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Juden im Burgenland [3].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Zur Geschichte der Juden im Burgenland.

Fortsetzung

Aufkommender Antisemitismus.

Der Antisemitismus war nach dem Ende des 1. Weltkrieges stärker und spürbarer geworden: Da zahlreiche Anführer der ungarischen Räterepublik - wie Bela Kuhn - aus assimilierten jüdischen Familien stammten, kam es nach dem Scheitern der Räterepublik am 1. August 1919 und der ›weißen‹ Konterrevolution, durch die der christliche Admiral Miklós (Nikolaus) Horthy an die Macht gelangt war, zu pogromartiger Stimmung vor allem gegen die Juden. Der ›weiße Terror‹, der erst im Frühsommer 1920 langsam abklang, kostete etwa 5.000 Menschen das Leben und brachte 70.000 Bürger ins Gefängnis, in Internierungslager oder zwang sie zur Flucht ins Ausland. Viele Juden sahen offensichtlich im Anschluss an Österreich eine Rettung vor dem ›weißen Terror‹ in Ungarn und votierten für den Anschluss. Im Sommer 1919 schickte die Redaktion der Wiener Tageszeitung ›Der Neue Tag‹ Joseph Roth als Sonderberichterstatter nach Westungarn, dem heutigen Burgenland. Joseph Roth, dessen mehrteilige Reportage ›Reise ins Heanzenland‹ der erste seiner bald berühmt gewordenen Reiseberichte war, schrieb am 5. September 1919 in ›Der Neue Tag‹:

»Noch nie ist mit dem Namen Christi schändlicherer Missbrauch getrieben worden als jetzt in Ungarn ... War die Losung früher: Bourgeoisie! so heißt sie jetzt: Jud!«.

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Auch in Eisenstadt war ein Mordopfer zu beklagen: in Donnerskirchen fand man die Leiche eines jungen Arbeiters aus der Spitzer'schen Lederfabrik in Unterberg-Eisenstadt.

Nach dem von den Juden gutgeheißenen Anschluss des Burgenlandes an Österreich mussten die burgenländischen Juden danach streben, möglichst rasch zu einer eigenen orthodoxen Landeskanzlei zu kommen. Die gründende Vollversammlung des ›Verbandes der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes‹ fand denn auch schon im Mai 1922 statt, sowohl Landeshauptmann als auch Bundeskanzler drückten ihre Sympathie für solche Bestrebungen aus! Selbstverständlich stießen diese Bestrebungen auch in Wiener orthodoxen Kreisen auf positives Echo. Dem neugegründeten Verband, der sich ›nunmehr aber als selbständige burgenländische autonome orthodoxe auf der Basis des den orthodoxen Juden richtungsgebenden Schulchan Aruch ruhende Religionsgemeinschaft‹ verstand, traten - wenn auch nicht sofort - so doch binnen zwei Jahren alle Kultusgemeinden bei.

Als der Gauleiter und am 11./12. März 1938 von Bundeskanzler Seyß-Inquart zum Landeshauptmann bestellte Dr. Tobias Portschy am 2. April 1938 forderte, im Burgenland neben der Agrarreform und der Zigeunerfrage auch die Judenfrage mit nationalsozialistischer Konsequenz zu lösen, bedeutete dies das endgültige Aus einer dreihundertjährigen kontinuierlichen jüdischen Geschichte dieses jüngsten Bundeslandes Österreichs.

In allen Gemeinden hatte die Zahl der jüdischen Bevölkerung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ständig abgenommen, 1934 lebten laut Volkszählung 3.632 Juden, ca. 1,2% der Gesamtbevölkerung, auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes. Die burgenländischen Juden waren 1938 nicht nur die ersten Juden in Österreich, die von den Ausweisungsbefehlen der Nazis betroffen waren, sondern die Nürnberger Gesetze wurden hier auch rigoroser ausgelegt als in den anderen Bundesländern. Schon wenige Tage nach dem Anschluss im März 1938 begann die systematische Ausweisung der Juden, der jüdischen Partner in Mischehen sowie der Abkömmlinge aus Mischehen aus ihren Gemeinden und im Oktober 1938 bestätigte die Israelitische Kultusgemeinde Wien Eichmann, dass im Burgenland alle Kultusgemeinden aufgelöst worden waren.

Obgleich das Burgenland, das aus naheliegenden historischen Gründen keine ausgeprägte deutschsprachigen Traditionen aufweist, kaum literarische Zeugnisse zur Geschichte der Juden oder gar zur jüdischen Geschichte erwarten lässt, fanden die letzten Tage der Juden in Kittsee und Gattendorf doch ihren literarischen Niederschlag:

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Franz Werfel's ›Cella‹.

Im September 1938 begann Franz Werfel eine Romantrilogie, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen sollte. Hauptpersonen sind der jüdische Advokat Hans Bodenheim und seine Tochter, die Halbjüdin Cella, die nach dem sogenannten Anschluss im März 1938 Österreich verlassen muss und sich in Paris, später in New York (wie Werfel selbst), niederlässt. Schauplatz des Romans, der als die erste große literarische Verarbeitung des Jahres 1938 in Österreich gelten darf, wurde das Nordburgenland, eine Landschaft, die Werfel kannte und schätzte. Mitte März 1939 brach er die Arbeit am ›Cella-Fragment‹ ab. Obwohl der Autor sich bis zu seinem Lebensende mit der Thematik beschäftigte, wurde das Werk mit Ausnahme des neunten Kapitels ›Die Geschichte des Kaplans vom wiederhergestellten Kreuz‹ nie fertiggeschrieben. Dieses neunte Kapitel erschien bekanntlich 1942 als überarbeitete Fassung als Privatdruck in Los Angeles und spielt im nordburgenländischen Parndorf. In der Nacht vom 20. zum 21. April 1938 wurden die etwa 30 Juden des Ortes an die ungarische Grenze nach Mörbisch gebracht. Von dort gelangten sie nach Sopron, wo man sie aufgriff und wieder zurück an die Grenze brachte. Nach vier Tagen des Hin- und Herwanderns zwischen Sopron und Mörbisch mussten die deutschen Grenzbehörden die Juden wieder zurücknehmen und zwangen sie zum Verzicht auf ihr Vermögen und zur Umsiedlung nach Wien, von wo sie innerhalb von 14 Tagen emigrierten. In Parndorf gab es keinen Rabbiner, keine Synagoge und keinen jüdischen Friedhof. Dies alles fand sich im benachbarten Gattendorf. Die jüdische Gemeinde Gattendorf dürfte auf den Beginn des 18. Jahrhunderts zurückgehen, 1885 wurde Gattendorf, seit Mitte des 18. Jahrhunderts die einzige Gräflich Esterházysche Gemeinde, an die jüdische Gemeinde Kittsee angeschlossen. Die 1862 neu errichtete Synagoge von Gattendorf überstand die NS-Zeit, allerdings in einem einigermaßen desolaten Zustand. Das Gebäude - seit Jahren in Privatbesitz - wurde Anfang Mai 1996 geschleift. Somit erinnert nun auch in Gattendorf nur mehr der außerhalb des Ortes gelegene jüdische Friedhof an die Geschichte der Juden der Gemeinde.

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