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Hildesheimer und Kutna: zwei Rabbinen Eisenstadts [1].

Josef Nobel, Rabbiner von Halberstadt, 1908

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Das Eisenstädter Rabbinat unter Dr. Israel Hildesheimer זצ"ל .

Eine für das ganze Gemeinde- und Familienleben in Eisenstadt hochwichtige Epoche wurde mit der Berufung Dr. Israel Hildesheimers ז"ל aus Halberstadt in Preußen auf den Eisenstädter Rabbinatsposten (תרי"א = 1851) eingeleitet.

Dieser Mann hoher jüdischer Ideale brachte in die durch ein längeres Rabbinats-Interregnum etwas in Stauung geratene Gemeindeverhältnisse, in das Synagogal- und das Schulleben sowie in das ganze in der Kleinstadt leicht zur Unbedeutendheit verkümmernde soziale Zusammenwirken der Gemeindemitglieder einen neuen mächtig weckenden und wirkenden Impuls.

Es fällt schwer einem Manne, wie Dr. Hildesheimer, der mit seinem reichen und tiefernsten Wollen und Können der großen jüdischen Allgemeinheit angehörte, innerhalb seines die zivilisierte Welt umspannenden Wirkensgebietes einen engen, von den Mauern einer ›Judengasse‹ umschlossenen Kreis als seinen speziellen Wirkungskreis abzustecken, und auf die Frage zu antworten: Was hat der Mann mit dem großzügigen Lebensprogramm und weiten Horizont seiner Tätigkeit innerhalb dieser seiner nächsten Berufssphäre getan, geschaffen und gewirkt?

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Wir wissen es: große Charaktere eignen sich selten als Gegenstand für die Kleinmalerei und nicht immer gereichen sie dem kleinen Felde, das ihnen beruflich zur Bebauung angewiesen ist, zum befruchtenden Segen.

Zum Glücke jedoch und gewiß zur Freude aller die am Wohlergehen der Gemeinde Eisenstadt lebhafen Anteil nehmen, verhält sich die Sache hinsichtlich der rabbinischen Amtstätigkeit Dr. Hildesheimers ganz anders. Es lag in der edlen Natur dieses Mannes, für die Ergebnisse seines Forschens auf dem ihm in allen seinen Teilen zugänglichen Gebiete der Thora und des profanen Wissens den Boden der Betätigung zu suchen, und er fand diesen Boden in den Herzen der Männer, Frauen und Kinder in seiner Gemeinde.

Bei dem damaligen im größten Teil der ungarischen Judenheit noch bestehenden Gegensatze zwischen echtem, tiefen Thorastudium und den humanistischen Studien, sowie zwischen dem echten traditionell jüdischen Thoraleben und der die praktische Religionsübung gefährdenden philosophischen ›Aufgeklärtheit‹ war es nicht zu verwundern, daß man in Eisenstadt, wo man am Ruhm dahingegangener rabbinischer Koryphäen zehrte, dem deutschen ›Philosophen‹, dem zwar der Ruf eines großen Lamdan (Gelehrten) und überaus frommen Mannes vorausgegangen war, wenn nicht mit dem Gefühle des Mißtrauens, so doch mit einer gewissen abwartenden Verständnislosigkeit gegenübertrat. Der Enthusiasmus für den von so weit her geholten Rabbiner war von einigen wenigen Männern, an deren Spitze der so vorzügliche R. Noach Maier Bunzlau stand, geweckt und mit allen Mitteln, die die Verehrung der Thora (כבוד התורה) an die Hand gibt, gefördert worden. Dennoch brauchte es Zeit, bis die ›fremdartige‹ Erscheinung, die noch dazu von außen her bemängelt und bezweifelt wurde, sich als echt und tief jüdisch geartet in der alten Gemeinde Eisenstadt einleben konnte. Das Rabbinatskollegium bestand aus altbewährten, frommen Talmudgelehrten, die jedem Rabbinatssitze zur Zierde gereicht hätten und zählte Männer aus der Schule R. Mordechai Bineths und R. Mosche Perls ע"ה . Diesen war die von der scharfsinnigen pilpulistischen Methode abweichende Lern- und Lehrweise des neuen Rabbiners eine ungewohnte.

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Den älteren Gemeindemitgliedern mochte das schlichte in Kleidung und Sitten so ganz bürgerliche Auftreten des ›Raw‹ wie ein Lossagen vom altgewohnten, den Rabbinatssitz umgebenden Nimbus erscheinen. Doch über diese Äußerlichkeiten des Scheines siegte bald der kernhafte Inhalt des wirklichen Seins.

Dr. Hildesheimer setzte sich mit seiner ganz eminenten Arbeitskraft ein. Er ging mit einem unvergleichlichen Fleiße und einer imposanten Pünktlichkeit an die Lösung seiner erziehlichen, lehrlichen und organisatorischen Aufgabe, und bald machten sich die Folgen einer solch unausgesetzt auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitenden Wirksamkeit auf allen Gebieten des Gemeindelebens bemerkbar. Für die Schule wurden neue tüchtige Kräfte herangezogen, die neben den von früher her vorhandenen zur Verschmelzung von תורה und דרך ארץ (Tora mit dem Alltag) Vorzügliches leisteten.

Die Gemeinde unterstützte mit vielen Opfern die aus nah und fern zum immer mehr bekannt gewordenen Meister herbeieilenden Bachurim und schuf sich in diesen die auf die Jugend in bestem Sinne einwirkenden, den öffentlichen Unterricht ergänzenden Privatlehrer.

In allen der Wohltätigkeit dienenden Vereinen innerhalb der Gemeinde machte sich eine Rührigkeit und dienstbefließene Obsorge geltend, wie sie nur der echt jüdische, durch das selbstlose Beispiel gehobene, angeborene und in der Gemeinde mit allen Mitteln gepflegte Wohltätigkeitssinn erzeugen konnte.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017