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Metamorphosen [1].

Recherchiert und zusammengestellt von Almut Jaschke, Wien - Jerusalem

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Otto Abeles, 1879 in Brünn (Mähren) geboren, war der Gründer der jüdischen Studentenorganisation ›Veritas‹ und der zionistischen Bewegung in Mähren und Böhmen. Nach seinem Studium an der Universität Wien bei den k.k. Österreichischen Staatsbahnen beschäftigt, publizierte er seine ersten Artikel in den zionistischen Zeitschriften ›Die Welt‹ und ›Jüdische Zeitung‹, deren Mitherausgeber er war. Mit Robert Stricker gründete Abeles die zionistische Tageszeitung ›Wiener Morgenzeitung‹, zu deren Herausgeberteam er bis 1926 zählte. Als Gesandter des Keren Ha-Jesod, des 1920 ins Leben gerufenen ›Palästina-Grundfonds‹, reiste er durch ganz Europa und wurde 1930 Präsident des Keren Ha-Jesod in Amsterdam. Abeles wurde in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert und starb kurz nach dessen Befreiung im Jahr 1945. Zu seinen Publikationen zählen neben unzähligen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln u. a. ›Besuch in Eretz Yisrael‹ (1926) oder ›Zehn Jüdinnen‹ (1931).

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Leopold Moses wurde 1888 in Mödling bei Wien geboren. Nach traditioneller Erziehung, anschließenden ›Lehr- und Berufsjahren im kaufmännischen Bereich‹ heiratete er 1918 in Mattersdorf im Burgenland und inskribierte einige Jahre als außerordentlicher Hörer an der Universität Wien. 1930 legte er die Externistenmatura ab und konnte das anschließende Geschichtsstudium mit seiner bis heute als Standardwerk geltenden Dissertation ›Die jüdischen Landgemeinden in Niederösterreich mit besonderer Berücksichtigung des 17. Jahrhunderts‹ abschließen. 1934 erhielt er eine Archivarstelle in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und wurde später deren Bibliotheks- und Archivvorstand. 1939 scheiterte sein Emigrationsversuch und Anfang der vierziger Jahre mußte das Ehepaar Moses in ein ›Sammelquartier‹ in der Leopoldstadt umziehen. Ende 1943 wurde Moses Chefredakteur und verantwortlicher Leiter des ›Jüdischen Nachrichtenblattes‹, Ausgabe Wien. Bald danach, am 1. Dezember 1943, wurde er nach Auschwitz deportiert und dort wenig später ermordet. Die publizistische Tätigkeit von Leopold Moses begann in den frühen zwanziger Jahren, Artikel und Essays erschienen vor allem in der ›Jüdischen Presse‹, den ersten großen Erfolg brachte die inhaltliche Überarbeitung des Buches ›Juden in Wiener Neustadt‹ von Rabbiner M. Pollak 1927. Seine wissenschaftliche Tätigkeit führte ihn mit Gelehrten seiner Zeit wie Rabbiner Max Grunwald (damals Wien), Samuel Kraus (Wien) oder Sándor Wolf (Eisenstadt) zusammen, die er auch zur Mitarbeit an seiner im Eigenverlag, nur bis 1929 erschienenen Zeitschrift ›Jüdisches Archiv. Zeitschrift für jüdisches Museal- und Buchwesen, Geschichte, Volkskunde und Familienforschung‹ gewinnen konnte.

Die hier wiedergegebene Auseinandersetzung zwischen Leopold Moses und Otto Abeles - ausgetragen in jüdischen Printmedien - war die Folge mehrerer Reisen Abeles' in die burgenländischen Sieben-Gemeinden Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts.

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Metamorphosen.

