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Juden im Burgenland [2].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Zur Geschichte der Juden im Burgenland.

Vom 13. zum 19. Jahrhundert.

Die ersten sicheren Spuren von Juden auf dem Gebiet des Burgenlandes führen in das 13. Jahrhundert. So besaß Eisenstadt im Mittelalter auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes wohl die einzige voll ausgebildete jüdische Gemeinde -, der größte Zuwachs an jüdischen Siedlungen und der Beginn einer kontinuierlichen Besiedlung ist jedoch erst im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts zu verzeichnen. Einige der 1670 aus Wien von Kaiser Leopold I. vertriebenen Juden gehörten zu den Gründervätern der Gemeinde Eisenstadt - die ältesten Grabsteine tragen die Namen Austerlitz, Kama und Goldschmid; Gemeinden wie Kittsee, Frauenkirchen oder Deutschkreutz entstanden, andere Gemeinden wie Mattersdorf - heute Mattersburg -, Lackenbach oder Kobersdorf wurden in den Jahren nach 1671 wiedererrichtet.

Am bekanntesten unter den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, das bis 1921 zu Ungarn gehörte, sind wohl die sogenannten ›Sieben-Gemeinden‹, hebräisch: ›Scheva Kehillot‹ (Kittsee, Frauenkirchen, Eisenstadt, Mattersdorf (bzw. -burg), Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz), die alle unter dem Schutz der mächtigen Familie Esterházy standen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts bestanden neben diesen Fürstlich Esterházyschen Gemeinden und der Gräflich Esterházyschen Gemeinde Gattendorf im heutigen Südburgenland fünf jüdische Gemeinden unter dem Schutz der Fürsten bzw. Grafen Batthyány Rechnitz, Güssing, Stadtschlaining und die auf heute ungarischem Boden liegenden Gemeinden Körmend und Nagykanizsa.

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Die Schutzbriefe, die immer wieder erneuert wurden, regelten auf Vertragsbasis bis ins kleinste Detail die Rechte und Pflichten der Untertanen des Fürsten, die sich selbst ›Hochfürstlich Esterházysche Schutzjuden‹ nannten. Schon Hodik [1]. weist im Zusammenhang mit dem Schutzbrief für die Gemeinde Mattersdorf darauf hin, dass im Zusammenhang mit den Schutzbriefen von Privilegien zu sprechen

»in hohem Maße irreführend (ist), da eben nicht echte Privilegien, also Bevorzugung gegenüber Anderen andeutende Bestimmungen, sondern eigentlich Reglementierungen der einfachsten Lebensäußerungen der jüdischen Untertanen den Inhalt solcher Urkunden ausmachten«.

Der Zusatz ›Jarum Hodo‹ (hebräisch für ›seine Herrlichkeit werde erhöht‹) in allen Schriftstücken, in denen vom Fürst die Rede ist, darf jedenfalls als Hinweis auf die Dankbarkeit der Esterházyschen Judengemeinden für die Sicherung ihres Lebens gelten. In den 17 Schutzpunkten des vom 1. Jänner 1690 datierten Schutzbriefes für die jüdische Gemeinde Eisenstadt wird den Juden u. a. die niedere Gerichtsbarkeit (über Rauf- und andere Händel) zugestanden sowie die Erlaubnis, ihre Glaubensvorschriften auszuüben. Die Mattersdorfer Gemeinde erhielt ihren Schutzbrief 1694, der wie überall von den nachfolgenden Fürsten jeweils konfirmiert wurde. Aus Mattersdorf besitzen wir dank Hodik auch eine Berufsliste der Mattersdorfer Juden aus dem Jahr 1744, deren Zahlen wohl auch im wesentlichen für die anderen jüdischen Gemeinden gelten dürfen: ca. 45% gehörten den Handelsberufen an - neben Pferde-, Fell-, Bänder- und Tuchhändlern usw. betrieb eine große Gruppe Handel mit verschiedenen Waren, ca. 23% gehörten zur gewerblichen Produktion bzw. zum Handwerk - belegt sind Berufe wie Schneider, Branntweinbrenner, Fleischhacker, Bierbrauer usw. Vor allem das Bierbrauen hatte um diese Zeit bereits eine lange Tradition, die bedeutende Mattersdorfer Brauerei z. B. befand sich bis 1808 in jüdischem Besitz. 21% machte die Gruppe der Dienstleistungsberufe aus, wie z. B. Brief- und Dienstboten, Bierschenker, Spielmänner etc. Erstaunlich hoch war die Gruppe der Bildungsberufe, also Schulmeister und Schreiber mit über 13%.

Hatten um 1700 auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes 12 Gemeinden existiert, waren es seit der Mitte des 18. Jahrhunderts - nach Auflassung der Gemeinde Neufeld im Jahr 1739 - 11 Judengemeinden.

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Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebten auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes etwas mehr als 8.000 Juden, das bedeutete 3,6% der Gesamtbevölkerung. So zählte 1877 Lackenbach, das seit dem 18. Jahrhundert zu den Fürstlich Esterházyschen ›Sieben-Gemeinden‹ gehörte, 770 Juden im Ort. Diese fast 62% der Gesamtbevölkerung führten im Volksmund dazu, dass man Lackenbach als rein jüdischen Ort bezeichnete.

Nach der Revolution von 1848, in die Juden der westungarischen Gemeinden kaum involviert waren (eine Ausnahme bildeten etwa die Brüder Carl, Komponist, und Dr. Josef Goldmark, erster Sekundararzt im allgemeinen Krankenhaus in Wien (Carl Goldmark, Erinnerungen aus meinem Leben, Wien 1922, 27ff.), und dem Ende der Schutzjudenschaft eröffnete sich für manche Gemeinden die Möglichkeit zur völligen politischen Autonomie. Die Juden waren nun freie, gleichberechtigte Staatsbürger geworden, die in Eisenstadt als ›Israeliten-Gemeinde Eisenstadt‹ 1871 die selbstständige ›Großgemeinde‹ Unterberg-Eisenstadt mit eigenem Richter (= Bürgermeister) und Notär (= Amtmann) gründeten, eine Autonomie, welche Eisenstadt als einzige Gemeinde bis 1938 erhalten konnte.

Die autonome israelitische Gemeinde Mattersdorf war beispielsweise schon zu Beginn des Jahres 1903 mit der christlichen Gemeinde zusammengelegt worden.

In Ungarn war es 1868/69 bzw. mit der Gründung der ›Israelitischen Landeskanzlei‹ der Liberalen (Neologen) zur sogenannten Trennungsorthodoxie gekommen, während sich in Österreich der bereits im Vormärz geschaffene ›Minhag Wina‹, (›Wiener Brauch‹) also ein Kompromiss zwischen konservativen und liberalen Tendenzen, weiterhin durchsetzte. Nur eine Minderheit ungarischer Juden schloss sich dem orthodoxen Gemeindebund an, darunter auch alle Sieben-Gemeinden, während sich die südlichen Gemeinden Güssing, Oberwart, Stadtschlaining und Rechnitz den Neologen angeschlossen hatten.


[1] Siehe besonders: Fritz P. Hodik, Beiträge zur Geschichte der Mattersdorfer Judengemeinde im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Burgenländische Forschungen, Heft 65, Eisenstadt 1975 [Zurück zum Text (1)].

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