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Jüdische Speisegesetze [5].

Johannes Reiss, Eisenstadt

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Koscher-Wein - ein Exkurs.

Die hebräische Bibel schreibt den Beginn des Weinbaus Noach zu, der allerdings gleich mit den negativen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums konfrontiert wird:

»Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt in seinem Zelt.« (1. Buch Mose, Kapitel 9, Verse 10-21)

Die Rabbinen schließen aus Noachs Erlebnissen mit dem Wein, dass der Baum der Erkenntnis als Weinstock zu verstehen ist.

»Rabbi Chisda sagte ...: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Noach: Noach, du solltest durch Adam den Urmenschen gewarnt sein, denn (sein Verderben) wurde nur durch den Wein herbeigeführt. Dies stimmt überein mit dem, der sagt, der Baum, von dem Adam, der Urmensch, gegessen hatte, war ein Weinstock. Es wird nämlich gelehrt: Der Baum, von dem Adam, der Urmensch gegessen hatte, war, wie Rabbi Meir sagt, ein Weinstock, denn es gibt nichts, was über den Menschen so sehr Wehklage bringt wie der Wein.« (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 70a-70b)

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Da von Heiden produzierter Wein in der Antike für Trankopfer (Libation) verwendet und daher mit Götzendienst gleichgesetzt wurde, war er für Juden verboten (Babylonischer Talmud, Traktat Avoda sara 31a).

Dieses generelle Verbot des Libationsweines wurde von den Rabbinen auch auf den stam jenam, den gewöhnlichen, von Nichtjuden produzierten Wein ausgedehnt, da sie vor allem die Abgrenzung gegenüber Nichtjuden durch einen zu engen sozialen Kontakt mit letzteren gefährdet sahen:

»... sprach sie (die Hure) zu ihm: Du bist ja bereits wie ein Familienangehöriger; setze dich und suche dir etwas aus: Krüge mit ammonitischem Wein standen vor ihr, und da damals nichtjüdischer Wein noch nicht verboten war, sprach sie zu ihm: Willst du vielleicht ein Glas Wein trinken? Hatte er getrunken, so geriet er in Erregung und sprach zu ihr: Gib dich mir hin. Da zog sie ihre Gottheit aus dem Busen und sprach zu ihm: Verehre diese. Er erwiderte ihr: Ich bin ja Jude. - Was schadet dies ... außerdem entlasse ich dich nicht eher, als bis du die Lehre deines Meisters Mose verleugnet hast.« (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 106a)

Vor allem zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Wein als koscher gilt: Er darf nicht von einem Nichtjuden berührt werden oder worden sein und darf ausschließlich koschere Zutaten enthalten!

Sollte der Wein doch mit einem Heiden in Berührung gekommen sein, so gibt es 2 Möglichkeiten: der Wein ist ein jajin nesech (also ein Wein, der für heidnische Trankopfer verwendet wird) oder er ist ein stam jenam. Genau genommen ist der jajin nesech nicht für das Trinken zum Vergnügen oder aus geschäftlichen Gründen erlaubt, während der stam jenam wohl für geschäftliche Gründe, nicht aber für das Vergnügen geeignet ist.

Vom Verbot des mit Nichtjuden in Berührung gekommenen Weines ausgenommen ist der ›gekochte Wein‹ (hebräisch: jajin mevuschal). Damit ist ein Wein gemeint, der kurze Zeit so stark erhitzt wird, bis ›die Hand zuckt‹ (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 40b). Selbstverständlich führte eine solche Angabe immer wieder zu Diskussionen über die erforderliche Temperatur.

Während etwa die für ihre strenge Überwachung der Kaschrut-Gesetze bekannte ›Union of Orthodox Jewish Congregations of America (O-U)‹ die für das Erhitzen erforderliche Mindesttemperatur mit 168 °F (75,5 °C) ansetzt, verlangt der Lubavitscher Rebbe mindestens 190 °F (87,7 °C).

»Wenn koscherer Wein gekocht worden ist, d. h., man hat ihn soweit erhitzt, dass durch das Erhitzen seine Menge geringer geworden ist, und dann hat ihn ein Nichtjude berührt, darf man ihn sogar trinken.« (Kizzur Schulchan Aruch 274,3)

Moderne Koscher-Weinfabrikanten, deren Weinproduktion unter der Aufsicht der O-U steht, bewerben ihre Mevuschal-Weine mit dem Hinweis darauf, dass dadurch ›entsprechend dem jüdischen Gesetz‹ Nichtjuden in Restaurants die Möglichkeit zum Öffnen der Flaschen gegeben wird.

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Responsen moderner Rabbiner, die sich mit der Problematik des für Juden erlaubten, also koscheren Weines auseinandersetzen, betrachten oft die Gefahr, dass der Wein mit Nichtjuden in Berührung kommen könnte, durch die vollständige Automatisierung der Weinproduktion vom Zeitpunkt der Traubenlese bis hin zu den versiegelten Flaschen als obsolet.

Grundsätzlich darf man sagen, dass die Koscherkontrolle beim Wein schon deshalb besonders streng ist, da der Wein für liturgische Zwecke verwendet wird. Etwas grob, für unseren Rahmen aber ausreichend, geht es vor allem um folgende Regeln, die bei der Herstellung von Koscherwein einzuhalten sind:

  • An der Produktion des Weines dürfen nur Männer beteiligt sein, die den Schabbat halten.
  • Alle Geräte, die zur Weinerzeugung verwendet werden, müssen sauber und steril sein.
  • Substanzen, die bei der Produktion von Wein Verwendung finden, müssen als koscher akzeptiert sein und dürfen keine tierischen Stoffe enthalten.
  • Es darf kein Obst und Gemüse zwischen den Weinreben wachsen.
  • Die Frucht eines neuen Weinstockes darf erst vier Jahre nach der Einpflanzung verwendet werden.

In Israel müssen außerdem noch zusätzliche Auflagen erfüllt sein. Dazu gehört, dass die Zeremonie des Ma'aser verrichtet wird. Dies heißt, dass ein bestimmter Prozentsatz des produzierten Weines weggeleert wird als Symbol des Zehnts, der in biblischer Zeit an die Leviten und Kohanim abgegeben wurde. Weiterhin gilt es, die Schmitta (Schabbatjahr) einzuhalten:

»Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.« (Exodus, Kapitel 23, Verse 10-11)

Diese Vorschrift ist am kostspieligsten einzuhalten. Sie wird manchmal dadurch umgangen, dass der Weinberg für das betreffende Jahr an einen Nichtgläubigen verkauft und im Jahr darauf wieder zurückgekauft wird, da die Reben in jedem Jahr sorgfältig gepflegt werden müssen, damit der Weinberg in gutem Zustand bleibt.

Meist wird der Zeitpunkt, ab dem die Herstellung des Weines unter jüdischer Aufsicht zu erfolgen hat, mit dem Zeitpunkt angegeben, ab dem aus den Trauben Saft wird.

Abgesehen davon ist die Bandbreite der Beurteilungskriterien, wann ein Wein als koscher zu gelten hat, naturgemäß sehr groß und hängt selbstverständlich nebst wirtschaftlichen Perspektiven weitgehend auch vom zuständigen Rabbiner bzw. der jeweiligen jüdischen Gemeinde (orthodox, konservativ, reformiert bzw. liberal etc.) ab.

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