Die ›Wiener Morgenzeitung‹ hat plötzlich ihr Herz für die Schewa Kehilloth (= Sieben-Gemeinden des Burgenlandes, Anm. d. Hrsg.) entdeckt. Statt aber die burgenländischen Juden dadurch an sich heranzuziehen, daß sie ihre Samstagsnummer einstellt, machten sie aus ihrem Theaterreferenten einen Sachverständigen in Judaicis, der denn auch mit unglaublicher Fixigkeit ins Burgenland kam, mit Kennerblick sah und über alles ihm Fremde siegte. Mit dem jüdischen Dienstmann von Eisenstadt beginnen die durch keinerlei Vor- und Sachkenntnis getrübten Entdeckungen des Gewährsmannes der ›Morgenzeitung‹ auf dem Gebiete des alten und des neuen Judentums im Burgenland, aber schon bei diesem Dienstmann mußte sein hebräisches Wissen versagen, da er sonst gewiß nicht unterlassen hätte, das echte Eisenstädter Bonmot wiederzugeben, das diesen Dienstmann, da er den Namen König führt, zum Melech ewjon (= armer König) stempelt.

Besonderes Pech scheint der Herr Reiseberichterstatter mit den Rabbinern im Burgenland gehabt zu haben. Eine Sünde zieht nach jüdischer Anschauung die andere nach sich und so kann auch die Verwandlung eines Theaterreferenten in einen jüdischen Forschungsreisenden zur Verwandlung der Rabbiner von Mattersburg und Deutschkreutz in Päpste führen. Die Rabbiner des Burgenlandes betätigen sich ja nicht im geringsten politisch und so passen sie scheinbar nicht recht in den Vorstellungskreis des Herrn Dr. Abeles. Die haben eben andere Sorgen als müßigen Tratsch, der ihnen nur unliebsame Unterbrechung ihrer Tätigkeit bedeutet. Der Zionismus wäre aber auch in den Schewa Kehilloth und ihren Rabbinern längst freundlich aufgenommen, wenn er nicht durch ein unter Mißachtung jüdischer Fundamentalgesetze hergestelltes Blatt und durch wesensfremde Abgesandte diskreditiert würde. Nachdem aber einmal die Rabbiner in Päpste verwandelt waren, konnte es nicht mehr schwer fallen, noch ganz andere Verwandlungen vorzunehmen, und so wurden aus Bäuerinnen, die in Mattersdorf am 2. Februar mit Kerzen zur ›Lichtmeß‹ in die Kirche gingen, plötzlich Teilnehmer am Schattendorfer Begräbnis, und auch aus einem ganz gewöhnlichen Paroches, das in Mattersdorf jedem Besucher als ›spanisches‹ gezeigt wird, während es in Wirklichkeit gar nicht so alt ist und urdeutsche Judennamen trägt, wurde ein ›Kaporeth (= Ritus der Sündenübertragung auf ein Opferhuhn am Vortag des Neujahrstages, Anm. d. Hrsg.), von flüchtigen Spaniolen der Mattersdorfer Schul geschenkt‹.

Zu solchen Metamorphosen kommt es, wenn man nicht bei seinen [sic!] Leisten bleibt und ohne längeren Aufenthalt über Gemeinden, die so gesättigt sind mit echtester jüdischer Geistigkeit wie die Schewa Kehilloth, etwas erzählen will; es kann einem dann manches ›spanisch‹ vorkommen. Vielleicht läßt sich Herr Dr. Abeles jedoch von einem Haushebräer der ›Wiener Morgenzeitung‹ über den Unterschied zwischen einem Kaporeth und einem Parocheth belehren ... Wenn man orthodoxe Rabbiner als vogelfrei betrachtet und sich nicht an die selbstverständlichsten Voraussetzungen jüdischer Lebensart hält, darf es einen auch nicht wundern, wenn man in der Propaganda für einen Gedanken, für den sonst alle Vorbedingungen gegeben wären, verschlossene Türen findet.

Quelle:
Leopold Moses, in: Jüdische Presse vom 18. Februar 1927, 13. Jahrgang, Nummer 7, Seite 50-51.

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