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Jüdische Speisegesetze [2].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches.

Abgrenzung von ›rein – unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut.

Fortsetzung

Schon bei den Propheten wird auf das Einhalten bestimmter Speisegesetze Bezug genommen. So betont Ezechiel etwa, nie Fleisch von verendeten Tieren oder von Tieren, die gerissen wurden, gegessen zu haben, da dieses zu einem Zustand der Unreinheit führe (Ezechiel, Kapitel 4, Vers 14).

Judith weigerte sich, am Mahl des Holofernes teilzunehmen und unreine Speisen zu essen. Sie bevorzugte ihren eigenen mitgebrachten Vorrat.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden war ein weiterer Grund für die Wichtigkeit der Einhaltung von Speisegesetzen. Da zur Zeit des zweiten Tempels bereits ein großer Teil der Juden unter einer nichtjüdischen Mehrheit beziehungsweise unter nichtjüdischer Herrschaft lebte, bekamen die Speisegesetze einen identitätsstiftenden Charakter. Nicht selten wurde das Essen von unreinen Speisen als ›Foltermethode‹ gegen Juden angewandt. Das Übertreten der Speisegesetze wurde mit dem Abfall vom Judentum gleichgesetzt, was zur Folge hatte, dass viele Juden den Tod einem Leben in Unreinheit vorzogen.

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Im Laufe der Geschichte hat man versucht, verschiedene Erklärungen für die Speisegesetze zu finden. So werden sie in der Bibel zwar nicht erklärt, aber in Zusammenhang mit der Heiligkeit Gottes und seines Volkes gebracht. Die Speisegesetze werden also in einen sakralen Bereich gehoben und mit einer spirituellen Dimension versehen. Spätere Erklärungen und Interpretationen der Speisegesetze betonen ihren moralischen Aspekt. So stillen die Speisegesetze z. B. das menschliche Bedürfnis nach Gewalt und sind dazu da, den Menschen mit dem Geist der Gerechtigkeit zu versorgen bzw. ihm gewisse moralische Normen zu geben. Die rabbinische Literatur liefert keine rationalen Argumente für die Speisegesetze. Dort heißt es vielmehr:

»Lass den Mann nicht sagen, ›ich esse kein Schweinefleisch‹. Er sollte vielmehr sagen, ›ich esse es gerne, aber ich darf es nicht essen, denn die Tora verbietet es mir.‹« (Sifra 11:22)

Der große jüdische Religionsphilosoph Maimonides (1135-1204) sah in den Speisegesetzen einen Weg unsere Lust zu meistern. Die Lust am Essen soll nicht als Zweck der menschlichen Existenz betrachtet werden. Zudem haben alle Speisen, die die Tora verbietet, eine schlechte und schädliche Wirkung auf unseren Körper.

In der jüdischen Mystik wurde das Nichteinhalten von Speisegesetzen mit schrecklichen Auswirkungen auf die menschliche Seele verbunden. Es trübe das Herz und hemme die edlen Eigenschaften im Menschen.

In der Neuzeit kam man von den diversen medizinischen Erklärungen ab. So betont etwa Isaak Abarbanel (1437-1508), dass es genügend Menschen gibt, die Schweinefleisch essen und dennoch gesund und wohlauf sind, andererseits wurden viele gefährliche Tiere und Pflanzen in der Tora nicht unter den verbotenen Speisen erwähnt. Die Offenbarung der Speisegesetze hatte somit nicht die Heilung des Körpers, sondern die der Seele zum Ziel.

Die im 19. Jahrhundert aufkommende Reformbewegung sah in den Speisegesetzen - mit einigen wenigen Einschränkungen - einen Überrest, der mit den Gesetzen der priesterlichen Reinheit und des Opfers verbunden war. Da die heutigen Lebensbedingungen ganz anders sind, haben sie weder religiöse Bedeutung noch einen ethischen Charakter. Konservative und orthodoxe Bewegungen des 19. Jahrhunderts betrachteten die Speisegesetze selbstverständlich als nach wie vor bindend. Alle Vorschriften verlangen vom Gläubigen Opfer und Selbstdisziplin. Sie trennen bis heute den Juden von seiner nichtjüdischen Umgebung und sind Kennzeichen seines Selbstverständnisses als Angehöriger des heiligen (erwählten) Volkes.

