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Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente [5].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Jüdischer Friedhof und jüdische Geschichte.

Fortsetzung

Exkurs.

Ergänzungen von Daten äußerer Quellen durch Daten auf jüdischen Grabsteininschriften haben im übrigen Tradition: Denn das nationalsozialistische ›Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland‹ besaß seit 1936 eine Forschungsabteilung ›Judenfrage‹. Da man dort davon ausging, dass die jüdischen Friedhöfe unmittelbar vor ihrer Auflösung stehen, fing man im Sommer 1942 mit der Dokumentation von Grabinschriften an. Für genealogische und demographische Untersuchungen war man an einer fotografischen Sicherung der Inschriften in Ergänzung zu den (durch das Reichssippenamt eingezogenen) jüdischen Personenstandsregistern interessiert. Mit dem Fotografieren von Grabsteinen wurde auf dem Währinger Zentralfriedhof in Wien begonnen. Das Projekt wurde wenigstens zwei Jahre lang, d. h. bis etwa Oktober 1944 betrieben. Eine eingehende Untersuchung über diesen Tätigkeitsbereich des Reichsinstituts liegt bis heute nicht vor. Insbesondere kann nicht gesagt werden, auf welchen jüdischen Friedhöfen und in welchem Umfang Grabinschriften fotografiert wurden.

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Honigmann schreibt über das Friedhofsprojekt in Deutschland:

»Besser als vom verwitterten Grabstein werden die eigentlich interessanten Daten meist aus Steuerlisten, Melderegistern oder Matrikelbüchern gewonnen« [21]..

Dieser Ansatz soll hier kritisch hinterfragt werden. Denn was sind die ›eigentlich interessanten‹ Daten? Sind das immer jene Daten, oder nur jene Daten, die wir auch in Steuerlisten, Melderegistern oder Matrikelbüchern finden? Reichen die ›Wunschvorstellungen‹ Honigmanns bzw. seines Zentralarchivs für die Zukunft?

»In einem zweiten Schritt käme es darauf an, unter Berücksichtigung der kunsthistorischen, ortsgeschichtlichen, demographischen und genealogischen Forschungsinteressen wissenschaftlich begründet Auswahlkriterien festzulegen ...« [22].

Dabei darf Deutschland, was Be- und Aufarbeitungen sowie Sicherungen von jüdischen Friedhöfen betrifft, durchaus als Vorzeigeland gelten:

»An den Universitäten sind Friedhofsdokumentationen zu einem beliebten Kabinettstück im Fach Judaistik geworden. Und die finanzielle Förderung solcher Arbeiten wird von den Kommunalverwaltungen schon fast als eine Pflichtübung der Erinnerungsarbeit betrachtet.« [23].

In Österreich ist alles ganz anders: Bestenfalls einige wenige, meist junge HistorikerInnen mit keinen oder unzulänglichen Hebräischkenntnissen - geschweige denn irgendeiner Ahnung der Inschriftensprache - arbeiten im Rahmen von Heimatforschungen auch über den jeweiligen örtlichen jüdischen Friedhof. Öffentliche Gelder, vor allem für seriöse Projekte, sind so gut wie nicht zu lukrieren.

Vielleicht hat dies aber auch damit zu tun, dass - nicht nur in Österreich - jüdische Grabsteine als Zeugen, Dokumente und Urkunden nur sehr oberflächlich wahr und damit zuwenig ernst genommen werden ...


[21] Honigmann, (Anm. 9 auf Seite 2), 269. [Zurück zum Text (21)]

[22] Honigmann, (Anm. 9 auf Seite 2), 271. [Zurück zum Text (22)]

[23] Honigmann, (Anm. 9 auf Seite 2), 271. [Zurück zum Text (23)]

Quelle:
Johannes Reiss, Jüdische Friedhöfe: Zeugen - Urkunden - Dokumente, in: Mitteilungen der Grazer Morgenländischen Gesellschaft, 9, Graz 2000, 58-71.

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