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Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente [2].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Zweite Hypothese.

Jüdische Friedhöfe können oder besser sollen helfen, fehlende und längst fällige Perspektiven zum Thema der Differenzierung von ›Geschichte der Juden‹ und ›jüdische Geschichte‹ aufzuzeigen, um über innerjüdische Fragen mögliche Weichenstellungen einer hinkünftig dringend notwendigen judaistischen Forschung zu stellen. Damit soll durchaus auch die Notwendigkeit einer Diskussion angedeutet werden, inwieweit auch der jüdische Friedhof für apologetische jüdische Geschichtsschreibung gewissermaßen ›missbraucht‹ wird. Ich denke dabei an Titel von Publikationen wie ›Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession ...‹ [6]. oder eine Reihe von - durchaus oft mit unglaublichem Engagement gemachten - Arbeiten zu jüdischen Friedhöfen, die neben einigen Stimmungsfotos von Grabsteinen berühmter jüdischer Söhne oder Töchter der Gemeinde noch einige Zeilen deren Lebensgeschichte und ihrer Bedeutung widmen.

»Und was er für ein Herz gewesen, hört stolz im Sarge der Bankier in Weißensee, in Weißensee ...«

Schon dem Juden Kurt Tucholsky, aus dessen Feder diese Zeilen - aus einem seiner Gedichte - stammen, hatte man deshalb im Jahre 1925 (!) von jüdischer Seite den Vorwurf entgegen gebracht, ›geschmacklos, respektlos, verletzend und zynisch‹ zu sein.

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Jüdischer Friedhof und jüdische Geschichte.

Es wird im folgenden zu zeigen sein, dass mit Be- und Aufarbeitungen von jüdischen Friedhöfen in der neueren Zeit bestenfalls Beiträge zur Geschichte der Juden geliefert werden, das Thema ›jüdische Geschichte‹ jedoch bisher kaum auch nur am Rande des Interesses gestanden ist und vor allem in der Arbeitsplanung auch gar nicht vorgesehen war und ist.

Statistisch betrachtet gehen die wenigsten Publikationen - ob Printmedium oder Website - freilich über fremdenverkehrspolitische oder manchmal nahezu grotesk-ästhetische Ansprüche hinaus, wobei dies bis zu einem gewissen Grad durchaus seine Berechtigung hat.

Auf der anderen Seite hat die Erfassung von Grabinschriften sehr wohl schon eine längere Tradition, die im 19. Jahrhundert gemeinsam mit der Wissenschaft des Judentums entstand. Es kann im übrigen, sei der Vollständigkeit halber hier angemerkt, bei umfangreicheren Dokumentationen immer nur um Beiträge zur Erforschung der Neuzeit gehen, da nur relativ wenige ältere, beispielsweise mittelalterliche Grabsteine, und noch weniger Inschriften dieser Steine erhalten sind.

Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Friedhofszerstörungen und -schändungen bereits in der Vormoderne stattgefunden haben, wenn auch dies bis heute kaum untersucht wurde. [7] . Fest steht jedenfalls, dass jüdische Friedhöfe nach der Vertreibung der Juden verschiedenste Verwendung fanden, meist brachte ein Verkauf der Stadt entsprechend Geld ein. Insbesondere bei jüdischen Friedhöfen entstand bei profaner Verwendung eines Friedhofes (z. B. im Gegensatz zu einer Synagoge) das Problem, dass eine Exhumierung eines Toten nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Während die zahlreichen Exhumierungen in Österreich heute abseits der Öffentlichkeit, fast still und unauffällig, jedenfalls jenseits jeden Rechtsstreites, über die Bühne gingen und gehen, kam es in der Bundesrepublik Deutschland zum diesbezüglich aufsehenerregendsten Fall der jüngeren Zeit: dem Projekt rund um den jüdischen Friedhof zu Ottensen (Hamburg). [8] . Dies ist zugleich auch der einzige Fall, bei dem sich das Stellen innerjüdischer Fragen zumindest für die Rahmenbedingungen des Projektes als notwendig erwiesen hatte. Es ging dabei jedoch vor allem um rechtliche Fragen im Zusammenhang mit zahlreichen Erwerbsvorgängen. Und es war der oben zitierte K. E. Grözinger, der meines Wissens als einziger innerjüdische Perspektiven im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen formulierte. Nicht ursprünglich jüdische Denk- und Arbeitsmethoden waren der Ausgangspunkt für diese Arbeiten. Vielmehr ließ man sich von den historisch kritischen Techniken der abendländischen Geschichtswissenschaft inspirieren. [9]. Während jüdische Gelehrte wie z. B. Marcus Horovitz, der die 6000 Inschriften des alten Friedhofs der Gemeinde Frankfurt am Main im Jahr 1901 publizierte oder der ehemalige Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Bernhard Wachstein, ihre Arbeiten als ›Ehrensache‹ für ihre Gemeinde sahen [10]., sind die Friedhofsaufarbeitungen von heute Dokumentationen untergegangener jüdischer Gemeinden, deren letzte Informationen man sichern und damit retten will. [11]..

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Heute ist nicht nur der Bearbeiter ein anderer, sondern auch der Adressat. Dieser war früher praktisch ausschließlich der mehr oder weniger gebildete jüdische Leser, vor allem interessiert an Genealogie, sehr oft eben an seiner persönlichen und im Judentum so wichtigen Familiengeschichte. Wenn vom ›mehr oder weniger‹ gebildeten jüdischen Leser gesprochen wird, so soll damit die Frage angedeutet werden, wer denn die zu einem großen Teil ungemein gelehrten, tief in der jüdischen Tradition stehenden und eine genaue Kenntnis dieser voraussetzenden, sprachlich sehr differenzierten Inschriften-Texte wirklich lesen konnte? Die Frage ist naturgemäß nicht leicht zu beantworten, vermutet sei hier jedenfalls, dass die Inschriften am Grabstein selbst sowie die Bearbeitungen der Inschriften durch genannte Gelehrte keineswegs nur einem sehr kleinen, elitären, intellektuellen Kreis an Lesern vorbehalten war!


[6] Patricia Steines, Hunderttausend Steine. Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession am Wiener Zentralfriedhof Tor I und Tor IV, Wien 1993. [Zurück zum Text (6)]

[7] Eine Ausnahme ist Hedwig Röckelein, ›Die grabstain, so vil tausent guldin wert swein‹: Vom Umgang der Christen mit Synagogen und jüdischen Friedhöfen im Mittelalter und am Beginn der Neuzeit, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 5/1993, 11ff. [Zurück zum Text (7)]

[8] S. bes. Ina Lorenz, Der Jüdische Friedhof zu Ottensen (Hamburg). Ein Projektbericht, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden I/1993, 282-290. [Zurück zum Text (8)]

[9] Peter Honigmann, Dokumentation jüdischer Grabinschriften in der Bundesrepublik Deutschland, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden I/1993, 267. [Zurück zum Text (9)]

[10] S. Horovitz M., Die Inschriften des alten Friedhofs der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1901, Vorwort. [Zurück zum Text (10)]

[11] S. Honigmann, (Anm. 9.), 268. [Zurück zum Text (11)].

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