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Mel Gibson: ›Die Passion Christi‹.

Kurt Schubert, Wien

Schon vor etwa 30 Jahren ersuchte mich der Diözesanbischof von Eisenstadt Dr. Stephan Laszlo, die Passionsspiele von St. Margarethen so zu bearbeiten, dass dadurch beim Publikum keine antisemitischen Reaktionen entstehen. Sein Nachfolger Paul Iby wünschte dann noch einen klärenden Beitrag für das Programmheft 1996. Natürlich ist die vordergründige Absicht aller Passionsspiele die Darstellung des Leidens Christi und seines Weges bis hin zum Kreuz. Da aber die Auseinandersetzung mit der jüdischen Obrigkeit des Zeitalters Jesu nicht ausgeklammert werden kann, ergibt sich zwangsweise auch eine antijüdische Komponente, wenn man bei Darstellung und Regie zu stark aufträgt. Wenn sich auch die Passion Jesus nach dem Matthäusevangelium besonders für theatralische Effekte eignet, so enthält jedoch gerade diese Version stärkste Formulierungen, die auch - vom Darsteller ungewollt - zu antijüdischen Schlussfolgerungen führen können. In dieser Hinsicht bietet der Film von Mel Gibson mit absoluter Sicherheit ein negatives Bild vom Judentum, indem er den Glauben des Judentums nur als Glaubensverweigerung an den Messias Jesus von Nazareth darstellt, also somit ein entschieden falsches Bild vom Glauben Israels bietet.

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Aus den mir zugegangenen Informationen geht hervor, dass Gibson sich dieser Problematik auch bewusst war und deshalb auch die Szene der Selbstverfluchung des Volkes (Matthäus, Kapitel 27, Vers 25) nicht mit aufgenommen hat. Aber die Szene vorher - Pilatus wäscht sich die Hände in Unschuld (Matthäus, Kapitel 27, Vers 24) - soll sich in der Endfassung finden wie die Schreie des Volkes, das Jesu Kreuzigung verlangte. In diesem Sinne wäre sicher eine Fassung nach Lukas, Kapitel 23, Vers 21f vorzuziehen, wonach Pilatus sagt:

»Was hat dieser denn Böses getan? Ich finde keine Todesschuld an ihm.«

Die Lukas-Fassung dürfte auch den historischen Tatbestand viel besser treffen als die Fassung nach Matthäus, denn das Händewaschen in Unschuld war eine jüdische und keine römische Sitte. Man denke u. a. nur an Psalm 26, Vers 6 oder 73, Vers 13. Und damit kommen wir bereits exegetisch auf den Punkt. Der Evangelist Matthäus war selbst Judenchrist und schrieb für die Juden, die er von seinem Glauben überzeugen wollte. Daher formulierte er gemäß deren Vorverständnis und in deren Symbolsprache. Dazu gehört auch das zusätzliche Händewaschen in Unschuld zur geschichtlichen Feststellung, dass Pilatus Jesus für unschuldig hielt. Für Matthäus musste auch Pilatus die Schuld von sich waschen, damit sie darauf folgend das Volk auf sich nehmen konnte. Wenn sich daher das Händewaschen in Unschuld auch theatralisch sehr wirksam darstellen lässt, so hat es aber dennoch keinen historischen Stellenwert.

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Zum Beweis dafür nur noch ein Beispiel. In der eschatologischen Rede Jesu vom Höhepunkt der Not heißt es in der Vorlage bei Markus, Kapitel 13, Vers 16:

»Betet darum, dass das alles nicht im Winter eintritt,«

wobei Matthäus ergänzt (in Matthäus, Kapitel 24, Vers 20):

»Betet darum, dass ihr nicht im Winter oder an einem Sabbat fliehen müsst.«

Am Sabbat darf man zwar zur Lebensrettung fliehen, aber nach jüdischem Recht, nach dem das Tragen einer Last am Sabbat verboten ist, kein Fluchtgepäck mitnehmen. Man muss Matthäus also von seinem jüdischen Hintergrund her verstehen, um zu wissen, auf welche Weise er die Geschichte und Lehre Jesu für sein Publikum verstehbar gestaltet hat. Matthäus verstand sich selbst in der Nachfolge der alttestamentlichen Propheten, die ebenfalls in der Wortwahl ihrem Volk gegenüber nicht gerade zimperlich waren. Wenn man aber die innerjüdische Polemik des Matthäus außerhalb der ›Jüdischen Gasse‹ theatralisch drastisch zur Darstellung bringt, wird sie zwangsläufig zur Polemik der Anderen gegen das Judentum, mit dem Matthäus viel zu sehr verbunden war, als dass er derartiges gewollt hätte.

Aber auch einem eigenen spezifisch christlichen Einwand habe ich gegen diesen Film. Die brutale Darstellung der Leiden Jesu grenzt für mich an verbotenen Voyeurismus. Aus den Leiden Christi einen Horrorfilm zu machen, ist für mich kein Zeichen für lebenden Glauben, sondern eher für Mangel an Ehrfurcht. Wer sich in die Leiden Christi vertieft, dem genügt der gotische Schmerzensmann. Wer sich selbst bis zur Selbstidentifikation in die Leiden Christi versenkt, dem bezeugen wie z. B. bei Padre Pio von San Giovanni Rotondo in Apulien die Stigmata. Für mich als einen aktiven Katholiken ist ein solcher Film kein Glaubenszeugnis, sondern ein Missbrauch des Leidens des ›Gottesknechts‹. Daher will ich ihn auch nicht sehen. Was ich hier geschrieben habe, beruht auf mehreren zum Teil sehr genauen Informationen über diesen Film.

Quelle:
Kurt Schubert, Mel Gibson ›Die Passion Christi‹.
Der Artikel wurde dem Österreichischen Jüdischen Museum für die erste Publikation zur Verfügung gestellt und erschien einige Tage später in der katholischen Zeitschrift ›Die Furche‹ vom 20. April 2004.

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