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R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)
Rabbiner von Mattersdorf 1842 - 1857 [2].

Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, Bnei Brak, Israel

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Rabbiner in Krakau.

1858 kamen Boten der großen und berühmten Gemeinde Krakau und trugen R. Simon den schon lange Zeit verwaisten Rabbinerssitz in ihrer Stadt an. Dieser weigerte sich zunächst. Zu groß erschien ihm die Verantwortung. Erst die Zurede des berühmten ›Zanser Rebben‹ R. Chaim Halberstamm (aus dem galizischen Neu-Sandec = Nowy Sacz, Polen) veranlasste ihn zur Annahme. Am Donnerstag, den 14. März 1861 traf R. Simon an seiner neuen Wirkungsstätte ein:

»An der Eisenbahnstation Schubin (Szubin, Polen), einige Stunden von Krakau, wurde derselbe bereits vom Cultusvorstande und einigen hundert Gemeindemitgliedern empfangen. Am Bahnhofe in Krakau war die gesammte Gemeinde, mehr als 10.000 Personen, anwesend, und auch Deputationen der übrigen Confessionen. Jung und Alt begrüßte mit lautem Jubelrufe den hochverehrten Oberrabbiner und der Zudrang zu seiner Person war so groß, daß Militär und Polizei Spalier bilden musste, um ihn und seinem Gefolge die Erreichung der großen Synagoge zu ermöglichen; nichts destoweniger währte der Zug volle drei Stunden. In der Synagoge hielt Herr S. sofort die geistvolle Antrittsrede, durch die der allgemeine Enthusiasmus nicht wenig gesteigert wurde. – Abends war die Judenstadt illuminiert.«

Erschienen in: Israelit 13/14 (1861), S. 165.

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Abgeordneter im österreichischen Reichsrat

1879 wurde R. Simon Sofer im ostgalizischen Wahlkreis Kolomea-Buczacz-Sniatyn in den Reichsrat gewählt. Er war ein Kompromisskandidat der nationalpolnischen Partei, da diese ihren ursprünglichen Kandidaten nicht hatte durchbringen können. R. Simon hatte den Polen seine Unterstützung versprechen müssen. Der überaus einflussreiche ›Belser Rebbe‹, einer der wichtigsten chassidischen Führer, hatte sich tatkräftig für die Kandidatur eingesetzt. Als sich im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Rabbiner zum Abgeordneten gewählt worden sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße. Die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorf gefeiert wurden, sollen tagelang gedauert haben.

R. Simon muss im Reichsrat einen recht kuriosen Eindruck gemacht haben, wie er da so auf der äußersten Rechten mitten unter den Polen saß: ein recht korpulenter Mann in einem langen Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe, mit wallendem graumeliertem Vollbart und den langen Schläfenlocken (Pe'ot oder jidd. Pejes) der Ostjuden.

Höchst ungewöhnlich war auch sein Auftreten. Im Parlament erschien er gewöhnlich in Begleitung einer Schar junger Leute, welche bis zum Schluss der Sitzung auf der Galerie oder in der Vorhalle des Hauses auf den Meister wartete und ihn dann wieder nach Haus geleitete. Wenn die Sitzung lange dauerte, so dass die Zeit für das Mincha-Gebet (Nachmittagsgebet) kam, verließ der Rabbiner seinen Sitz und begab sich in ein kleines Nebenzimmer des Parlamentsgebäudes, wohin auch die Jünger-Schar eilte. Es wurde also das Minchagebet mit Minjan (die für das Gebet mindest erforderlichen zehn Männer) verrichtet. Sodann nahm R. Simon wieder seinen Sitz im Parlament ein, um bei der Abstimmung zugegen sein zu können.

Im Reichsrat stimmte der Krakauer Rabbiner stets mit den Polen, ergriff aber kein einziges Mal das Wort. Auch an den Beratungen des ›Polenklubs‹ nahm er nicht teil, weil er der polnischen Sprache nicht mächtig war. Seine Gegner schmähten in als einen weltfremden Mann, seine Anhänger betonten jedoch die Wichtigkeit der Anwesenheit des Rabbiners im Reichsrat für die Juden: judenfeindliche Anträge würden von den Polen nicht zur Abstimmung zugelassen, weil sie fürchteten, R. Simon werde dann nicht mehr für sie stimmen.

