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Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente [3].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Jüdischer Friedhof und jüdische Geschichte.

Fortsetzung

Zunächst fällt uns auf, dass die Publikationen mit Ausnahme einiger weniger Bemerkungen wie ›Ehrensache‹ o.ä. ohne jede große grundsätzliche Einleitung beginnen, also ohne Erklärung, was die Motivation zur Arbeit belangt und ohne Rechtfertigung. Auftraggeber waren normalerweise z. B. die Historische Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde, die Kosten für die zweifelsohne teuren Publikationen trugen z. B. der Freundesverein der Kommission etc.
Die mitunter umfangreichen Einleitungen widmen sich neben einigen Realienfragen (wie Geschichte des Friedhofes, Rechtssituation, Beschaffenheit der Grabsteine etc.) fast ausschließlich den Inschriften der Steine, wobei hier wiederum vor allem das sogenanntes ›Lob‹ als Herzstück der Inschrift im Vordergrund der Betrachtungen steht.

Dies hat auch damit zu tun, dass es den Gelehrten von Anfang an um eine Bearbeitung der ›inneren Dokumente‹ [12]. der Juden geht.

»Hingegen steht zu erwarten, dass andere urkundliche Nachrichten uns die äußere Existenzweise dieser Menschen, die wir in ihrem Leben einigermaßen sehen konnten, aufdecken werden. Die Bedingungen hiezu sind nunmehr vorhanden. So wenig aber im Werke selbst die Untersuchung jeder biographischen und genealogischen Einzelheit unterlassen wird, so soll nach dem Gesagten hier von einer allgemeinen historischen Zusammenfassung abgesehen werden.« [13].

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Was das ›Lob‹ der Verstorbenen betrifft, formuliert Wachstein:

»... so soll uns jetzt die Frage nicht beschäftigen, ob dieses Lob mit der Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht. ... Hier soll uns eine Gruppierung der in möglichst wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegebenen typischen Lobsprüche vor Augen führen, welche Tugenden und Ideale dieser Zeit vorgeschwebt haben. Die Art, wie die Durchschnittsmenschen, die führenden Persönlichkeiten und die Gelehrten ausgestattet werden, gewährt uns gleicherweise einen Einblick in das rassenmäßig Vererbte (1915!), wie in das durch die Zeitverhältnisse Bedingte. Bei allen diesen Kategorien treten die Schattierungen deutlich hervor. Am differenziertesten ist das Lob der Gelehrten. Ganz anders wird der Mann, der den Gesetzesstoff rezeptiv beherrscht, ganz anders der schaffende Gelehrte gelobt. Die Wendungen, die den Mystiker andeuten, sind anders als die Redensarten, die den scharfsinnigen Gelehrten oder den Mann von profanem Wissen charakterisieren sollen. Die Lobsprüche auf die Frau sind zarter und wesentlich einfacher als die auf den Mann. Hier fällt naturgemäß das Gelehrten- und Führerlob weg ...« [14].

Im Unterschied zu den Arbeiten dieser Gelehrten sind die zahlreichen Projektarbeiten und Publikationen jüdischer Friedhöfe zu sehen, die nach 1945, vor allem aber in den letzten Jahrzehnten, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland, entstanden:

»Die Friedhöfe werden zu Symbolen, die an untergegangene jüdische Gemeinden erinnern. Die nun vorwiegend von Nichtjuden getragene Dokumentationsarbeit ist als Rettungswerk konzipiert. Luftverschmutzung und Steinfraß führen zu einer fortschreitenden Zerstörung der Grabmale. Um die auf den Steinen enthaltene Information zu sichern, hat man an zahlreichen Orten mit Friedhofsdokumentationen begonnen. Auch das Geringste soll bewahrt werden. So gut wie keines der zahlreichen lokalen Projekte beruht auf wissenschaftlich begründeten Auswahlkriterien. Alle zielen prinzipiell auf Vollständigkeit. Lediglich der Mangel an Mitteln und an Initiative hat bisher ein Raster gelegt. Die Frage nach der historischen Relevanz der Inschriften wird nicht mit Nachdruck gestellt. Allein die Pietät gebietet ihre Erhaltung ...« [15].

