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Jüdische Speisegesetze [3].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Die Speisegesetze (Speisevorschriften) als wesentlicher Bereich der Kaschrut.

Besonders die Entwicklung der Speisegesetze, die den Bereich der Kaschrut dominieren zeigt, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält.

Früchte und Gemüse sind in jedem Fall koscher, da sie in Bezug auf fleischig und milchig als neutral (parve) gelten und mit allen Nahrungsmittelarten zusammen genossen werden können: z. B.: Brot, Eier, Öl, Pflanzenfett, Obst und Gemüse.

Eine Grundregel ist die strikte Vermeidung jeden Genusses von Blut:

»Jedermann aus dem Haus Israel oder jeder Fremde in eurer Mitte, der irgendwie Blut genießt, gegen einen solchen werde ich mein Angesicht wenden und ihn aus der Mitte seines Volkes ausmerzen ...« (3. Buch Mose, Kapitel 17, Vers 10)

Dieses absolute Blutverbot bedingt die Schlachtmethode des Schächtens, also das Schlachten der Tiere mit einem einwandfrei schartenlos geschliffenen Messer.

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Koscher-Stempel - Zur Großansicht[D]

Bild: Stempel, um 1880.
Gross Family Collection, Tel Aviv.
Großansicht 65 KB.

Fleischig und milchig sind strikt voneinander zu trennen. Das heißt, Fleisch und Fleischprodukte dürfen weder zusammen mit Milch oder Milchprodukten aufbewahrt, noch zubereitet oder gegessen (zwei bis sechs Stunden Intervall!) werden. Zurückgeführt wird diese Vorschrift auf das dreimal in der Bibel genannte Verbot:

»Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen!«

Möglicherweise handelt es sich dabei ursprünglich um die Abwehr eines Fruchtbarkeitszaubers. Später wurde das Verbot jedoch immer allgemeiner ausgelegt, da mit Ausnahme der Selbstversorger niemand sicher sein konnte, woher Fleisch oder Milch kamen. Da das Verbot in der Bibel dreimal erwähnt ist, sind nicht nur Kochen, sondern eben auch Essen und jedes Mischen von Fleisch und Milch verboten. Praktisch bedeutet dies, dass für diese beiden Arten von Lebensmitteln völlig getrenntes Geschirr und Besteck verwendet werden muss.

Fisch gilt nicht als ›fleischig‹, wird aber traditionell nicht mit Fleisch zusammen gegessen.

Milch und Milchprodukte können nur von ›reinen‹ Tieren und - streng genommen - nur aus jüdischer Produktion als unzweifelhaft erlaubt betrachtet werden, weil die Gefahr besteht, dass Milch unreiner Tiere beigefügt oder ›unreine‹ Gefäße verwendet wurden.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden sowie die Erhaltung der Kernaussagen des jeweiligen Gesetzes führten zur ständigen Ausweitung der einzelnen biblischen Ge- und Verbote (ein Zaun um die Tora):

»Daniel war entschlossen, sich nicht mit den Speisen und dem Wein der königlichen Tafel unrein zu machen ... Da ließ der Aufseher ihre Speisen und auch den Wein, den sie trinken sollten beiseite und gab ihnen Pflanzenkost.« (Daniel, Kapitel 1, Vers 8 und Vers 16)

Außerhalb der hebräischen Bibel finden sich vor allem in Büchern der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, die für die nicht mehr der hebräischen Sprache mächtigen alexandrinischen Juden im 3. bzw. 2. Jahrhundert v. d. Z. angefertigt wurde, eindeutige Belege für dieses Bemühen: Während Ester im hebräischen Text noch die Lieblingsgemahlin des heidnischen Königs wird und mit ihm feiert, heißt es in der Septuaginta:

»dass ich ... das Bett eines Unbeschnittenen und Fremden verabscheue‹ und ›Deine Magd hat nicht am Tisch Hamans gegessen, ich habe keinem königlichen Gelage durch meine Anwesenheit Glanz verliehen und habe keinen Opferwein getrunken.« (Ester, Kapitel 4, Vers 17)

Alles in allem verhinderten diese Vorschriften de facto (in der Praxis) jede Teilnahme eines Juden an Mahlzeiten von Nichtjuden - ausgenommen bei Früchten und Gemüse. Denn bei strenger Beachtung der Regeln gilt ja schon das Geschirr als nicht koscher. Schon Tacitus kennzeichnet die Juden als ›separati epulis‹ - getrennt bei Mahlzeiten. Da das Essen im Judentum nicht als rein profaner, sondern als religiöser Akt gilt, war es natürlich oft schwer, zwischen profanem sozialen Kontakt und religiöser Vermischung zu unterscheiden. Aber auch diese Sorge war nicht nur eine Sorge des Judentums, man denke an die Verbote christlicher Synoden mit Juden Tischgemeinschaft zu pflegen. [2]..

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Beurteilung der Klassifikation der reinen und unreinen bzw. der zum Essen erlaubten und nicht erlaubten Tiere.

Es wäre sicher falsch, die oben vorgenommene Klassifikation nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen oder einzelne Verbote mit hygienischen Argumenten zu begründen, dass etwa Schweinefleisch in heißem Klima nicht haltbar sei. Eher könnte man daran denken, dass z. B. das Schwein in vielen Kulten das bevorzugte Opfertier war. Da alles Schlachten in der Antike in den religiösen Bereich des Opferns gehörte, zog ein solches Verbot eine deutliche Trennlinie zu heidnischen Kulten.

Entscheidend ist: Wer in biblischer Tradition lebt, dem genügt ohnedies, dass es so in der Bibel steht; Begründungen zu suchen würde immer auch die Begründung von Ausnahmen ermöglichen.

Allerdings wird dies - etwa im liberalen Judentum - durchaus differenziert gesehen und man zieht für die Beurteilung der Kaschrut wissenschaftliche Methoden als Parameter heran.


[2] Siehe besonders: Günter Stemberger, Jüdische Religion, München 1999 (3), 27f. [Zurück zum Text (2)].

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