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Im Reichsrat, dem damals auch der Antisemitenführer Georg von Schönerer angehörte, zirkulierte ein Witz, der nebenbei auch seine politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets - trotz des Alphabets - Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch:

»Herr Abgeordneter Schreiber« – »Hier!« – »Herr Abgeordneter Schönerer« – »Fehlt!« – »Kunststück, es ist kaner ›schönerer‹ nach dem Schreiber...«

Vor dem Kaiser

Im Jahre 1876 hatte R. Simon seine erste Audienz beim Kaiser. Über den Verlauf lesen wir im ›Israelit‹:

»Nachdem vom Oberrabb. der übliche Segen gesprochen wurde, sagte Se. Majestät: ›Es freut mich, eine solche ehrwürdige Person in meiner Burg zu empfangen‹. Der Herr Oberrabbiner, der an einem Herzübel leidet, war sehr ergriffen und bewegt, da diese Audienz seine erste war. In diesem Zustand der Aufregung entfiel ihm das Majestätsgesuch aus den Händen. Der Kaiser bückte sich sofort, nahm das Gesuch und übergab es dem Herrn Oberrabbiner mit der Bemerkung: “Sie haben etwas fallen lassen”, eine kaiserliche Herablassung, die wohl im Leben selten vorkommt. Als nun der Herr Oberrabbiner schließlich seine ehrfurchtsvolle Bitte wegen der Begnadigung des Kreisrabbiners Halberstamm wiederholte, erwiederte Se. Majestät: ›Reisen Sie ruig nach Hause und erwarten Sie das Beste.‹«

Erschienen in: Israelit 14/15 (1876), S. 333f.

In einem Brief an einen seiner Söhne schrieb R. Simon später:

»Als ich vor dem Kaiser stand, war meine Furcht vor ihm so groß, daß ich es nicht verspürte, als das Papier meiner Hand entglitt. Und dabei war ich doch nur vor dem König. Wie groß müßte erst unsere Furcht vor dem König der Könige [= Gott] sein...«

Am 3. September 1880 stand R. Simon beim Empfang des Kaisers in Krakau an der Spitze der jüdischen Delegation. Diesmal war er offensichtlich schon abgebrühter und weniger nervös:

»An der Spitze derselben [der versammelten jüdischen Bewohner] standen die Vorsteher der Gemeinde und unser berühmter Oberrabbiner, der Reichsratsabgeordnete Herr Simon Schreiber נ"י, in polnisch-jüdischer Nationaltracht, mit Zobelmützen auf ihren Häuptern, die heiligen, reichverzierten Thorarollen in ihren Armen haltend. Am Nachmittage hatten der Oberrabbiner und die Vorsteher das Glück, in feierlicher Audienz vom Kaiser empfangen zu werden. Der Oberrabbiner erbat die Erlaubniß, sein Haupt bedecken zu dürfen, um den üblichen Segensspruch in hebräischer Sprache sprechen zu können. Se. Maj. gewährte diese Erlaubniß auf's Gnädigste, worauf der Rabbiner und die Vorsteher ihre Häupter bedeckten und mit lauter Stimme den hebräischen Segenesspruch aussprachen. Hierauf brachte der Rabbiner dem geliebten Monarchen die Wünsche seiner Gemeinde in deutscher Sprache dar, indem er sprach: ›Es ist unser tägliches Gebet, daß der allgütige Gott Eurer Majestät Gesundheit und langes Leben verleihen möge, damit sämmtliche Völker Österreichs noch eine lange Reihe von Jahren das Glück haben mögen, unter Euer Majestät glorreicher Regierung sich des Friedens und des Wohlwollens zu erfreuen‹. ... Zu dem Oberrabbiner sagte der Kaiser: ›Sie sind Rabbiner in Krakau; Sie sind auch Mitglied des Reichsrates und stimmen mit den Conservativen.‹«

Erschienen in: Israelit 39 (1880), S. 941 - 943.

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