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Metamorphosen [2].

Recherchiert und zusammengestellt von Almut Jaschke, Wien - Jerusalem

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Altes und neues Judentum im Burgenland.

In einem Organ der Agudah (= nichtzionistische Vereinigung, Anm. d. Hrsg.) geht mich Leopold Moses wegen meiner Reisebriefe aus dem jüdischen Burgenland hart an. Er führt es auf meine arge Unbildung zurück, daß ich, jenen Eisenstädter jüdischen Dienstmann erwähnend, ›das echte Eisenstädter Bonmot‹ nicht mitteilte, welches diesen Dienstmann betrifft. Nein. Dieses ›Bonmot‹ wollte und werde ich nicht mitteilen. Es ist ein Spitzname, in welchem der bürgerliche Namen dieses Mannes mit seiner Armut in Verbindung gebracht wird. Ich halte mich nicht für berechtigt, derart anzüglich zu werden und überlasse es dem Feingefühl eines so frommen Mannes, wie es Leopold Moses, und einem so frommen Organe, wie es die ›Jüdische Presse‹ ist, die anzügliche Pointe vorzubringen sowie der Schadenfreude Ausdruck zu geben, daß ich sie mir entgehen ließ. - Auch mit dem vor mir erwähnten ›Kapporeth spanischer Herkunft‹ hat mein Widersacher kein Glück. Er belehrt mich, es sei kein Kapporeth, sondern ein ›Parocheth‹. Nein! Siehe die Monographie von Dr. Max Grunwald über Mattersdorf, enthalten im Jahrbuch für jüdische Volkskunde 2:

»Ein Kapporeth der Synagoge stammt von spanischen Emigranten her ...«

Er macht sich ferner lustig darüber, daß ich Mattersdorfer Bäuerinnen zum Begräbnis in Schattendorf ziehen sah, während sie tatsächlich zur Lichtmeß in die Kirche gingen. Nein! Zur Lichtmeß geht man nicht unter Vorantragung einer roten Fahne und nicht flankiert von Ordnern mit roten Armbinden. - Wer sich also auf einen Autor stürzt, muß wuterfüllt und rachebedürftig sein. Ist nicht etwa Herr Leopold Moses mit jenem Herrn L. Moses identisch, der unserer Redaktion seine Empörung darüber kundtat, daß statt des Unterzeichneten nicht er die Aufsätze über das Burgenland schreibt?

Quelle:
Otto Abeles, in: Wiener Morgenzeitung vom 20. Februar 1927, 13. Jahrgang, Nummer 13, Seite 6.

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Meine Antwort.

Herr Dr. Abeles hat prompt erraten, daß ich jener Leopold Moses bin, der seine Briefe über ›Altes und neues Judentum im Burgenland‹ ein wenig unter die Lupe genommen hat. Leider kommt er aber mit seinem Gegenangriff nicht um die traurige Tatsache herum, daß er die Rabbiner von Mattersdorf und Deutschkreutz als Päpste bezeichnet. Wenn auch gerne zugegeben sei, daß in Mattersburg gleichzeitig mit den Bäuerinnen, die mit Kerzen in die Kirche gingen, auch sozialdemokratische Arbeiter zum Bahnhof zogen, um an dem Leichenbegräbnis von Schattendorf teilzunehmen, so mußte dies auch gehörig auseinandergehalten werden. Und wenn im Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1925, Seite 421, aus einem Parocheth ein ›Kaporeth‹ gemacht wurde, ist das noch immer kein Grund, dies bedenkenlos nachzuschreiben, wenn man tatsächlich ein Parocheth gesehen hat und soviel Hebräisch versteht, um den Unterschied zwischen diesen beiden Substantiven zu kennen. (Versteht man aber nicht soviel Hebräisch, wozu dann der Eifer für die neuhebräische Umgangssprache?) In diesem Beitrag des Jahrbuches ist dies ja nicht die einzige Ungenauigkeit und Unrichtigkeit, und ich verweise nur auf meine in der ›Jüdischen Presse‹ (Nr. 2, 1925, und Nr. 34, 1926) veröffentlichten Bemerkungen über das von der ›Baronin‹ gestiftete Parocheth in Mattersdorf und über das Protokoll aus dem Jahre 1702 (Jahrbuch, S. 515). Ueber [sic!] alle diese Fehler hilft auch das Zartgefühl, mit dem Herr Dr. Abeles über die Armut des Eisenstädter Dienstmannes hinweggegangen sein will, nicht; es wäre im Interesse der auch mir als einem mindestens ebenso alten Zionisten, wie es Herr Dr. Abeles ist, heiligen Sache besser gewesen, wenn er auch den Rabbinern gegenüber mehr Takt gezeigt und sie nicht mit dem aus dem Rüstzeug des ›Los von Rom!‹ stammenden Waffen angegriffen hätte. Von Obskurantismus kann man bei Männern, die im vollen Lichte der Thora wandeln, am allerwenigsten sprechen, man kann da wohl eher bedauern, dieses Lichtes nicht auch teilhaftig zu sein.

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Die Schewa Kehilloth stellen sich, wenn man nur in der richtigen Art an sie herankommt, auch nicht antizionistischer dar als beliebige Judengemeinden in Galizien. Ich habe gefunden, daß auch im Burgenland überall junge Juden auf die Gelegenheit warten, nach Erez Israel (= Land Israel, Anm. d. Hrsg.) gehen zu können, nur daß deswegen dort noch niemand die Religion über Bord werfen wollte. Und nicht nur junge Leute hegen solchen Wunsch, sondern auch Rabbiner usw. kenne ich dort, die gerne auswandern würden; man kann dort nur nicht begreifen, wie jemand aus dem jüdischen Volk Befreiung von der Religion statt Befreiung im Sinne der ihm teuren Religion wünschen und wie man Vergnügungs- und ›Studienreisen‹ nach Palästina unternehmen kann, während das Volk darbt und nach Erlösung dürstet. In den Schewa Kehilloth braucht man Chibath Zion (= Liebe zu Zion, Anm. d. Hrsg.) nicht erst predigen, sie füllt dort ganz von selbst das Leben aus.

Solches kann man aber nur sehen, wenn man nicht in Gegensätzlichkeit hineinkommt; dann findet man es aber gar nicht so absurd, wenn ein Rabbiner sich mit dem religiösen und rituellen Leben seiner Gemeinde und mit seinen Schülern ausschließlich beschäftigt. Mir sind solche Rabbiner viel sympathischer als andere, die wie Hans Dampf in allen Gassen jeden Tag in einer anderen Versammlung sprechen, die einfachsten menschlichen Pflichten innerhalb ihrer Gemeinden nur dann erfüllen, wenn sie sich ihnen gut rentieren.

Quelle:
Leopold Moses, in: Jüdische Presse vom 1. April 1927, 13. Jahrgang, Nummer 13, Seite 100.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017