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Grundlagen des Schächtens [2].

Joel Berger, Landesrabbiner a. D., Stuttgart

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Fortsetzung

Es lässt sich eindeutig belegen, dass das Schächten einen Kern der jüdischen Religionsgesetzgebung darstellt und dass es von daher von den Verfassungsorganen als schutzwürdig im Sinne der Religionsfreiheit angesehen wird.

Schächtszene Rylands-Haggada - Zur Großansicht[D]

Bild: Schlachten und Braten des Lammes.
John Rylands-Haggada.
Großansicht 42 KB.

Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass die Zahl der durch biblische Gebote zum Schächten zugelassenen Tiere mehrfach eingeschränkt ist. Was die Säugetiere betrifft, so dürfen wir nur Paarhufer schächten, die gleichzeitig auch Wiederkäuer sind. Vom Geflügel dürfen nur die domestizierten Arten, d. h. Haustiere, geschächtet werden.

Man kann mit Recht sagen, dass die Gebote des Schächtens, sowohl der Tierquälerei, wie auch der maßlosen Ausbeutung der Natur als ›Fleischreservoir‹ einen Riegel vorschieben.

Die meisten wohlmeinenden ›Tierschützer‹, die diese jüdische Praxis des ›Schächtens‹ noch nie gesehen haben, meinen hier eine besonders grausame Form des Tötens entdeckt zu haben. Dies trifft jedoch keineswegs zu: Erstens, weil alle Juden durch die mehrfach belegten Gesetze der mosaischen Bücher der Thora zur sorgfältigen Schonung und zum Schutz der Tiere verpflichtet sind. Es ist uns nicht nur die Tierquälerei bei einer eventuellen Tötung eines Tieres strengstens untersagt. Die Thora verbot es den jüdischen Landwirten sogar, gleichzeitig ›mit einem Ochs und einem Esel zu pflügen‹, da einem der Tiere durch die ungleichen Kräfteverhältnisse Leid infolge von Überanstrengung zugefügt werden könnte.

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Wie steht es also mit dem ›Schächten‹, mit der jüdischen, vorschriftsmäßigen ›Schlachtung‹ der von der Thora zum Genuss erlaubten Säugetiere und des Geflügels? Mein geschätzter Kollege, der frühere Basler Rabbiner Dr. I. M. LEVINGER, der neben seiner herausragenden rabbinischen Ausbildung auch ein veterinärmedizinisches Diplom besitzt, hat ein authentisches Buch über dieses Thema vorgelegt (LEVINGER, 1996), weshalb ich dieses hier zur Erläuterung heranziehen möchte:

  1. Beim Schächten handelt es sich um ein unabänderliches religiöses Gebot des Judentums (Dies ist deshalb mit Nachdruck zu betonen, da manche Tierschützer dies bei mir anzweifeln.). Das Schächten wird auf eine Anweisung des 5. Buch Mose, Kapitel 12, Vers 21 zurückgeführt:

    »... du kannst von deinen Rindern und Schafen, - die der Herr dir gegeben - schlachten auf eine Weise, wie ich dir befohlen habe ...«

