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Fest-Bericht über die im Schoße der Rechnitzer isr. Kultusgemeinde am 9. und 10. Mai 1896 abgehaltenen Milleniums-Feierlichkeiten [2].

Joachim Heitler, Rechnitz

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Darum war auch die hiesige isr. Kultusgemeinde aufs eifrigste bemüht, die Millenium-Feier zu einer erhebenden, dem geschichtlichen Momente würdigen zu gestalten.

Unter großer Feierlichkeit wurden im Schulhofe von der Schuljugend in Anwesenheit des Vorstandes, der Vertreter der Gemeinde-Repräsentanz unter Führung des Ortsrichters, der Geistlichkeit und zahlreicher Gäste aller Konfessionen, 7 Bäume, zum Andenken an die 7 Anführer, unter denen die Ungarn ins Land kamen, gepflanzt und legte der Schule die Bedeutung dieser Feier in einer die Jugend zur Vaterlandsliebe ermunternden Rede dar.

Am 9. Mai, Samstag 11 Uhr Vormittag, fand aus Anlass der Milleniumsfeier zuerst in dem prachtvoll geschmückten Lehrsaale und dann im Freien, in Gegenwart zahlreicher Anwesender und der Vertreter des Ortsvorstandes, eine überaus gelungene, mit Declamationen und Gesang verbundenen Schulfeier statt, bei welcher Herr Rabbiner Moriz Ehrlich und Lehrer-Direktor Joachim Heitler, der Bedeutung des Festes angemessenen Ansprache an die Jugend richteten.

Großartig gestaltete sich der am 10. Mai, um 11 Uhr Vormittag, in dem herrlich decorirten und glänzend beleuchteten Tempel abgehaltene Fest-Gottesdienst, zu welchem außer den Mitgliedern des Vorstandes und der Gemeinde, der Ortsvorstand, der evang. Pfarrer, die Lehrkörper der verschiedenen Schulen, Reichtagsabgeordneter Julius v. Szájbéln, die freiwillige Feuerwehr in pleine parade, die Honoratioren des Ortes und überaus zahlreichen Festgäste erschienen, so daß der geräumige Tempel die Theilnehmer kaum zu fassen vermochte. Nach einem mit Musikbegleitung von einem Männerchor unter Leitung des Herrn Kantors S. Friedrich vorgetragenen herrlichen Chorale, bestieg Herr Rabbiner Moriz Ehrlich die Kanzel und hielt eine meister- und musterhafte, auf sämmtliche Anwesende einen tiefergreifenden Eindruck machende, von herrlichen Gedanken durchwehte Rede, für welches Meisterwerk der Rhetorik der eloquente Redner allerseits beglückwünscht wurde, und ihm auch an dieser Stelle der Dank der ganzen Gemeinde protokollarisch ausgedrückt wird.

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So verfloß diese herrliche Feier, um deren Gelingen sich insbesondere der Vorstandpräses und die Tempelvorsteher durch rastloses Bemühen sich besonders verdient gemacht, in würde- und weihevoller Weise und lieferten dieselbe zugleich ein beredtes Zeugnis von dem einmüthigen, brüderlichen Zusammenleben und Zusammenwirken sämmtlicher Ortsbewohner.

Nachmittag fand ein gemeinsamer Ausflug sämmtlicher Schulkinder des Ortes, unter Vorantragung zahlreicher Fahnen und Musikbegleitung in den nahen Wald statt, woselbst sie die Honoratioren und eine riesige Volksmenge einfand, so daß sich diese für die Kleinen berechnete Unterhaltung zu einem wahren Volksfeste gestaltete, und die Kinder Seitens des Ortsvorstandes, des Vorstandes der Kultusgemeinde, des Herrn Reichstagsabgeordneten und mehrerer edler Kinderfreunde reichlich bewirtet wurden.

Die im Herzen des Landes, der Haupt- und Residenzstadt Budapest, mit großen Opfern zustandegekommene Milleniums-Ausstellung, auf welche die Augen aller Welttheile gerichtet und die der Sammelpunkt der Gebildeten aller Nationen, die Wallfahrtsstätte fast jedes Ungarn, legt glänzendes Zeugnis ab von dem warmpulsirenden Leben, dem Schaffensdrang und der Leistungsfähigkeit Ungarns auf allen Gebieten der Kunst und Industrie, so daß der vor vielen Jahren in heiliger patriotischer Begeisterung von dem größten Ungarn wie eine Profezeiung klingende Ausspruch: Ungarn war nicht, sondern wird erst werden! sich glänzend bewahrheitet.

So möge denn das theure Vaterland, das alle seine Bewohner in gleicher Liebe umfängt, auf der Stufenleiter der Macht und Größe immer höher und höher emporsteigen, Frieden und Eintracht an dem klaren ungetrübten Glückshimmel gleich herrlich leuchtenden Sternen in unauslöschlichem Glanz stralen; und in das tägliche, aus Millionen Herzen zum himmlischen Vater emporsteigende heiße Gebet für das Wohlergehen und Gedeihen des Vaterlandes, für das theure Leben des heißgeliebten Königs, eines Herrschers, wie ihn die gütige Vorsehung in besonderer Gnade nur einem auserwählten Volke verleiht, stimmt mit Herz und Seele auch jedes Mitglied unserer altehrwürdigen Gemeinde, und haben wir diesen Festbericht zum ewigen Andenken für die künftigen Generationen, die an unsere Stelle treten werden einem der Vaterlandsliebe geweihten Monumente gleich protokollarisch registrirt, mit dem innigen Wunsche, daß auch sie mit gleicher glühender Begeisterung treu und unerschütterlich zum Vaterlande, das nach dem Dichterworte unsere Wiege und auch unser einstiges Grab, halten in Freud, besonders aber in Leid sich als dessen würdige Söhne bewähren und mit dem ganzen Aufgebote ihrer Kraft dessen Wohlergehen anstreben und fördern.

Und wenn nach Verlauf von abermals tausend Jahren die ungarische Nation den zweitausendjährigen Bestand des Vaterlandes in Jubel und gesteigerter Freude würdig feiert, und dieses Gedenkblatt in wunderbarer Fügung von dem alles zerstörenden Zahne der Zeit verschont bleiben sollte, mögen die Glücklichen, denen es gegönnt sein wird, Zeugen jener Jubelfeier zu sein, unser, die wir der Vergänglichkeit längst den Tribut gezollt, gedenken, unser heutiges Vermächtnis lesen und von Todten lernen leben fürs Vaterland, dasselbe lieben, wahr und aufrichtig, heiß und innig.

Quelle:
Fest-Bericht über die im Schoße der Rechnitzer isr. Kultusgemeinde am 9. und 10. Mai 1896 abgehaltenen Milleniums-Feierlichkeiten. Zufolge Vostandsbeschlusses vom 17. Mai 1896, Prot.-No. 155, verfaßt von Joachim Heitler, Schiftführer, 1896.

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