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Juden im Burgenland [5].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Zur Geschichte der Juden im Burgenland.

Die ›Prominenz‹.

Fortsetzung

Ein Name, der während des Symposions wahrscheinlich keine Erwähnung findet, ist Franz Liszt. Selbst zweifellos nichtjüdischer Provenienz ist der Beginn seiner musikalischen Karriere jedoch mit den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes eng verknüpft.

Als schon erwähnter Otto Abeles nach Lackenbach reiste, - die dortigen Juden nennt er in seinem Bericht im übrigen ›Die Schwalben von Lackenbach‹ -, erzählt er von einem Gespräch mit dem Urenkel des berühmten Rabbiners Ullmann (Charew), der um 20 Groschen Holznägel drehte und in selbst gedrehte Tüten schüttete:

»Während des Tütendrehens weist er auf das Stockwerk oberhalb seines Ladens. Dort wohnte Ruben Hirschler, der im Leben Franz Liszts eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Der alte Hirschler war ein kunstliebender Mann und ließ seine Tochter bereits das Klavierspielen lernen. Mit Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter Esterházys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem kleinen Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klavier und kümmerte sich um seine Ausbildung. So hat ein Lackenbacher Jude die Laufbahn des weltberühmten Tondichters und Pianisten eröffnet ...«
(Aus: Otto Abeles, in: Die neue Welt, Nr. 45, S. 7, Jg. 2/1928)

Der Neffe von Ruben Hirschler, Josef Hirschler (Sohn von Aaron, des Bruders von Ruben), fällt im übrigen einige Jahre zuvor in der Eisenstädter Gemeinde ziemlich unangenehm auf, als er nämlich alle jüdischen Einwohner des Wertheimerhauses vertreiben und sogar die Wertheimersche Synagoge auflassen wollte ...

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Über die Sprache.

Erlauben Sie mir noch ein Wort zur - oben als zweiten Punkt genannten - deutschen Sprache und lassen Sie mich die Problematik an einem Beispiel festmachen:
Die nicht minder berühmte Großmutter der berühmten Familie Wolf, Frumet Wolf, hatte einen Neffen, Moritz Gottlieb Saphir, Herausgeber des ›Wiener Humoristen‹ und einer der Väter des Revolver-Journalismus. Dieser Neffe besuchte eines Tages seine alte Tante in Eisenstadt und trat bei ihr mit den Worten ein:

»Zu Babe Frumet kommt Saphir Meschumed

Worauf sie prompt erwiderte:

»Ist Saphir ein Meschumed, soll er nicht kommen zu Babe Frumet ...« Zitat aus dem Gedächtnis; leider nicht mehr feststellbar welche Quelle.

Niemand von Ihnen würde jetzt wohl auf die Idee kommen zu behaupten, dass Tante und Neffe Hebräisch gesprochen hätten, die beiden unterhielten sich natürlich auf Deutsch, allerdings mit eingeflochtenen hebräischen Wörtern, die für sie ganz selbstverständlich waren. ›Meschumed‹ ist ›der Getaufte‹, womit der angeführte Dialog auch schnell verständlich wird. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen zu sagen, man spricht Latein, wenn man sagt ›man fährt mit dem Pater Noster in den 2. Stock‹ ...
In dieser ›judendeutsch‹ genannten Sprache ist die Mehrzahl der jüdischen Dokumente der Sieben-Gemeinden verfasst, so auch etwa die vorhin angeführte Geschichte über den beabsichtigten Verkauf des Wertheimerhauses von Hirschler.

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Dass die Juden Deutsch gesprochen haben, wie oben erwähnt, stimmt also nur bis zu einem gewissen Grad, ganz korrekt müsste man sagen, dass die Juden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes Deutsch und Judendeutsch gesprochen, aber auch ihre Dokumente in diesen Sprachen verfasst haben. Jiddisch als Sprache kommt so gut wie gar nicht vor, Hebräisch als Sprache zu einem relativ geringen Prozentsatz, als Schrift fast 100%.

Im Jahr 1927 kommt Dr. Otto Abeles nach Kittsee und schreibt am Schluss seines Berichts, der die Überschrift ›Die Synagoge im Nonnenkloster. Die Kehilla von Kittsee.‹ trägt:

»An diesen Leichenzug, an den Anblick der Synagoge und des Friedhofes muß sich die Phantasie des Besuchers klammern, um die Vision der alten Gemeinde heraufzubeschwören. Denn es ist nicht mehr da, das alte Kittsee, es gibt keine ›Gass‹ mehr. Ein Häuflein Steuerträger, gezählte Neunzehn, erhält das sterbende Gemeindewesen. Diese Kehilla von jetzt, kaum hundert Seelen, blieb von schweren Schicksalsschlägen verschont, wahrte ihre Traditionen, ist aber durch Abwanderung ausgeblutet. Draußen sind viele Söhne der Gemeinde zu Reichtum und Ehre gelangt und - abgefallen. Ein Sprössling von Kittsee war der berühmte Geiger Joachim, an dessen Geburtshaus eine Gedenktafel in ungarischer Sprache angebracht ist. Die Familien Mauthner, Figdor, Singer kommen von hier; bekanntlich hat auch Frau Bundespräsident Hainisch ihr Stammhaus im Kittseer Ghetto.
Als ich mich dem Ortsrabbiner vorstellte, meinte der zarte, greise Mann:
›Auch mein Amtsvorgänger hieß Abeles, aber sein Sohn heißt schon Andor.‹ So erfährt man zwischen Tür und Angel die Geschichte der Entfremdung und des Verfalls.«

Ein Symposion über Musik der Juden im Burgenland - nochzumal wenn man die persönlichen Lebensgeschichten z. B. eines Joseph Joachim u. a. heranzieht - muss über weite Strecken zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit der Polarität ›Jüdische Geschichte‹ (oder im konkreten Fall eben ›jüdische Musik‹) und ›Geschichte der Juden‹ (also ›Musik der Juden‹) und damit eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte der Entfremdung und des Verfalls sein ...

Ich wünsche dem Symposion einen guten Verlauf und den Besucherinnen und Besuchern, Referentinnen und Referenten einen fruchtbaren Austausch.

Quelle:
Johannes Reiss, Juden im Burgenland. Eröffnungsvortrag gehalten beim Symposion ›Musik der Juden im Burgenland‹ (Eisenstadt, 09. - 12. Oktober 2002).

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017