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Juden im Burgenland [4].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Zur Geschichte der Juden im Burgenland.

Franz Werfel's ›Cella‹.

Fortsetzung

Auch das Schicksal der Juden aus Kittsee, der schon im 17. Jahrhundert entstandenen und seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts zu den Fürstlich Esterházyschen ›Sieben-Gemeinden‹ gehörenden nördlichsten Gemeinde des Burgenlandes, wurde literarisch verarbeitet.

In der Nacht vom 17. zum 18. April 1938 wurden die Juden aus Kittsee und der Nachbargemeinde Pama aus ihren Betten geholt und zur Donau gebracht. Nach mehreren Tagen des Hin- und Herschiebens über die tschechische, ungarische und deutsch-österreichische Grenze konnten jüdische Hilfsorganisationen in Pressburg den Juden Unterschlupf auf einem französischen Schleppboot organisieren, wo sie vier Monate in den Donauauen ausharren mussten. Die meisten von ihnen konnten letztendlich Aufenthaltserlaubnis in der Tschechoslowakei erhalten. Literarisch verarbeitet wurde das Schicksal dieser Juden von dem jüdischen Arzt, Kommunist und Erfolgsautor Friedrich Wolf (geb. 1888 in Neuwied, gest. 1953 in Lehnitz) in seinem Drama ›Das Schiff auf der Donau. Ein Drama aus der Zeit der Okkupation Österreichs durch die Nazionalsozialisten‹ .

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Durch das rasche Vorgehen der Nazis im Burgenland gelang relativ vielen burgenländischen Juden die rechtzeitige Ausreise, ungefähr 30% der Juden aus den ehemaligen ›Sieben-Gemeinden‹ wurden in den KZs ermordet.

Nach 1945 kehrten nur mehr sehr wenige jüdische Familien ins Burgenland zurück, heute gibt es, verstreut über das ganze Bundesland, kaum ein Dutzend Juden.

Eine Reise durch das jüdische Burgenland ist heute eine Reise zu 14 jüdischen Friedhöfen und einigen sehr wenigen zum Teil schwer aufzufindenden Gedenktafeln, mit Ausnahme der einzigen ›living synagogue‹ im Burgenland, nämlich der Privatsynagoge im Wertheimerhaus, also im Österreichischen Jüdischen Museum, gibt es noch eine sich im Renovierungsstatus befindliche Synagoge in Kobersdorf und jene als Bibliotheksraum verwendete im Friedensinstitut in Stadtschlaining.

Diese Synagogen sind solche, die weder der Pogromnacht im November 1938 noch der Zeit danach zum Opfer fielen oder zumindest nicht komplett zerstört wurden.

Gleichsam zusammenfassend lässt sich also für die Geschichte der Juden des Burgenlandes festhalten:

  • Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes hatte es aufgrund der Siedlungspolitik der Grundherrschaften jahrhundertelang jüdische Gemeinden sowie Synagogen gegeben, als in den übrigen Bundesländern sowohl eine Gemeindegründung als auch der Bau von Synagogen undenkbar waren.
  • Der zahlenmäßig starke Anteil Wiener Exulanten bei der Besiedlung der westungarisch-burgenländischen jüdischen Gemeinden hatte vor allem zur Folge, dass - letztlich auch aufgrund ihrer deutschen Sprache - (ich kann dies nicht ausdrücklich genug betonen!) - die Juden dieses Raumes die Magyarisierungsprozesse der anderen ungarischen Juden im 19. Jahrhundert nicht mitmachten, sondern dem österreichischen bzw. west- und mitteldeutschen Judentum verbunden blieben.
  • Dies bedingte - wie oben angedeutet - u. a. auch ein stärkeres Festhalten an der ererbten Orthopraxie (z. B. weil eben die Trennungsorthodoxie in Ungarn nicht mitgemacht wurde).

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Die ›Prominenz‹.

Betrachten wir die Liste der Großen und Berühmten dieser ehemals westungarischen, heute burgenländischen Gemeinden, so zählen sie mit wenigen Ausnahmen zu den Rabbiner- und Gelehrtenkreisen - und die wenigen Ausnahmen stammten zu einem Großteil wiederum aus diesen Kreisen oder wuchsen zumindest in streng religiösen Häusern auf: wie der Komponist Carl Goldmark, dessen Vater in Deutschkreutz einige Jahre lang Kantor war und seinem Sohn zweifelsohne streng jüdisch-traditionelle Erziehung angedeihen hatte lassen, auch wenn dieser Sohn sich später offensichtlich nicht gerne daran erinnert ...

Eine weitere Aufzählung ist müßig und bis zu einem hohen Grad eher kontraproduktiv als nützlich und informativ. Der Österreicher neigt ohnehin mehr als andere dazu, gerne und schnell alles für österreichisch zu erklären und Prominente für sich zu vereinnahmen. Das ist nicht nur im Burgenland, sondern eben auch im Bereich der Geschichte der Juden dieser Region zu beobachten. Günter Unger war es, der dieses Phänomen im Zusammenhang mit der Austerlitz-Mähr, dass nämlich der berühmte US-Entertainer aus Eisenstadt stamme, mit

»Zu schön, um wahr zu sein. Und daher natürlich auch nicht wahr.« (siehe Günter Unger, Fred Astaire - Garantiert kein Burgenländer)

bezeichnet hat. Zu beachten ist jedoch: Während die Vereinnahmung Prominenter vornehmlich zur Hebung des National- oder auch Regionalstolzes meist wohl eher belustigenden, manchmal halt auch peinlichen Charakter hat, kann dies im Zusammenhang mit der Geschichte der Juden gefährlich und verfälschend sein. Denn - wie die Erfahrung lehrt und die Praxis zeigt - kann ein jüdisches Viertel ohne für die nichtjüdische Umwelt bedeutende Proponenten sehr schnell in der Bedeutungslosigkeit versinken.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017