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Joseph Joachim und Carl Goldmark [5].

Gerhard Winkler, Eisenstadt

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Jüdische Wurzeln.

Fortsetzung

Wer allerdings Goldmarks unveröffentlichte Schriften kennt, liest mit Staunen, dass Goldmark sich eigentlich an Mendelssohn und Schumann orientiert hat und an sie anknüpft. Goldmark war auch einer der ersten Komponisten in Wien, der - vor Brahms - wieder klassisches Kammermusikrepertoire pflegte (Streichquartett). Seine Autobiographie ist, richtig gelesen, eigentlich auch ein Dokument jenes Wiener Konsolidierungsprozesses, den Goldmark da als Person mitvollzieht. Und am Ende seines Lebens, als er sich schon von den Jüngeren, denen er mit Unverständnis gegenübersteht, überrollt sieht, schreckt er nicht davor zurück - man traut seinen Augen nicht - seinen Landsmann Franz Liszt als Urheber allen Übels auf dem Gebiete der Musik verantwortlich zu machen. Auch er ist im Herzen eigentlich traditionalistisch eingestellt.

Die Söhne-Generation, zumal Hugo Wolf, hat Goldmark das Gepräge des Fortschrittlichen nicht abgenommen (Hugo Wolf, Penthesilea).

Es ist also kein Zufall, dass Brahms der gemeinsame Bekannte von Joseph Joachim und Carl Goldmark ist (nicht geschätzt, sondern als Kollege akzeptiert.) Brahms steht hier nicht als Person, sondern als Repräsentant des gründerzeitlichen Klassiker-Traditionalismus, an dem Carl Goldmark und Joseph Joachim auf unterschiedliche Weise teilhaben. Jedenfalls zeigt dies, dass die Lebensläufe Goldmarks und Joachims trotz der großen Distanz durchaus kommunizierende Röhren sind. Assimilation war eben auch ein europäischer Traum. Dieses Doppelporträt erlaubt jedenfalls das vorsichtige Fazit, dass sich der Assimilationsprozess bei beiden Künstlern dieser Generation eben so ausgewirkt hat, dass jeder sich offensichtlich verantwortlich gefühlt hat, loyales, ja unterstützendes Mitglied jener Gesellschaft zu werden, die ihn aufgenommen hat.

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Das Ende.

Natürlich war der gründerzeitliche Konsens, der beide Karrieren trug, höchst brüchig, was beide Künstler nicht am Leib, aber an der Seele erfahren mussten.

Joachim ziemlich früh: Schon 1850 sieht man ihn als Mitunterzeichner einer Protestnote an Franz Brendel, den Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik, weil dieser einen Aufsatz eines gewissen Carl Freigedank darin abdruckte. Dies ist bekanntlich das Pseudonym für Richard Wagner, und es handelt sich um sein folgenschweres schriftstellerisches Produkt ›Das Judentum in der Musik‹. Wagner argumentiert darin zwar noch nicht eigentlich rassistisch (von ›Rasse‹ wird er erst später sprechen, französisch ›race‹), aber darum nicht weniger perfid: Die jahrhundertelange Diaspora hätte die Juden dazu sozialisiert, ihr Hauptaugenmerk darauf zu legen, die Sprache des jeweiligen Wirtsvolkes möglichst genau nachzuahmen. Dies gelte auch für die Künste. In der Musik führe dies aber zu kalter Glätte oder unverständlichem Gestammel, weil Musik von innen, von den Urwurzeln her, getragen sein müsse. Dies war hauptsächlich gegen die erfolgreichen Konkurrenten Mendelssohn und Meyerbeer gerichtet. In der Neuveröffentlichung 1868 (Joachim siedelt gerade nach Berlin) ergänzte Wagner noch: Schumanns Talent sei wegen der vielen Juden in seiner Umgebung versickert; nicht nur in diesem Seitenhieb, sondern darin richtet sich die Neufassung u. a. gegen Joachim, als Wagner nun auch jenen neuen Künstlertyp angreift, der nicht mehr selbst produziert, sondern primär ausübender Künstler ist (›Interpretation‹).

Klar, dass diese Haltung eines gewichtigen Opinionleaders ein ständiges Bedrohungsfeld für den Künstler Joseph Joachim darstellte. Man kann es ihm auf Grund dieses Zwiespalts nicht verdenken, dass sich die eine oder andere antisemitische Bemerkung auch in seiner Korrespondenz findet.

Für Goldmark ließ der Schock länger auf sich warten. Es war ausgerechnet die Berliner Erstaufführung der Oper ›Das Heimchen am Herd‹, 1896, die von der Berliner Kritik massiv, und zwar als ein Rückfall hinter Wagner, verrissen wurde und wo sich in die ästhetische Argumentation eine Reihe von antisemitischen Untergriffen mischte. Ich vermute, dass es wahrscheinlich dieser Schock war, der dann zu den Auslassungen in der Autobiographie führte.

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Goldmark wollte sich gegen die Vorwürfe in Form einer grundsätzlichen Studie verteidigen, hat das umfangreiche Manuskript dann aber doch nicht veröffentlicht.

Hier rechtet er mit einem, nicht genannten Kritiker auf folgende Weise:

»Erst jüngst las ich in einem Referate über die Königin von Saba die Bezeichnung: ›Das fremdartige Werk‹. Das Wort soll aber nicht sowohl die Eigenart bezeichnen, als vielmehr dem Werk einen Makel anhängen, ist aber sein größtes Lob, denn es bezeichnet unter allen Umständen seine subjektive Eigenart. Das fremdartige Werk soll wohl heißen, als nicht dem deutschen Geiste, der deutschen Kunst angehörig. Ja, welcher dann? Als Kunstwerk, wie es nun einmal dasteht, ist es wohl nicht vom Himmel gefallen, und muß mit all seinen Formen und Eigenarten, guten und weniger guten einer hochentwickelten Cultur und Kunstrichtung entstammen, seine musikalischen Ahnen haben. Dieses ›fremdartig‹ soll hier verschämt wohl heißen: orientalisch.« Zitat Carl Goldmark.

Der Kritiker hat seinen Wagner zweifellos gut gelesen, denn das Wort ›fremdartig‹ ist das antisemitische Schlüsselwort in Wagners Meyerbeer-Polemik der 1850er Jahre.
Das Zitat spricht für sich.

Ich möchte aber mein Referat mit einem Denkbild beschließen, das jeder in seinem Herzen wenden möge:

Wir heutigen, politisch korrekt und in allerbester Absicht, sind froh, Spuren der jüdischen Herkunft in Goldmarks Werken zu finden.

Der Kritiker von 1896 hat ganz dasselbe getan, nur böswillig, aus antisemitischer Rassenschnüffelei.

Goldmark selbst möchte ihm gerne klarmachen, dass das sog. ›Orientalische‹ in der ›Königin von Saba‹ Stilmittel und Couleur locale ist. Sonst wäre es keine gute Oper, und dass sein bisheriges Lebenswerk ebenso der deutschen Musiktradition angehört wie das Wagners.

Quelle:
Gerhard Winkler, Joseph Joachim und Carl Goldmark. Zwei jüdische Musiker aus dem historischen Westungarn. Vortrag gehalten beim Symposion ›Musik der Juden im Burgenland‹ (Eisenstadt, 09. - 12. Oktober 2002).

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017