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Jüdische Speisegesetze [4].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Die Praxis.

Reformjudentum und Kaschrut.

Von reformiertem bzw. liberalem Judentum als Richtung des Judentums, der heute weltweit etwa 1.200.000 Juden angehören, sprechen wir seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Juden aus der Isolierung des Ghettos in die europäische Gesellschaft eintraten. Vor allem brauchte man eine Theologie, die gegenüber dem Christentum zeigen konnte, dass das Judentum in der modernen Welt überlebensfähig ist. Die ersten Reformgottesdienste wurden in norddeutschen Gemeinden gehalten. Während in Österreich die liberale jüdische Gemeinde (Or chadasch) mehr oder minder (noch) ein Schattendasein führt, finden wir im übrigen Europa starke liberale Gemeinden (z. B. Oldenburg). Naturgemäß konnte die Reformbewegung in den USA ihre größten Erfolge ernten, da ihr dort keine traditionelle orthodoxe Gemeinde im Wege stand, die zuerst ›bekämpft‹ werden musste. Als wichtigste Neuerung der Liberalen ist wohl das Ende der Trennung von Frauen und Männern im Gottesdienst zu nennen - Frauen können auch Rabbinerinnen werden – oder das Weglassen von Ritualen, die als primitiv angesehen wurden, wie das Blasen des Schofarhorns.

(Nur am Rande sei bemerkt, dass diese Ablehnung der Kaschrut im liberalen Judentum von diesem (!) nicht als Versuch verstanden wurde, das Judentum zu assimilieren, sondern das Judentum auf der Basis eines utopischen Messianismus zur Vollendung zu führen.)

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Diese strikte Haltung vieler liberaler Kreise (z. B. der Pitsburgh-Plattform aus dem Jahr 1881) wurde im 20. Jahrhundert mehrmals auf liberalen Kongressen revidiert und aufgeweicht, sodass - je nach Gemeinde und zuständigem Rabbiner - die Kaschrut sehr oft auf den völligen Verzicht von Schweinefleisch reduziert ist, da, - so die Begründung - gerade das Schwein sehr oft als Instrument der Judenverfolgung eingesetzt worden war.

Insbesondere im progressiven (liberalen, reformierten) Judentum wurde Wissenschaft der Religion gegenüber als überlegen angesehen, die eigene Allwissenheit konkurrierte mit der göttlichen Intelligenz. Indem beispielsweise das Schwein praktisch ausschließlich wegen der Trichinengefahr und die Schalenfische wegen der Gefahr von Hepatitis und anderen Viruserkrankungen verboten wurden, schloss man, dass entsprechende hygienische Zubereitungen Schwein und Schalenfische koscher machen würden. Kaschrut-Gesetze konnten also in einem Zeitalter des wissenschaftlichen Verständnisses von Gesundheit und Krankheit ruhig als obsolet angesehen werden.

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Koscher - Aufsichtsorgane.

Generell lässt sich sagen, dass die Koscherproblematik in Bezug auf die Lebensmittel in den letzten Jahren für die Lebensmittelproduzenten aufgrund der Nachfrage von Konsumenten stark gestiegen ist. So wird beispielsweise in wissenschaftlichen Statistiken angegeben, dass in einem typischen Supermarkt im Nordosten der USA etwa 30% aller angebotenen Artikel koscher sind. Da der Koscher-Markt alleine in den USA derzeit (2002) einen Wert von ca. 150 Milliarden Dollar hat und 6 Millionen Menschen betrifft, von denen ca. 1.5 Millionen jüdisch sind, wurden koschere Lebensmittel im Journal AD WEEK als ›hottest‹ Produkte von 1989 bezeichnet.

Dass eine steigende Nachfrage und die damit Hand in Hand gehende höhere Produktion von koscheren Lebensmitteln selbstverständlich auch entsprechende Kontrollinstanzen erfordert, liegt auf der Hand. Neben der O-U (Orthodoxe Union) gibt es, um nur die allerwichtigsten zu nennen, noch die Organized Kaschrut Laboratories und die Kof K. Neben den offiziellen Kontrollinstanzen, die man auf den jeweiligen Etiketten findet, gibt es natürlich auch noch jede Menge einzelner Rabbiner, die ihren Stempel auf das Produkt und somit ihre Erlaubnis zum Vertrieb (Hechscher) geben.

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Der Koscher-Konsument: ›Labeling‹ und Koscher-Statistik

Koschere Produkte - Zur Großansicht[D]

Bild: Koschere Produkte.
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Wie erkennt der Koscher-Konsument nun, dass es ein koscheres Produkt ist, das er erwirbt und in dessen ›Koscherheit‹ er auch entsprechend Vertrauen haben kann? Bis heute gibt es nämlich keine eindeutigen Richtlinien der Etikettengestaltung - weltweit gesehen sind nicht einmal die Bezeichnungen eindeutig, ob etwas fleischig, milchig oder parve ist.

Obwohl manche regionale Instanzen - wie ›The Kosher Enforcement Bureau of the New York State Department of Agriculture and Markets‹ - dem Koscher-Konsumenten eine Art Garantie gibt, dass die als koscher ausgewiesenen Produkte auch tatsächlich koscher sind, ist dies noch keine Garantie dafür, dass das Produkt auch tatsächlich von einem Rabbiner überprüft wurde. So wäre es beispielsweise denkbar, dass Koscher-Etiketten entweder gefälscht oder einfach kopiert werden, das Produkt selbst aber nicht wirklich durch autorisierte Hände ging. Autorisiert heißt in jedem Fall, dass ein (zuständiger) Rabbiner die Kontrolle übernimmt und die ordnungsgemäße Koscher-Erzeugung durch seinen Stempel und - das ist besonders wichtig - durch ein Zeugnis bezeugt. Dabei ist es für den einzelnen Koscherkonsumenten nicht ganz unerheblich, von welchem Rabbiner diese Bestätigung kommt - daher wird auf den Etiketten der meisten seriösen Produkte sehr wohl Name, Institution und Ort des Rabbiners angegeben. Dies nennt man die sogenannte Koscher-Statistik, die - bedenkt man eben, dass die Frage des Koscherseins eine ausschließlich kultische Relevanz besitzt - von entscheidender Bedeutung ist, da nur sie dem Konsumenten das letzte Vertrauen in das Produkt - oder besser in die Koscherheit des Produktes - geben kann.

Denn letztlich ist die Frage der Koscherheit eine Frage des Vertrauens. Der Konsument muss letzte Sicherheit darüber haben, dass das Produkt, das er erwirbt, koscher ist, ohne den geringsten Schatten des Zweifels. Weiterhin geht es - wie wir gesehen haben - nicht nur um das Produkt selbst, sondern ebenso um die Gefäße, in denen das Produkt hergestellt wurde. Bedenkt man die enorme Pluralität der jüdischen Gemeinden und die lokalen Gebräuche - sowie das Fehlen einer ›unfehlbaren‹ obersten Instanz - wird die Problematik verständlicher. Am Beispiel des Koscherweines darf ich dies ein wenig näher ausführen:

Als Minimalkonsens darf das Vorhandensein eines Koscher-Zeugnisses (hebräisch: Te'udat hechscher) gelten. Dieses wird von einem ordinierten Rabbiner oder einer befugten Behörde (wie etwa einem rabbinischen Gerichtshof) ausgestellt und garantiert somit die ständige Kontrolle (Supervision) der gesamten Produktion durch den Rabbiner selbst oder einen von der Behörde bestellten ›Koscher Aufseher‹ (hebräisch: Maschgiach).

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