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An Friedhofsbearbeitungen in Österreich gibt es die genannten Werke von Wachstein (2 Friedhöfe mit ca. 2.000 Steinen) sowie fragmentarisch Hohenems und die Bearbeitung des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt [16]. (insgesamt ca. 400 Steine). Der Rest sind Bildbände oder kleinere Erwähnungen des einen oder anderen Landfriedhofes (meist im Rahmen von Diplomarbeiten o.ä.), aber zweifellos keine Bearbeitungen, verstehen wir unter Bearbeitung zumindest die Sicherung, also eine möglichst zeilengerechte Abschrift und ev. auch Übersetzung der gesamten Inschrift. Dabei spreche ich noch nicht von einer notwendigen Auswertung der erfassten Inschriften. Bedenken wir, dass es alleine in Wien 100.000 jüdische Grabsteine gibt, die Zahl für ganz Österreich ist nicht bekannt (ich schätze ca. 150.000 ›verwertbare Dokumente‹) wird klar, dass hier ein enormer Aufholbedarf besteht. In Deutschland gibt es etwa 2000 jüdische Friedhöfe mit einer Gesamtzahl von etwa 600.000 Grabsteinen. Davon fallen auf Berlin alleine 150.000 Steine. Im Unterschied zu Österreich gibt es in Deutschland eine sehr breitangelegte Initiative und in Heidelberg das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschiche der Juden in Deutschland, das im Wesentlichen die Be- und Aufarbeitung der jüdischen Friedhöfe steuert. [17]. Im Unterschied zu Österreich ist eine erste Phase in Deutschland zumindest weit fortgeschritten, d. h. es sind tausende von Grabsteinen fotografiert bzw. auch schon abgeschrieben. Ein sehr informativer und regelmäßig aktualisierter Überblick über den Fortgang der Arbeiten findet sich auf der Website des Zentralarchives. Es geht in Deutschland schon seit ca. 1993 um den nächsten Schritt, nämlich die Erstellung eines Auswahlverfahrens und einer daran anschließenden systematischen Bearbeitung, wobei man in Deutschland naturgemäß vor allem vor dem Problem der ungeheuren Menge an Steinen steht. Dies alleine macht ein entsprechendes Auswahlverfahren notwendig. So wurden beispielsweise in Hessen nur jene Friedhöfe mit Steinen aus der Zeit vor 1800 vorgesehen, es werden aber dann auch jene Steine mitbearbeitet, die aus dem 19. Jahrhundert stammen. Bedingt durch die rasante Bevölkerungsentwicklung kommt es im 19. Jahrhundert zu einer Vervielfachung der Grabsteine. Allerdings wird die Sache insofern vereinfacht, als man im frühen 19. Jahrhundert beginnt, auch für Juden Personenstandsregister zu führen, die zu einem guten Teil - im Original oder in einer Kopie - noch erhalten sind. Honigmann, der Direktor des Zentralarchives in Heidelberg, schreibt dazu:

»Damit hören die meisten der im 19. Jahrhundert gesetzten Grabsteine auf, eine Primärquelle zu sein.« [18].

Eine solche Aussage mag meines Erachtens allerdings nur dann stimmen, wenn man den Grabstein als historische oder kulturgeschichtliche Quelle im herkömmlichen Sinn, also als Quelle in der Erforschung der Geschichte der Juden betrachtet. Zweck ist dabei, möglichst die Namen und die Sterbedaten, vielleicht den einen oder anderen bürgerlichen Beruf, Wohnort, Familienstand etc. gleichsam als Gegenkontrolle zur Primärquelle zu erfassen, um daran z. B. demoskopische, sozialgeschichtliche etc. Untersuchungen anzuschließen. Hier wird die Bearbeitung des jüdischen Grabsteines zur einfachen Erinnerungsarbeit, zum Teil zur symbolischen und im allgemeinen Sinn zur Dokumentations- und Aufklärungsarbeit.


[12] Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Quellen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Österreich, hrsg. von der historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, IV, Wien 1912, 1, XIII. [Zurück zum Text (12)]

[13] Wachstein, Wien, (Anm. 12), 1, XIII. [Zurück zum Text (13)]

[14] Wachstein, Wien, (Anm. 12), 1, XVI. [Zurück zum Text (14)]

[15] S. Honigmann, (Anm. 9 auf Seite 2), 268. [Zurück zum Text (15)]

[16] Johannes Reiss, Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt. Die Grabinschriften des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt, Eisenstadt 1995. [Zurück zum Text (16)]

[17] S. bes. www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/FRIEDHOF/ALLGEM/p-bund.htm. [Zurück zum Text (17)]

[18] Honigmann, (Anm. 9 auf Seite 2), 269. [Zurück zum Text (18)]

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