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Joseph Joachim und Carl Goldmark [2].

Gerhard Winkler, Eisenstadt

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Gemeinsamkeiten.

Herkunft.

Da ist zunächst einmal die gemeinsame Herkunft aus den jüdischen Siebengemeinden. Würde man irgendwann eine Musikgeschichte des Burgenlandes schreiben (was natürlich eine Musikgeschichte der Region sein müsste, auf der das heutige Burgenland errichtet ist), so käme man nicht an der Tatsache vorbei, dass eine gehörige Portion davon eine ›Esterházy-Musikgeschichte‹ wäre. (Der Ausdruck wurde in anderem Zusammenhang geprägt, ist aber hier höchst passend.) Denn eine ganze Reihe derjenigen, deren Namen in einer solchen Musikgeschichte geführt werden müssten, standen nicht nur in unmittelbarem Dienstverhältnis zum Fürstenhof wie G. J. Werner, Joseph Haydn, Luigi Tomasini, Johannes Nepomuk Hummel usw., sondern sind mit diesem indirekt verbunden, allen voran natürlich Franz Liszt, dessen Vater und Großvater Esterházysche Beamte waren (Liszts Raidinger Jugendzeit lässt sich hauptsächlich über Esterházysche Aktenstücke erschließen), und eben auch Joachim und Goldmark, die dem Milieu der jüdischen ›Siebengemeinden‹ unter Esterházyschem Protektorat entstammen. Dies ist eine Konstellation, die es nirgendwo sonst in Österreich in vergleichbarem Ausmaß gibt und mit der speziellen Geschichte dieser westungarischen Region zusammenhängt.

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Komplementären Lebensläufe.

Der zweite Punkt hat weder mit Esterházy noch mit den jüdischen Siebengemeinden zu tun, sondern betrifft eine sehr merkwürdige Konstellation, die mit der nationalen Charakteristik dieser Region zu tun hat, nämlich das Phänomen der komplementären Lebensläufe.

Das 19. Jahrhundert ist, das ist bekannt, das Jahrhundert der Geburt der mitteleuropäischen Nationalitätenprobleme, jene Zeitspanne, in der nationale Identitäten und Zuordnungen relevant oder zum Problem zu werden begannen. (In der Musikgeschichte spricht man auch von den sog. Nationalen Schulen.) Joachim und Goldmark repräsentieren zwei von drei Musikerbiographien, die innerhalb einer Generation im historischen deutschsprachigen Westungarn ihren Ausgang nahmen und einander im Sinne der aus ihrer Herkunftsregion erwachsenden nationalen Identitäten ergänzen. Joseph Joachim ist mit seiner Karriere im protestantischen Deutschland Vertreter einer durch und durch ›deutschen‹ Option; Carl Goldmark, der mit seinen Parallelerfolgen in Wien und Budapest so etwas wie der ›offizielle‹ Opernkomponist der Doppelmonarchie wurde, ergriff eine österreichisch-ungarische Option, wobei er sich jedoch ›innerlich‹ stets der ›deutschen‹ Musiktradition zugehörig fühlte. Der Dritte im Bunde wäre der 1815 in Frauenkirchen geborene Michael Brand. Er stammt nicht aus einer jüdischen Gemeinde, sondern ist katholisch getaufter Handwerkersohn, der es als angehender Musiker ähnlich schwer hatte wie Goldmark. Sein Lebenslauf zeichnet sich dadurch aus, dass er sich um 1860, also etwa um die Zeit, als Ungarn innerhalb der Donaumonarchie tatsächlich ein eigener Staat wurde, ganz der ungarischen Sache zuwandte und als Zeichen dieser gefundenen Identität sogar seinen eigenen Namen magyarisierte: Mihály Mosonyi wird heute in Ungarn neben Liszt als einer der Pioniere ungarischer Musikkultur geführt. Er kann als Vertreter der reinen national-ungarischen, einer magyarischen Option gelten. Mit anderen Worten: Die drei Lebensläufe endeten in Budapest, Berlin und Wien und haben doch, und zwar komplementär zueinander, nur die möglichen Potentiale entfaltet, die innerhalb der nationalen Charakteristik der Ausgangsregion enthalten waren. Dass aber alle drei eigentlich ›ungarische‹ Lebensläufe darstellen, wird aber durch die Tatsache illustriert, dass jeder von ihnen sich in irgendeiner Weise mit ›ungarischem Musikidiom‹ beschäftigt hat. (Als Vierten müsste man hier sogar Brahms als musikalischen Wahlungarn hinzufügen: nicht geboren, hat aber ungarische Musik gemacht.)

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Exkurs: Franz Liszt.

Gestatten Sie mir einen kurzen Seitenblick auf die burgenländische Zentralfigur und Lichtgestalt dieser Epoche, den 1811 ebenfalls in Westungarn geborenen Franz Liszt. Liszt hat während seines Lebens, wie man weiß, eine ganze Reihe von Optionen ergriffen, die weit über das hinausgehen, was ihm von seiner ursprünglichen Abstammung her vielleicht in die Wiege gelegt war; seine Biographie unverwechselbar und inkommensurabel; hält man sie aber gegen die Hintergrundfolie der drei anderen, etwas einfacheren westungarischen Lebensläufe, wird vieles im Verhalten Liszts seinem eigenen Heimatland gegenüber plausibler, vor allem weil sich zeigt, wie vielschichtig die Frage nach der nationalen Identität sein kann und dass sie nicht danach zu lauten hat, ob jemand Ungar sei oder nicht, sondern danach, was es in dieser Zeit historisch heißt, als Westungar ein Ungar zu sein.

In dieser Frage zeigt sich aber auch, dass es so etwas wie das Phänomen einer spezifisch westungarischen Musikgeschichte (also einer ›burgenländischen‹ Musikgeschichte) gibt, die sowohl mit der österreichischen als auch mit der ungarischen Musikgeschichte verknüpft ist, aber doch nicht restlos in der letzteren aufgeht. Würde es also das Burgenland nicht schon geben, müsste man es sozusagen zur Musikgeschichtsschreibung erst erfinden. Der dritte Punkt betrifft nun nach dem regionalen und dem nationalen Element das ›jüdische‹, das vor dem skizzierten Hintergrund nur den Biographien Joachims und Goldmarks gemeinsam ist. Wie zeichnet sich aber das jüdische Element als gemeinsames in beiden Biographien ab? Woran kann man es festmachen?

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017