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Ausgehend von teilweise uralten Tabuvorstellungen und Bräuchen findet sich in Bibel und rabbinischer Literatur eine fortschreitende Differenzierung der Begriffe ›rein‹ und ›unrein‹. Rituelle Reinheit entspricht im Wesentlichen der kultischen Auffassung von ›Heiligkeit‹, die in erster Linie einen mit der Gottheit verbundenen Bereich kennzeichnet. ›Reinheit‹ ist daher grundsätzlich Freisein von etwas Tabuisiertem, das von Materiellem (Schmutz, Sperma) bis zum Kultisch-Moralischem (Götzendienst, Sünde) reicht. Als ›unrein‹ galt also grundsätzlich alles, was ›fremd‹ war, sofern es im Verdacht stand, mit einem fremden Kult oder mit rituell verbotenen Substanzen oder Praktiken verbunden zu sein. Unreinheit wird durch Berührung (Nahrungsaufnahme) übertragen.

Für unseren Zusammenhang wichtig ist die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Dabei kann das Kriterium der Opferfähigkeit angelegt werden sowie das der Essbarkeit der Tiere. Nur reine Tiere können koscher sein:

  • Säugetiere: Rein sind Wiederkäuer mit vollständig gespaltenen Klauen (Paarhufer) (Leviticus, Kapitel 11, Vers 3). Verboten sind daher z. B. Schwein, Kamel und Hase, ferner alle Fleischfresser;
  • Grundsätzlich als rein gelten die meisten Vögel, zu den 24 unreinen Vögeln gehören u. a. Greifvögel, aber auch Strauß und Storch. Laut Talmud (Traktat Chullin 3,6) haben reine Vögel eine Hinterzehe, einen Kropf und einen doppelhäutigen Muskelmagen. Eier unreiner Vögel sind verboten, ebenso befruchtete Eier überhaupt;
  • Fische: Nur Wassertiere mit Flosse(n) und Schuppen sind rein. Verboten sind daher Hai und Aal sowie alle Meeresfrüchte;
  • Insekten: Leviticus, Kapitel 11, Vers 21f nennt vier Arten von erlaubten Heuschrecken. Sie werden aber selten gegessen, u. a. weil sie schwer zu identifizieren sind. Obwohl die Biene unrein ist, ist Honig erlaubt, da er als ›umgewandelter Blütenstaub‹ gilt (Traktat Bechorot 7b).

Gleichsam als Überblick - und mehr kann es hier nicht sein - kann festgestellt werden, dass verbotene Tiere in zwei Kategorien eingeteilt werden können, nämlich in solche aufgrund biblischer Verbote und in solche aufgrund rabbinischer Verbote.

  • Biblische Verbote:
    • primäre Verbote wie nicht koschere Tiere, Aas, Insekten etc.
    • verbotene Kombinationen wie Fleisch und Milchiges oder kilajim, also verschiedene Arten, die zusammen gewachsen sind (z. B.: Getreide und Gemüse - man darf also nicht etwa irgendein Gemüse in der Nähe eines Weinstocks anbauen etc.)
  • Rabbinische Verbote:
    • jene mit biblischer Basis wie etwa die rabbinischen Erweiterungen (sjag letora = Zaun um die Tora) des Verbotes, Milchiges und Fleischiges zu mischen
    • jene ohne biblische Basis, wie Essen, das von Nichtjuden gekocht und gebacken oder Wein, der von Nichtjuden produziert wurde etc.

Speisen können durch die Flüssigkeiten Wasser, Tau, Wein, Milch, Öl, Blut und Honig unrein werden. Die Gründe für die Unreinheit mancher Tiere sind oft nicht mehr im Einzelnen nachzuvollziehen.

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