    Diese zur biblischen Zeit bestandene Praxis des ›Schlachtens‹ wird detailliert in der nachbiblischen Tradition, nämlich im Talmud und in den nachfolgenden rabbinischen Gesetzeskodizes beschrieben. Das Schächten besteht in einem Halsschnitt zur Durchtrennung von Halsschlagader, Speise- und Luftröhre, wodurch das Tier infolge rascher Ausblutung ohne Leiden stirbt. Der Schnitt muss - sogar das stellt ein Gebot dar - mit einem äußerst scharfen, absolut schartenfreien Messer und ohne die geringste Unterbrechung, in einem Zuge durchgeführt werden.
  2. Es ist ebenfalls vorgeschrieben, das Schächtmesser vor und nach dem Schächten sehr gründlich und gewissenhaft auf etwaige Scharten abzutasten. Das Schächten mit einem nicht einwandfreien Messer gilt als Zufügung unerlaubter Qual dem Tier gegenüber und ist daher nicht als ›Schächten‹ zu betrachten. Infolgedessen wäre das Fleisch dieses Tieres nicht zum Verzehr freigegeben. Diese Situation gilt es durch besondere Sorgfalt zu vermeiden.
  3. Nach dem ›Schächten‹ muss nochmals untersucht werden, ob dieser Akt vorschriftsmäßig durchgeführt wurde. Noch vor dem ›Schächten‹ muss der ›Schächter‹ einen Segensspruch (Bracha) sprechen und nach dem erfolgten einwandfreien Schächtvorgang ist er religionsgesetzlich verpflichtet, das ausgeflossene Blut ebenfalls unter Sprechen eines Segensspruches mit Sand oder Asche zu bedecken. Der Grund hierfür liegt in der biblischen Anschauung: »Im Blut steckt die Seele (eines jeden Lebewesens)«. Beim ersten Brudermord, den uns die Thora beschreibt, lesen wir: »G-tt sprach zu Kain: ›... deines Bruders Blut schreit auf zu mir.‹« Daraus entnahmen wir, dass das ausgeflossene Blut stets Grausamkeit, Gewalt und Unmenschlichkeit bedeutet. Daher stammt das Gebot, sogar tierisches Blut sofort zuzudecken. Der ›Schächter‹ solle sich hüten, sich zu Grausamkeiten verleiten zu lassen.

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Koscher Messerset - Zur Großansicht[D]

Bild: Set mit 4 Schächtmessern, um 1900
Gross Family Collection, Tel Aviv
Großansicht 41 KB.

Zur Person des ›Schächters‹ ist noch zu erwähnen, dass dieser ein sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ausgebildeter, geprüfter und aufgrund seines ganzen religiösen, ethischen Lebenswandels vertrauenswürdiger Familienvater sein muss. Über seine Qualifikation muss das Rabbinatsamt eine Urkunde ausstellen. Letzteres hat auch die Verpflichtung, das Schächten und den stets einwandfreien Zustand des Schächtmessers zu überwachen.

Ich meine, dass aus dem Erwähnten deutlich wird, dass die Thora, die überall Tierschutz und Artenschutz fordert, nur ein solches Tötungsverfahren anordnet, das Tierquälerei ausschließt.

Gestützt auf große und von einem massiven wissenschaftlichen Apparat ergänzte Erfahrungen schildert und dokumentiert Rabbiner Dr. LEVINGER gekonnt jede Phase des Schächtens. Präzise Tabellen, Skizzen und leider nicht immer ›messerscharfe‹ Fotos vervollständigen sein überaus wichtiges Werk.

In der jetzigen Phase der Anfragen seitens der Behörden gewinnt das Kapitel 18 dieses Buches bezüglich des Verbotes der Betäubung der Tiere vor dem ›Schächten‹, im Hinblick auf die Religionsfreiheit eine besondere Bedeutung.

Literatur.

Levinger, I. M.: Schechita im Lichte des Jahres 2000. Kritische Betrachtungen der wissenschaftlichen Aspekte der Schlachtmethoden und des Schächtens. MACHON MASKIL L'DAVID (Forschungsinstitut für Kaschrutfragen). Herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland, Bonn - Jerusalem, 1996.

Quelle:
Berger Joel, Grundlagen des Schächtens: Die jüdische Sicht, in: Buckenhüskes H. J. (Hrsg.), Symposium ›Ethische und ethnische Aspekte bei der Auswahl und der Herstellung von Lebensmitteln‹. Gesellschaft deutscher Lebensmitteltechnologen e.V., Bonn 2004, 85-89.
Eine Bestellung kann telefonisch, per E–Mail oder per Post erfolgen:
Gesellschaft Deutscher Lebensmitteltechnologen e.V.
Goderberger Allee 142-148
D-53175 Bonn
Deutschland
Telefon: +49 228 379080

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