Textlogo: Österreichisches Jüdisches Museum; Zur Startseite[D]

Hauptnavigation.

 

Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente [1].

Johannes Reiss, Eisenstadt

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5

Einleitung.

Das Generalthema dieser Vortragsreihe ›Jüdisches Erbe in universalhistorischer Sicht‹ soll in diesem Referat sehr ernst und wortwörtlich genommen und damit gewissermaßen eine Art Pionierarbeit geleistet werden. Denn es gibt bisher kaum allgemeine Publikationen zum Thema ›Jüdischer Friedhof‹, sondern fast ausschließlich Arbeiten über jeweils einen ganz bestimmten jüdischen Friedhof (wie z. B. ›Der jüdische Friedhof in NN.‹).
Ich gehe - als erste zugegeben provokante Hypothese - davon aus, dass die Arbeit an den jüdischen Friedhöfen, die bisher - seit 1945 - geleistet wurde, zwar zweifellos als ausgesprochen lobenswert und wichtig bewertet werden muss, aber doch weitgehend methodisch falsch oder zumindest unzulänglich gelaufen ist.

Das prinzipielle Interesse am jüdischen Friedhof ganz allgemein scheint unbestreitbar:
Jüdische Friedhöfe sind vielerorts längst zu Tourismusattraktionen geworden, eine Unmenge an (Bild)Bänden zum jüdischen Friedhof oder allein die Präsenz von mittlerweile unzähligen Websites zum Stichwort ›jüdischer Friedhof‹ im Internet sprechen eine deutliche Sprache.

Es wird als bekannt vorausgesetzt, dass ein jüdischer Friedhof immer als Ruhestätte für alle (!) Ewigkeit angelegt wurde und wird, ein Platz, der nie für andere Zwecke verwendet werden darf. So vereinbarten etwa nach der Vertreibung der Juden aus Wien im Jahr 1670/71 die Coppel-Franckhlischen Erben am 12. Juli 1671 mit dem Wiener Stadtrat B. Osterhammer, dass dieser mit den von den Erben entrichteten 4.000 Fl. die Erhaltung des Friedhofs am Oberen Wörth (Rossau) garantiere. [1].

An den Beginn meiner Ausführungen seien zwei weitere Hypothesen gestellt:

nach oben

Erste Hypothese.

Jüdische Friedhöfe oder genauer die Inschriften auf jüdischen Grabsteinen, so sie über eine bloße Namensnennung und die üblichen Formulare hinausgehen, sind im Prinzip (und nicht in der Auswertbarkeit) mit einer der bekanntesten und wohl auch typischsten literarischen Gattungen der rabbinischen Literatur vergleichbar: den ›Sche'elot utschuwot‹ (hebräisch; ›Fragen und Antworten‹), der sogenannten Responsenliteratur. Es handelt sich dabei um einen Briefwechsel zwischen Gemeinde bzw. Gemeindemitgliedern und einer rabbinischen Autorität zu Problemen der ›Halacha‹ (hebräisch; ›jüdisches Religionsgesetz‹), der ursprünglich rein pragmatisch motiviert, für die moderne Wissenschaft einen ausgesprochen guten Einblick in die sozialen, wirtschaftlichen, religiösen und politischen Verhältnisse der Juden bietet und dem vor allem - anders als Geschichtsdarstellungen und Biographien - keine Schönungsabsichten unterstellt werden können (unter Berücksichtigung der einer Grabinschrift generell inhärenten ›Schönungsabsicht‹).
Und tatsächlich finden wir in den Kommentaren zum ›Schulchan Aruch‹ [2]. (hebräisch; gedeckter Tisch, d e r für das orthodoxe Judentum maßgebliche Gesetzeskodex des Josef ben Ephraim Karo, Erstdruck 1565), dass Rabbi Meir Ben Ephraim Fischels (Prag 1703-70) folgende Frage vorgelegt wird:

