synagoge zu betreten. Daraufhin wurden die Gespräche abgebrochen.
Die Eingabe um Genehmigung des Organisationsstatutes des Verbandes der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes zu Beginn der 1920er Jahre haben daher alle israelitischen Kultusgemeinden mit Ausnahme der Kultusgemeinde Rechnitz mitgefertigt.[28].


[19] Soweit nicht anders angegeben folgen die Daten den Matrikenabschriften der Kultusgemeinden im Komitatsarchiv in Szombathely (Vas Megyei Levéltar) [Zurück zum Text (19)]

[20] Ben Chananja 2 (1859), S. 96 [Zurück zum Text (20)]

[21] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. IV B, 1067-1938 [Zurück zum Text (21)]

[22] Maleachi, Aus dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. In: Jüdische Presse. Nr. 33/34, 22.9.1922, S. 201f. und Nr. 37/38, 6.10.1922, S. 221-223 [Zurück zum Text (22)]

[23] Leopold Moses, Rechnitz. In: Jüdische Presse, Nr. 7, 15.2.1929, S. 3 [Zurück zum Text (23)]

[24] Oberwarther Sonntagszeitung, Nr. 25, 18.6.1905, S. 5 [Zurück zum Text (24)]

[25] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. IV B, 1067-1938 [Zurück zum Text (25)]

[26] Maleachi, Aus dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. In: Jüdische Presse. Nr. 37/38, 6.10.1922, S. 223 [Zurück zum Text (26)]

[27] Moses, Rechnitz, S. 2 [Zurück zum Text (27)]

[28] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. VIII, 567-1926 [Zurück zum Text (28)]

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