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Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente [4].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Jüdischer Friedhof und jüdische Geschichte.

Fortsetzung

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch ich erachte diese Arbeit als ausgesprochen wichtig, nur hört m. E. der Grabstein jedenfalls durch die Existenz eines Personenstandsregisters o. ä. durchaus nicht auf, Primärquelle zu sein. Der Grabstein muss vor allem auch als Quelle zur Erforschung der jüdischen Geschichte betrachtet werden. Grundsätzlich gilt dies sowohl für jüdische Grabsteininschriften in hebräischer Sprache/hebräischer Schrift als auch für Inschriften in jeder anderen Sprache, in der Praxis werden aber wohl fast ausschließlich die Inschriften in hebräischer Sprache betroffen sein.
Wenn der jüdische Grabstein als Quelle zur Erforschung jüdischer Geschichte dient, stellen sich konkrete Fragen.

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Konkrete Fragen.

  • Stimmt das, was auf dem Grabstein steht oder genauer: inwieweit stimmt es mit der Realität überein, inwieweit ist es nur Idealvorstellung?
  • Wie hoch war der Bildungsgrad der jüdischen Gemeinde aus jüdisch-traditioneller Sicht?
  • Was wurde in der Gemeinde gelesen, gelernt, studiert und daher zumindest von einem Großteil der Gemeindemitglieder auch verstanden? Welche Quellen wurden verwendet?
  • Gibt es - und wenn ja, in welchem Ausmaße - Assimilationstendenzen (z. B. erkennbar durch Zusätze in der Inschrift wie: ›Friede seiner Asche‹ o.ä.) ?
  • War die Gemeinde orthodox, liberal ...?
  • Ist die Verwendung der hebräischen Sprache in der Inschrift ein Zeichen für die Orthodoxie der Gemeinde? (Dies muss zwangsläufig nicht der Fall sein.)
  • Wer waren die Gelehrten der Gemeinde? (Man bedenke nur den oft enormen finanziellen Aufwand einer jüdischen Gemeinde, um die möglichst besten - und daher auch ›teuren‹ rabbinischen Autoritäten als Gemeinderabbiner anzuwerben).
  • Welche Helfer hatte der Rabbiner? Rabbinatsassessoren, Lehrer etc.? Über welche Ausbildung und Bildung verfügten diese?
  • Gab es nur rezipierende oder auch schöpferische, schaffende Gelehrte? Welche Werke wurden publiziert?
  • Wer war Mitglied des rabbinischen Gerichts?
  • Welche Ehrentitel werden verwendet und wurden daher verliehen, eine Frage, die vor allem Aufschluss über die jüdische Infrastruktur der Gemeinde gibt.
  • Kann aufgrund der Inschriften auf den einen oder anderen regional-geprägten Brauch (Minhag) geschlossen werden?
  • Wieviele Leviten und Kohanim (Priester) gab es?
  • Wie wurden die Frauen behandelt? (z. B. Ehrentitel wie Rabbinerin [19]. oder »Erhoben durch Reichtum ward ihr Herz nicht hoch. Ihr gewichtiges Wort legte sie bei der Obrigkeit für die Gemeinschaft wie für einzelne ein. Tugendhaft und fromm, gab sie den Impuls zur Erbauung zweier Synagogen.« [20].)
  • Gab es in der Gemeinde chassidische und/oder mystische Tendenzen? Wir finden solche oft in Gemeinden, wo man sie am wenigsten erwarten würde.
  • Gab es gar Annäherungen an die christliche Gemeinde? Z. B. in theologischer Hinsicht?
  • Welche Vereine waren besonders aktiv? Enthalten die Inschriften nähere Informationen zu Vereinen wie der Chevra Kadischa?
  • Wurden die jüdischen Vornamen - z. B. nach einer kabbalistischen Tradition nach einer schweren Krankheit (über eine solche erfahren wir selten in den herkömmlichen Quellen) - geändert?
  • Hat der Text Aussagekraft für die Erforschung der hebräischen Sprache? ...

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Wie leicht zu sehen ist, handelt es sich um Fragen, die bei Nichtbeachtung des Inschriftenkorpus - und dies ist jener Teil, den wir oben mit ›Lob‹ bezeichnet haben - und bei ausschließlicher Fokussierung auf den Namen des Verstorbenen und sein Todesdatum, wie es üblich ist, nicht einmal gestreift werden können.

Es muss an dieser Stelle deutlichst darauf hingewiesen werden, dass die bisher gemachte Unterscheidung von ›Geschichte der Juden‹ und ›jüdischer Geschichte‹ nur zur Verdeutlichung der Problematik dient. Selbstverständlich muss eine umfassende und seriös gemachte Geschichtsschreibung jeweils beide Aspekte entsprechend berücksichtigen, schon alleine, um sich nicht dem Vorwurf der Apologie - und zwar in beide Richtungen ! - auszusetzen!

Fehlen beispielsweise in den sogenannten äußeren Quellen Angaben über Alter, Ehestand, Sterbetag etc., können diese sehr oft durch Andeutungen in der hebräischen Inschrift sicher oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ergänzt werden.


[19] Bernhard Wachstein, Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, Grabstein Nr. 560. [Zurück zum Text (19)]

[20] Wachstein, Wien, (Anm. 12 auf Seite 3), Grabstein Nr. 560. [Zurück zum Text (20)]

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