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R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)
Rabbiner von Mattersdorf 1842 - 1857 [3].

Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, Bnei Brak, Israel

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Kampf gegen Reformen im Judentum.

Ähnlich wie in den Nachbarländern Deutschland und Ungarn war im 19. Jahrhundert auch in Galizien ein heftiger Streit in Bezug auf jüdisch-religiöse Angelegenheiten entbrannt. 1808 hatte sich unter fortschrittlich gesinnten Juden der Verein ›Schomer Israel‹ gebildet, der eine Reformierung in der Verwaltung der größeren Gemeinden im Lande anstrebte. Die Vorschläge und Ideen riefen unter den Orthodoxen Widerstand hervor, da dadurch an altüberkommenen Bräuchen und Gepflogenheiten gerüttelt wurde. Im Juni 1878 berief der ›Schomer Israel‹ zwecks Beratungen zur Verwirklichung seiner Zeile einen galizisch-jüdischen Gemeindetag nach Lemberg (Lviv, Ukraine) ein. Einen solchen Plan empfanden die chassidischen und alt-orthodoxen Rabbiner als einen Stoß ins Herz. Es begann sich Widerstand zu formieren. An der Spitze der Orthodoxen stand der Krakauer Rabbiner R. Simon Sofer.

R. Simon zählte zu den Gründern der Vereinigung gesetzestreuer Juden ›Machsike Hadas‹ (מחזיקי הדת), die sich u.a. die Einflussnahme des orthodoxen Judentums auf die Politik sowie die Entsendung orthodoxer Persönlichkeiten in den Reichsrat zum Ziel gesetzt hatte R. Simon gab unter dem gleichen Namen auch eine hebräische Wochenschrift heraus, die sich bis 1914 hielt. [Einige Nummern finden sich bei HewbrewBooks online] Im Jahre 1878 war die von ihm geführte Bewegung bereits derart angewachsen, dass in Lemberg eine große Konferenz der gesetztreuen galizischen Juden gegen alle Reformbestrebungen abgehalten werden konnte. Neben Chassidim und Mitnagdim (nichtchassidische Orthodoxe), chassidischen Rebbes und Gelehrten beteiligten sich daran auch Abgesandte aus orthodoxen Gemeinden in Österreich, insbesondere aus Böhmen und Mähren. Rabbi Simon selbst führte den Vorsitz.

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Es ist kein Wunder, dass der rührige Krakauer Rabbiner sich alsbald den Zorn der ›Forschrittspartei‹ zuzog. Im Jahre 1880 schreibt die Berliner ›Jüdische Presse‹, ein orthodoxes Blatt, der Lemberger ›Israelit‹ befleißige sich »einer Hetzerei gegen den Oberrabbiner Schreiber von Krakau, welche einen sehr unangenehmen Eindruck macht.«

Zur Stärkung der konservativen Kräfte nahm R. Simon Verbindung mit chassidischen Rabbinern auf. 1881 nahm er an einer vom Kultusministerium einberufenen vertraulichen Enquete österreichischer Juden zur Vorberatung eines die Rechtsverhältnisse der jüdischen Konfession regelnden Gesetzes teil. Als Reichsratsabgeordneter wollte er einen Antrag auf Trennung der Orthodoxen von der Gesamtjudenheit des Landes stellen (ähnlich wie Ungarn und Deutschland), doch wurde ein solcher nicht zugelassen.

Eine weitere Versammlung der ›Machsike Hadas‹ wurde auf den 15. Februar 1882 nach Lemberg einberufen, auf der etwa 200 Rabbiner und chassidische Rebbes sowie an die 800 Gemeindevertreter aus Galizien und der Bukowina erschienen. R. Simon legte einen Statutenentwurf für die Gemeinden vor, der nicht von allen gutgeheißen wurde. Nach tumultösen Verhandlungen wurde von den orthodoxen Rabbinern ein Sendschreiben mit Vorschriften bezüglich von jüdischen Gemeinde- und Abgeordnetenwahlen erlassen. Das erklärte Ziel war es, das jüdische Gemeindeleben gemäß den Vorschriften des rabbinischen Gesetzeskodex ›Schulchan Aruch‹ zu gestalten. Die liberal gesinnten Juden wandten sich an die galizische Oberstaatsanwaltschaft mit der Klage, das erwähnte Sendschreiben verhindere die freie Ausübung staatsbürgerlicher Rechte. Außerdem hätten die Rabbiner mit der Verhängung des rabbinischen Bannes (חרם) gedroht, eine Maßnahme, die im Habsburgerreich schon seit langem gesetzlich verboten war. Der Lemberger Staatsanwalt erhielt daraufhin im März 1883 die Anweisung, eine Vorerhebung und eventuell später eine strafgerichtliche Untersuchung wegen Erpressung gegen R. Simon einzuleiten. Die Ermittlungen wurden später eingestellt.