»Einer jüdischen Gemeinde war es gelungen, einen Grabplatz für nur 150 Jahre zu pachten und danach sollte er zur Bestellung oder Bebauung an die Nichtjuden zurückfallen. Inzwischen war es jedoch der Gemeinde gelungen, einen anderen Friedhof auf ewig zu erwerben. Die Frage war nun, ob man die Toten von dem auf 150 Jahre gepachteten auf den für ewig erworbenen Friedhof umbetten dürfe. Die Antwort des Rabbi zeigt, wie wichtig ihm die Totenruhe war. Er entschied: Man solle die Toten nicht umbetten, denn vielleicht wird inzwischen die Auferstehung der Toten eintreten oder man wird den gepachteten Platz endgültig erwerben können - dann wäre die Ruhestörung umsonst geschehen und nicht zu rechtfertigen. Wenn aber, so fügte er hinzu, die fällige Räumung der Gräber nach dem Ablauf der Pachtzeit von 150 Jahren nicht sichergestellt sei, so wäre es besser, die Toten jetzt umzubetten. Die Ehre und Ruhe der Toten soll möglichst lange und möglichst endgültig gesichert werden«. [3].

nach oben

Nach rabbinischer Lehre lebt der Körper auch im Grab gewissermaßen weiter, auch wenn er verwest. Der Tote befindet sich in einer Art Halbschlaf, weil Körper und Seele auch nach dem Tod weiter miteinander kommunizieren, wie es heißt:

»Die Toten wissen alles - wie im Traum teilt ihnen ihre Seele alles mit.« [4].

Nicht zufällig ist einer der hebräischen Namen für den jüdischen Friedhof ›Bet chajim‹ ›Haus des Lebens‹, ›Haus der Lebenden‹.

Es wird hier so ausführlich darauf eingegangen, weil - ganz allgemein formuliert - der Umgang mit Urkunden und Dokumenten (in unserem Fall der jüdische Friedhof als Dokument) jeweils auch das Wissen um die äußeren Bedingungen dieser Dokumente/Urkunden voraussetzt. Ein Bewusstsein-Machen dieser ›äußeren Bedingungen‹ scheint besonders wichtig, wenn diese Annäherung aus der christlichen Tradition heraus geschieht, die den Auferstehungsglauben ganz auf einen spirituellen Leib überträgt, der mit dem Leib des irdischen Jammertals nichts mehr zu tun hat! Und es war kein Rabbiner und kein chassidischer Frommer, sondern der Hochschulprofessor Karl Erich Grözinger, der seinen Vortrag zur Totenruhe im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um den Ottensener Friedhof (s. u.) 1992 an der Universität Hamburg mit folgenden Worten begann:

»Viertausend unsichtbare Augenpaare sind in diesem Augenblick auf mich gerichtet und achttausend unsichtbare Ohren sind gespitzt, um jedes meiner Worte zu hören, das ich heute hier zur Frage der Ruhe der 4000 Toten des Ottensener jüdischen Friedhofes sagen werde. Und ich kann gewiss sein, dass ich in den folgenden Nächten und Monaten keine Ruhe vor diesen Toten haben werde wegen jedes Wortes, das die Ruhe und Ehre dieser Toten erneut stört!« [5].


[1] A. F. Pribram, Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien, Wien 1918, I, Nr. 117. [Zurück zum Text (1)]

[2] Pitche Tschuva zu Jore Dea § 363, 364. [Zurück zum Text (2)]

[3] Karl E. Grözinger, Die Totenruhe im Judentum, in: Menora 4. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, München 1993, 263. [Zurück zum Text (3)]

[4] Pirke de-Rabbi Elieser, Warschau 1851 (Neudruck Jerusalem 1969/70), 34; 79b. [Zurück zum Text (4)]

[5] Grözinger, (Anm. 3), 260. [Zurück zum Text (5)]

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5.

Zurück zum Text ›Artikel‹.


nach oben


Zusatznavigation.

Suche.


Zurück zur Hauptnavigation.
Zurück zur Navigation der Unterseiten von Bereich Startseite.
Zurück zum Artikel ›Jüdische Friedhöfe, Seite 1‹.
Zurück zur Zusatznavigation mit Links zu Suche, Hilfe, Lexikon und Inhalt.

Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017