Textlogo: Österreichisches Jüdisches Museum; Zur Startseite[D]

Hauptnavigation.

 

Juden im Burgenland [1].

Johannes Reiss, Eisenstadt

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5

Eine literarische Einleitung.

»Es ist ein gesegneter Fleck Erde, auf dem sich hier die Juden, auch neben ihrem Schloss, der Residenz des Fürsten Esterházy, ansiedelten.
Und eine neue Heimat wurde es für viele Wiener Stammesgenossen, als sie 1670 von Kaiser Leopold vom Ersten aus den ›Unteren Wörth‹ (der heutigen Leopoldstadt) vertrieben worden waren. Die armen Wiener irrten in der Welt herum, sie fanden in Böhmen und Mähren vorübergehend Zufluchtstätte. Zu ihnen gesellte sich die Eisenstädter Judenschaft, auf die im Jahre 1671 die Austreibungsverordnung ebenfalls angewendet worden war, aber vier Monate später konnten die Eisenstädter zurückkehren und fünf Jahre später folgten ihnen nach Eisenstadt viele von jenen Wiener Juden, die sich in Nikolsburg niedergelassen hatten.

Sie hatten gute Gründe, sich für diesen Zufluchtsort zu entscheiden. Es war sicherlich nicht nur die fruchtbare Landschaft, in der sie ihre Vermittlertätigkeit vorteilhafter auszuüben hofften, und die Nähe Wiens, das ja in einer halben Tagesreise zu erreichen war, die sie anzog, sondern auch der Umstand, dass Eisenstadt seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr zu dem damals gefürchteten Niederösterreich gehörte, sondern zu Ungarn, und schließlich und letztends, weil die Schutzherrn hier so wie in sechs anderen Gemeinden, Mattersdorf, Kobersdorf, Lackenbach, Deutsch-Kreutz, Frauenkirchen, Kittsee - in den ›sieben Gemeinden‹ - die Fürsten Esterházy waren. Gerade fünf Jahre vorher hatte der Fürst den Juden ein an seinen Schlosspark und Meierhof angrenzendes Gebiet zur Besiedlung übergeben. Er erwies sich, ebenso wie seine Vorgänger in der Herrschaft Eisenstadt, in kritischen Zeiten den Juden gnädig. Stets waren es lediglich die Städtebürger, die in Eisenstadt, in Pressburg und in Wien gegen die Juden aus Geschäftsneid bei den Herrschern hetzten.

nach oben

In Eisenstadt wohnten die Juden, soweit sich aus vorhandenen geschichtlichen Quellen ersehen lässt, vom 14. Jahrhundert bis Mitte des 17. Jahrhunderts wohl in einem gesonderten Viertel, aber im Weichbild der Freistadt Eisenstadt und unter kläglichen Verhältnissen.

Die in Nikolsburg im Exil Lebenden traten in Verbindung mit dem Fürsten Esterházy, unter dessen Schutz sie sich begaben und wanderten nach Eisenstadt aus, geführt von einem geistlichen Oberhaupt, Hirz Kamen, der ihr Führer und Mittelpunkt schon in Nikolsburg war, und einigen anderen großen Wienern, die erfahren in der Verwaltung eines Gemeinwesens, die Niederlassung in Eisenstadt organisierten. Die Privilegien, die Fürst Esterházy ihnen 1675 gewährte, wurden wohl 1690 neuerlich bestätigt.

Deutlich geht aus diesem Privileg hervor, dass der Fürst die Nikolsburger, das heißt die Wiener Emigranten, die nach Nikolsburg ins Exil gegangen waren, unter seinen Schutz genommen hatte.

Kaum zwanzig Jahre lebten die Exulanten friedlich in ihrer neuen Heimat, als 1704 die Kuruzzen Eisenstadt belagerten. Die Judengemeinde war ungeschützt und viele von ihnen nehmen Zuflucht in der Feste Forchtenstein; viele flüchteten nach Wien zurück, wo der Aufenthalt von Juden wieder toleriert wurde. Die Unruhen waren 1708 vorüber. Wie nun die Wiederbesiedlung vor sich ging, ist am ehesten aus den vor den Rabbinatsgerichtshof des bekannten Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer geführten Verhandlungen zu ersehen.

nach oben

Samson Werteimer selbst hatte für Eisenstadt ein lebhaftes Interesse. Dort baute er sich ein vornehmes Haus mit eigenem Tempel und siedelt dort auch seinen Bruder Moses Wertheimer an. 1693 wurde er zum Ober- und Landesrabbiner gewählt, wobei Eisenstadt die führende Rolle erhielt. Die Pergamenturkunde, mit welcher diese Würde ihm verliehen wurde, ist in Eisenstadt noch erhalten. Unter den zwölf Unterschriften, die sie trägt, sind drei von Söhnen von Märtyrern.

Jetzt konnten nicht nur die versprengten Exulanten wieder zurück, sondern mit ihnen auch eine Menge andere Wiener darunter Benjamin Wolf Preisach, dessen Enkel der Großhändler des Bethauses in der Seitenstettengasse Salomon Preisach (begraben in Eisenstadt) war. Samson Wertheimer brachte 1717 seinen gelehrten Freund Meir ben Isak, bekannt unter der Abbreviatur Maharam, als Oberrabbiner nach Eisenstadt, der mit seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit und seinem Verstand Eisenstadt zu einem Mittelpunkt machte, auf den die ganze damalige Welt hinblickte.

Der neue Zuzug von Wienern erhöhte auch den Glanz der Gemeinde. 1735 zählte sie nach der Konskriptionsliste 599 Seelen. Immer mehr Stammesgenossen wünschten Mitglieder der Gemeinde zu werden, besonders solche, die auf Grund des Esterházyschen Schutzbriefes in Wien sich aufhalten wollten, denn mittels dessen konnten sie von der k.k. Polizeidirektion eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, die wohl nur für drei Tage, jedoch immer verlängert wurde.

Und deshalb treffen wir immer mehr Eisenstädter im Wiener Handel an und so wie Salomon Preisach treffen wir oft Nachkommen der Exulanten in der Vertretung der Wiener Kultusgemeinde.

Das Erscheinen der Wiener Juden in Eisenstadt bedeutete nicht nur für diese, dass sie nun aufatmen konnten, sondern Eisenstadt selbst begann aufzuleben. Es begann die Blütezeit des jüdischen Wandel der Jahrhunderte erfahrenen Familien, deren Mitglieder in Wien wiederholt öffentliche Ämter bekleidet hatten und so auch die Grundlage für die strenge Ordnung in der Führung des Gemeindewesens schaffen konnte.«

Erschienen in: Wiener Morgenzeitung, Nummer 2535 (Sonntag, 14. März 1926), Seite 12 unter dem Titel: ›Das heutige Eisenstädter Ghetto - eine Gründung der Wiener Exulanten des Jahres 1670‹. Von Sándor Wolf.

Ein wenig beschämend ist es, dass auch heute, fast 80 Jahre nach diesem Artikel Wolfs, eine großangelegte wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden im Burgenland ohne temporäre Einschränkungen fehlt.

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5.

Zurück zum Text ›Artikel‹.


nach oben


Zusatznavigation.

Suche.


Zurück zur Hauptnavigation.
Zurück zur Navigation der Unterseiten von Bereich Startseite.
Zurück zum Artikel ›Juden im Burgenland, Seite 1‹.
Zurück zur Zusatznavigation mit Links zu Suche, Hilfe, Lexikon und Inhalt.

Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017