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Berühmtheiten in und aus Eisenstadt [1].

Nikolaus Vielmetti, Wien

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Viele Kleinstädte und Dörfer begnügen sich nicht damit, dem Besucher den Reiz ihrer alten Häuser und Gassen vorzuführen, sie weisen ihn auch gern darauf hin, welche berühmten Männer hier aufgewachsen sind oder eine zeitlang gelebt haben. Manche alte Judengassen können solchen Ruhm ebenfalls für sich in Anspruch nehmen, wobei der Kontrast zwischen dem unscheinbaren Ursprung und der nachfolgenden Bedeutung ihrer großen Söhne womöglich besonders auffällig ist. Aus der Natur der Sache ergibt es sich jedoch, dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus der ›Gasse‹ hervorgegangen waren, dem Gelehrten- und Rabbinerstand angehörten und daher außerhalb des Judentums kaum größere Bekanntheit zu erlangen pflegten.

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Meir Eisenstadt.

Die erste bedeutende Persönlichkeit dieser Art war Meir Eisenstadt oder Asch (= Aisen-Schtatt), der im Jahre 1717 als Rabbiner berufen wurde. Zwanzig Jahre später schrieb er in einem Rückblick:

»Ich segne den Ewigen zu jeder Zeit, meine Seele ist voll Dank gegenüber seinem hl. Namen ... Er führte mich in einen Ort von Gelehrsamkeit (wörtlich: in einen bedeutenden Ort der vier Ellen der Halakha) und setzte mich auf den Lehrstuhl und den Richterstuhl in der hl. Gemeinde Eisenstadt, wo ich unter vornehmen und edlen Männern sein durfte«. Zitat Rabbi Meir.

Diese beiden Aufgaben - Lehramt und Richteramt - erfüllte er so vorzüglich, dass sein Ruhm weit über Eisenstadt hinausreichte. Von überall her drängten Schüler in seine Jeschiva (Talmudschule) und von vielen Seiten legte man ihm rituelle oder zivilrechtliche Fragen zur Entscheidung vor. Für seine eigene Gemeinde erließ er einige Verordnungen, die in Eisenstadt eine gewisse Tradition begründeten. Sein Name bleibt mit seinem Hauptwerk Panim Meirot (›leuchtendes Antlitz‹), einer umfangreichen Responsensammlung, verbunden. Der erste Teil erschien schon vor seiner Eisenstädter Zeit (1715) in Amsterdam, die beiden restlichen wurden 1773 bzw. 1738 in Sulzbach gedruckt.

Sein Grab auf dem alten Friedhof ist bis zum heutigen Tage deutlich erkennbar und noch alljährlich das Ziel von Jüngern, die sein Gedächtnis feiern.

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Akiba Eger.

Knappe hundert Jahre nach Meir Asch fällt die Lebenszeit eines anderen Rabbiners von europäischem Ruf, der 1761 in Eisenstadt geboren wurde. Er ist allgemein bekannt als Akiba Eger der Jüngere, d. h. unter dem Familiennamen seiner Mutter, die eine Tochter des Pressburger Rabbiners Akiba Eger des Älteren war. Sein Vater war Moses Güns (= Schlesinger) in Eisenstadt. Akiba verließ schon als Kind seine Heimat, weil sein in Preußen lebender Onkel Wolf Eger ihn zu sich nahm und unterrichtete.

Sein Wunsch war es, sein Leben ganz dem Studium des hl. Gesetzes zu widmen. Dem diente die Heirat mit einer reichen Erbin, doch als durch ein Unglück das Vermögen verloren ging, musste er ein Rabbinat annehmen. So kam er 1791 nach Märkisch Friedland. 1810 versuchte seine Heimatgemeinde Eisenstadt vergeblich, den inzwischen berühmt Gewordenen für sich zu gewinnen. Stattdessen folgte er 1814 einem Ruf nach Posen, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1837 wirkte. Seine Verbindung zu West- und Oberungarn riss aber nicht ab, denn 1812 heiratete seine Tochter Sarl den Rabbiner von Pressburg namens Moses Frankfurt - das war niemand anderer als der große Moses Sofer (Schreiber), Stammvater der Dynastie Schreiber und Gründer der Pressburger Schule, eines Zentrums der Orthodoxie. Aus Frankfurt stammend, war er um die Jahrhundertwende Rabbiner in Mattersdorf geworden und 1803 nach Pressburg gekommen. Er fand übrigens 1814 Aufnahme in den Verband der Gemeinde Eisenstadt.

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Asriel Hildesheimer.

Eine Generation später wirkte in Eisenstadt ein Rabbiner, der bleibende Bedeutung innerhalb der jüdischen Geistesgeschichte erlangen sollte: Dr. Israel Hildesheimer (1820-1899). Mit Samson Raphael Hirsch (1808-1888) war Hildesheimer der Erneuerer des ›gesetzestreuen Judentums‹, auch Neo-Orthodoxie genannt, in Deutschland, eine Bewegung, die in verschiedenen Städten lebendige Gemeinden und wichtige Institutionen aufbaute, deren Einfluss weit über die Landesgrenzen reichte. Ihre Grundsätze manifestieren sich an dem Beispiel, das Hildesheimer selbst gab, am deutlichsten. Sein Leitspruch lautete: Tora im derekh erets - das geoffenbarte Gesetz mit den Forderungen des Alltags (das heißt näherhin: der modernen Zivilisation) vereinen. Dazu gehörte die Notwendigkeit, die traditionelle jüdische Bildung und Ausbildung durch zeitgemäßes wissenschaftliches Studium zu ergänzen. Hildesheimer, der in dem streng orthodoxen Milieu von Halberstadt, übrigens auch der Heimat der Familie Eger, aufgewachsen war, erhielt Unterricht bei seinem Vater, später bei angesehenen jüdischen Lehrern in Altona und Hamburg, wo er nebenbei die Gymnasialfächer studierte und schließlich die Matura bestand. So bezog er als 20jähriger die Universität Berlin, wo er Philosophie, alte Sprachen und Mathematik inskribierte. Später ging er nach Halle, wo er zum Dr. phil. promoviert wurde (1844). Die folgenden sieben Jahre verbrachte Hildesheimer in seiner Heimatgemeinde als deren Sekretär, wobei er auch Gelegenheit zu pädagogischer Praxis hatte. Er sammelte um sich einen Kreis von Jugendlichen, die er - treu seinem Grundsatz - in talmudischen und humanistischen Fächern unterrichtete. Er dürfte mit seinem Wirken in Halberstadt einen gewissen Ruf erworben haben; trotzdem überrascht es uns, dass ihn gerade aus Eisenstadt, »im fernen, wirren Ungarn« (so schrieb Hildesheimer später einmal), die Einladung erreichte, das seit zehn Jahren vakante Rabbinat zu übernehmen. In einem Brief vom September 1850 hatte sich die Gemeinde als eine der bedeutendsten in Ungarn, doch zugleich ziemlich nah bei Wien, vorgestellt, sie zählte 160 Familien und bildete eine religiös-politische Einheit in einem separaten Stadtteil, was die Bewohner jedoch nicht hinderte, in der Christenstadt Gewerbe zu treiben. Die Gemeinde sei noch eine von den ›frommen‹, dementsprechend erwarte man vom Rabbiner die Ausübung seines Amtes in traditioneller Weise. Besonders wichtig sei, dass er sich des derzeit vernachlässigten Schulwesens annehme.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017