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Hildesheimer und Kutna: Zwei Rabbinen Eisenstadts [2].

Josef Nobel, Rabbiner von Halberstadt, 1908

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Das Eisenstädter Rabbinat unter Dr. Israel Hildesheimer זצ"ל .

Fortsetzung

Man fing es immer mehr zu fühlen an, daß man sich in einer reinen, ideal angehauchten Atmosphäre bewege, und war immer mehr bestrebt, jeden unlauteren Beisatz eines selbstsüchtigen, die Innigkeit und Einheitlichkeit des gottgefälligen Strebens störenden Einflusses von dieser Atmosphäre fern zu halten. Ein feinfühliger Beobachter, besonders ein unbefangener als Fremder in der Judengasse zu Studienzwecken lebender Gast - wie es Schreiber dieser Zeilen war - konnte diese Gehobenheit des Denkens und Empfindens in der Gemeinde schon an den sich immer mehr veredelnden Umgangsformen der Mitglieder merken. - Bei Zusammenkünften, Unterhaltungen und auf gemeinsamen Promenaden gab sich der sittenreine Ton einer den Familiensinn fördernden Geselligkeit bestens zu erkennen. - Diese so wohltuend berührende Idealität in Form und Inhalt war— das wußte jeder und sagte sich jeder mit einem gewissen Stolz — dem Rabbiner Dr. Hildesheimer zu danken.

Aus seiner Lernstube, in der das Gotteslicht nicht verlöschte, drang dieser reine, echt jüdische Geist hinaus in die Gasse und hinein in die Häuser. Von der Kanzel, auf der für die ›Falaschas‹ in Afrika und die ›Pilgerwohnungen‹ in Jeruscholaim so eindringlich gepredigt wurde, stieg das erhebende Bewusstsein der jüdischen Solidarität herab in den Kreis der Zuhörer, und neben all dem Großen, Erhabenen und Schönen fand das Niedrige und Gemeine keinen Platz.

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Wenn dieser große Lehrer in Israel das Wort nahm, um aus Afrika und Jeruscholaim und von all den Stätten, wo jüdische Brüder und Schwestern im Goluth leben und leiden, auf die Judengasse in Eisenstadt und die darin herrschenden etwaigen Übelstände zurückzukommen und den Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen das heilige Gebot jüdischer Decenz ans Herz zu legen, so fühlte es ein jeder, daß der große jüdische Mann von der Zionswarte aus, auf der er stand, seinen Blick in die Häuser und Hütten seiner Gemeindekinder richtete und man konnte sich der Macht dieses Blickes und Wortes nicht entziehen. Dr. Hildesheimer war nicht ein Gemeinderabbiner, er war ein Gemeindevater!

Nicht unerwähnt bleibe hier, daß diesem ›Vater‹ eine Frau zur Seite stand, die den Namen ›Gemeindemutter‹ verdiente und deren Andenken bei allen, die sie kannten, stets ein gesegnetes bleiben wird. Einer edlen, frommen Familie entstammend, war diese edelmütige, echt jüdische Frau besonders geeignet, den Lehren und Weisungen ihres Gatten auch da, wo sie zur genauen Aufrechterhaltung der Traditionen und strikten Überwachung der jüdischen Institution streng sein mußten, durch ihr liebreiches, reich und arm mit gleichem Zauber gewinnendes Wesen und durch ihr schönes, frommes Beispiel in ihrem Kreise Eingang und bereitwillige Befolgung zu verschaffen.

Die Rabbinatsleitung Dr. Hildesheimer trug sehr dazu bei, die jüdische ›Glorie‹ Eisenstadt zu erhalten und zu mehren.

Die Kongreßzeit, die in ganz Ungarn die jüdischen Gemüter aufregte, ging auch an der Eisenstädter Judengasse nicht spurlos vorüber und mochte, wie das natürlich, an mancher alten Säule der Pietät rütteln, doch konnte sie den Bau nicht erschüttern, der auf festem jüdischem Boden ruhte, und den ehrliche jüdische Männer aufgeführt.

Auch die Liebe und die Verehrung der Gemeinde Eisenstadt für ihren ehrlichen großen Hildesheimer ז"ל, die Würdigung seines Wirkens und Anerkennung seines Schaffens - sie sind unerschütterlich geblieben, und sie werden es bleiben, so lange es Israel nicht verlernt, seine גדולים (Großen) hoch zu halten und von ganzem Herzen zu lieben!

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Das Eisenstädter Rabbinat unter Salomon Kutna שליט"א.

Als Nochfolger Dr. Hildesheimers ז"ל, übernahm Salomon Kutna נ"י vor 35 Jahren die Leitung des Rabbinats in Eisenstadt.

Die Gemeinde hat allen Grund השי"ת für die ihr erwiesene große Gnade zu danken, daß sie das hochwichtige Amt, das sie zu vergeben hatte, in eine solch würdige Hand legen konnte, und השי"ת um die fernere Gnade zu bitten, daß ihr diese Zierde, die zugleich eine Zierde Israels ist, noch lange, lange erhalten bleiben möge.

Es wäre nun ganz gegen den Sinn und den Willen des Herrn Oberrabbiners Kutna, dessen Diadem von herrlichen Eigenschaften die Bescheidenheit schmückt, wenn wir, um seine Verdienste um die drei Stützen der Gemeinde: תורה, עבודה וגמילות חסדים (Tora, Arbeit und Gute Taten) hervorzuheben, auf sein Wirken und Schaffen in der Gemeinde näher eingehen würden.

Der Mann, der vor fast einem halben Säculum in seinem ›Offen und ehrlich‹ für Israels Glauben und Hoffen heldenhaft eingestanden, der in seinem עתרת שלום ואמת (Beständiges Heil und Wohlergehen, nach Jeremias, Kapitel 33, Vers 6) sich als ausgezeichneter Homiletiker und Hebraist und in mehreren tief einschneidenden halachischen Fragen der Zeit sein weithin vernehmbares autoritatives Wort gesprochen und geschrieben, bedarf nicht erst des Zeugnisses, daß sein Platz im Rate der Großen in Israel sei.

Rabbiner Kutna ist ein treuer Hüter der in der Gemeinde lebenden Traditionen und mit seinem geistreichen, mächtigen Worte ihr hinreißender Dolmetsch! - Möge er sich verjüngen wie der Adler, denn er gehört zu dem Adlergeschlechte, das in der mit dem מהר"ם א"ש זצ"ל beginnenden und sich fortsetzenden Reihe der רבנים צדיקים die Gemeinde Eisenstadt und ihre Heiligtümer umschwebt.

Quelle:
Dr. Josef Nobel, Stiftsrabbiner in Halberstadt (Preußen), Hildesheimer und Kutna. Zwei Rabbinen Eisenstadts, Székesfehérvár 1908.

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