Der Fall erregte in Österreich und Deutschland seinerzeit großes Aufsehen. Ein angeblicher ›Hirtenbrief‹ R. Simons tauchte auf, der auch in der ›Neuen Freien Presse‹ vom 23. März 1883 abgedruckt ist. Dementis folgten: Des Rabbiners Söhne behaupteten, ihr Vater habe niemals einen solchen Bann ausgesprochen; die Behauptung beruhe auf einem Missverständnis des hebräischen Blattes ›Machsike Hadas‹. Und der ›Hirtenbrief‹ sei eine plumpe Fälschung.

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Tod

R. Simon verstarb plötzlich am 25. März 1883 (17. Adar II 5683). War ihm die Aufregung um seine Person zu viel geworden? Jedenfalls ist bekannt, dass er schon jahrelang an einer Herzkrankheit gelitten hatte. Besonders der gefälschte ›Hirtenbrief‹ soll ihn äußerst erregt haben. Einige Tage vor seinem Tode soll ihm sein Vater, der Chatam Sofer, im Traum erschienen sein und ihm sein baldiges Ableben verkündigt haben Ein in mehreren Zeitungen veröffentlichtes Telegramm aus Krakau berichtet über die Todesumstände:

»Rabbiner Schreiber fühlte sich seit gestern etwas unwohl. Heute Mittags sprach er noch mit mehreren Personen, welche ihn besucht hatten, über verschiedene Angelegenheiten; um 5 Uhr Nachmittags wurde er plötzlich ohnmächtig, und nach kurzer Agonie trat der Tod ein, wahrscheinlich in Folge eines Herzschlages«.

Erschienen in: Neue Freie Presse 6673 (27.3.1883), S. 2; Jüdische Presse (Berlin) 13 (1883), S. 141.

R. Simons Begräbnis gestaltete sich zu einer Massenveranstaltung. Sogleich nach des Rabbiners Ableben telegrafierte der Krakauer Kultusvorstand die traurige Nachricht an verschiedene Rabbiner. Der berühmte und hochangesehene Rabbiner von Przemysl (Peremyshl, Ukraine), R. Jizchak Schmelkes, traf daraufhin als prominentester Trauergast am Dienstag früh in Krakau ein.

»Am Leichenzuge, der um 3 Uhr Nachmittags begann, betheiligte sich die ganze hiesige israel. Einwohnerschaft, מנער ועד זקן (Jung und Alt), auch viele von den nahe gelegenen israel. Gemeinden, zu deren Ohren die erschütternde Botschaft gedrungen war. Die Straßen von der Wohnung des Rabbiners bis zum Friedhofe waren schon vor Beginn des Zuges so sehr von Menschen angefüllt, daß Alles dicht gedrängt stand. Auch der hiesige Bürgermeister Dr. Weigl begleitete den Zug, welcher vor der alten Synagoge hielt, wo der allgemein beliebte, verehrte Schwiegersohn des Verblichenen הרב ר" עקיבא (R. Akiva) Kopeneer [sic!, muss heißen: Kornitzer] seinem Schwiegervater die Nachrede hielt. Redner vermochte kaum seiner Regung Herr zu werden, und konnte nur durch tiefes Schluchzen seinem Schmerze Luft machen, worin natürlich alle Begleitenden weinend einstimmten. Da bei der Familie Schreiber der Brauch vorherrscht, nur von eigenen Kindern Grabreden abhalten zu lassen, konnte der Przemysler Rabbiner erst, nachdem der Verblichene zur ewigen Ruhe gebracht, zum Worte kommen.«

Erschienen in: Israelit 28 (5.4.1883), S. 481-482.

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