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Berühmtheiten in und aus Eisenstadt [2].

Nikolaus Vielmetti, Wien

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Asriel Hildesheimer.

Fortsetzung

Hildesheimer zögerte offensichtlich nicht, das Angebot anzunehmen. S. W. Baron, der große Historiker des Judentums, vermutet, dass Hildesheimer vielleicht in die Ereignisse des Jahres 1848 verwickelt gewesen sei und daher Deutschland nicht ungern verlassen habe. Der ›deutsche Doktor‹ sollte jedoch nicht ohne Hindernisse in Eisenstadt einziehen, da es Kreise gab, die seine Wahl widerrufen und ihn zur Rückkehr nach Deutschland veranlassen wollten. Es kam jedenfalls so weit, dass er in Baden bei Wien Station machen musste, bis man dem Ausländer die ungarische Staatsbürgerschaft verlieh. Da aber das Wirken des Raw in der Gemeinde nicht politisch, sondern religiös bestimmt ist, zählte für ihn nicht die Entfernung, die Ungarn von Deutschland trennt, vielmehr verband ihn die Gemeinsamkeit der orthodox-jüdischen Überzeugung mit dem fremden Land, zumal Sprachbarrieren kaum hinderlich waren. Es gab zwar einen Sprachenstreit - der ging aber darum, ob die Predigt hochdeutsch oder im ›Jargon‹ sein solle, hingegen wurde das Magyarische unter den Orthodoxen noch wenig verwendet.

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Hildesheimer fand in Ungarn vom ersten Augenblick an eine geistige Heimat, da in Pressburg und in vielen anderen Gemeinden gleichgesinnte Verteidiger des gesetzestreuen Judentums waren, die wiederum sein großes Wissen wie überhaupt seine Persönlichkeit bewunderten.

Im Jahre 1860 empfahl er einem Freund in Düsseldorf die heile Welt von Ungarn:

»... hier ist noch echt jüdisches Leben‹ - und präzisiert es näher: wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der JeschivaZitat Hildesheimer in einem Brief.

Für die Gemeinde Eisenstadt war der deutsche Doktor ein großer Segen, die altjüdische Tradition entstand unter seiner energischen Leitung in neuem Glanze. Insbesondere blühte die Jeschiva wieder auf. Wie zu den Zeiten des Meir Asch wurde Eisenstadt wieder das Ziel vieler Rabbinatsstudenten, nicht nur aus Ungarn und den österreichischen Ländern, sondern »den verschiedensten Gegenden Deutschlands, ja auch schon aus Holland und Dänemark«. Zitat Hildesheimer in einem Bericht der Schule.

Es leuchtet ein, dass sich Hildesheimers Aktivität nicht mit der eigenen Gemeinde begnügte, obgleich ihn die Jeschiva und die übrigen Pflichten, nicht zuletzt auch gegen die eigene Familie, hinreichend in Anspruch nahmen. Mit all seinen Arbeiten brachte er es schließlich dahin:

»Was nicht nachts von 2 bis 4 geschieht, kann überhaupt nicht geschehen«. Zitat Hildesheimer.

So sammelte er alljährlich im ganzen Land Geld für die aus Österreich-Ungarn stammenden Juden in Palästina und arbeitete für sie Projekte aus, die sich als sehr nützlich erweisen sollten. Er war es auch, der die Juden im deutschen Raum alarmierte, damit sie etwas für die Falaschas, die abessinischen Juden, unternehmen.

Am nächsten lag jedoch dem Eisenstädter Rabbiner die Sorge um das gesetzestreue Judentum im Königreich Ungarn. Wenn er auch befriedigt feststellte, dass sich hier die altjüdische Tradition besser hielt als anderswo, blieb ihm doch nicht verborgen, dass »sehr viele Gemeinden das gerade Gegenteil« (Zitat Hildesheimer) bewiesen. Denn obgleich die Uhren in Ungarn langsamer gingen, gab es bestimmte Rabbiner, die sich an den Reformbewegungen in Deutschland orientiert hatten und den Grund zu der später ziemlich starken Gruppe der ›Neologen‹ legten.

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Mit dem Ausgleich von 1867 war auch für die ungarischen Juden die volle Gleichberechtigung gekommen. Baron Joseph Eötvös, der schon 1840 einen Aufruf für die Emanzipation der Juden veröffentlicht hatte, war jetzt Kultusminister und wollte die äußeren Rechtsverhältnisse der Israeliten neu ordnen. Es ging darum, deren eigene Meinung zu religiösen und organisatorischen Fragen zu erheben. Zu diesem Zwecke wurde für den Winter 1868/69 in Pest ein allgemeiner jüdischer Kongress einberufen.

Hildesheimer, der von seiner deutschen Erfahrung her sich immer gegen die Reformpartei gestellt und schon den Anfängen zu wehren gemahnt hatte, schloss sich natürlich seinen orthodoxen Amtskollegen an, stieß aber in diesem Lager auf Misstrauen und Ablehnung, weil extrem traditionelle Kreise (»Jeder Raw habe genug, wenn er seinen Namen deutsch unterschrieben könne« [Zitat Hildesheimer]) durch seine pädagogischen Forderungen geradezu schockiert waren. So blieb er mit einer kleinen Gruppe in der Minderheit.

Der Kongress brachte als Ergebnis eine Spaltung der jüdischen Gemeinschaft in Konservative und Neologen, die im Jahre 1871 in der Hauptstadt jeweils ihre ›Landeskanzlei‹ eröffneten.

Aber da war Hildesheimer schon nicht mehr in Eisenstadt; denn der Landeskongress hatte für ihn zugleich Höhepunkt und Ende seines Wirkens in Ungarn bedeutet. Im selben Jahre (1869) folgte er einem Rufe nach Berlin, wo zweihundert gesetzestreue Familien eine eigene Gemeinde gebildet und ihm das Rabbinat angeboten hatten.

Hier sollte er dreißig Jahre lang, bis zu seinem Tode, eine zentrale Stellung innerhalb des orthodoxen Judentums einnehmen. Vor allem erfüllte sich sein alter Herzenswunsch durch die Gründung des Rabbinerseminars (1873), einer akademischen Ausbildungsstätte für künftige orthodoxe Rabbiner. Damit fand seine Arbeit, die in der Eisenstädter Jeschiva unter bescheidensten Voraussetzungen begonnen hatte, ihre Krönung.

Siehe weiters: Artikel ›Hildesheimer und Kutna. 2 Rabbinen Eisenstadts‹.

Quelle:
Ausschnitt aus: Nikolaus Vielmetti, Die Judengasse von Eisenstadt und das Wertheimerhaus. In: Das Österreichische Jüdische Museum. Hrsg. v. Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt, 1988. S. 55-64.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017