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Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely.
Der ›Importeur‹ des Chassidismus nach Ungarn [1].

Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, Bnei Brak, Israel

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Die Ankündigung sowie eine sehr kurze Zusammenfassung dieses Artikels finden Sie in unserem Blogbeitrag Rabbi Mosche Teitelbaum - der chassidische Wunderrabbi.

Portrait Rabbi Mosche Teitelbaum[D]

Bild: Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely.
Quelle: amude-hashalom.

Einer der bekanntesten und einflussreichsten Rabbiner in Ungarn war zweifelsohne Rabbi Mosche Teitelbaum, in jüdischen Kreisen besser bekannt unter der Bezeichung "Jismach Mosche", nach dem gleichnamigen Buch, das er verfasste. Geboren wurde er im Jahre 1759 in Przemyśl (Polen). Sein erstes Rabbinat bekleidete er in Sieniawa (Polen), von den Juden ›Schinowa‹ genannt. 1809 kam er nach Sátoraljaújhely (kurz: Ujhely) und begründete hier eine Jeschiwa und eine chassidische Gemeinde. Damit gilt er als einer der Väter des ungarischen Chassidismus.

Rabbi Mosche war ein großer Torahgelehrter und Kabbalist. An talmudischer Gelehrsamkeit war er den bedeutendsten Rabbinern des Landes ebenbürtig. Selbst der berühmte Chatam Sofer [der Pressburger Rabbiner Moses Sofer] zollte ihm deswegen großen Respekt.

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Der Charismatiker.

Darüber hinaus war Rabbi Mosche eine charismatische Erscheinung. Das folgende Zitat beweist sein Talent als Prediger, seinen Sinn für dramatische Effekte und sein psychologisches Einfühlungsvermögen:

»Die haggadischen [Aggada = der erzählerische Teil der Bibel] Vorträge ... gewann ihm alle Herzen. Auch verschmähte er kein ihm zu Gebote stehendes Mittel, um den Effekt seiner Derascha's [Predigten] zu erhöhen. So war die am Vorabende des Versöhnungstages zur Andacht versammelte Ujhelyer Gemeinde einst nicht wenig überrascht, als ihr predigender Rabbiner seinen Vortrag mit der Weisung unterbrach, alle anwesenden Knaben vor die heilige Lade [Toraschrein] zu führen. Die Weisung wurde zugleich vollzogen, und die Gemeinde harrte in lautloser Stille der Dinge, die da kommen werden. "Kinder", so redete nun der Rabbi die ihn umstehenden Knaben an, "seid ihr entschlossen für unseren Glauben euer Leben hinzugeben, wenn der Heilige, gelobt sei Er, es von auch verlangt? – O, ich kenne euren Entschluss. Wolan, so rufet denn mit lauter Stimme: Ja, Rabbi, wir sind zu sterben bereit!" – Die Kinder widerholten diesen Ruf. Die Gemeinde war tief erschüttert. Der Rabbi fuhr fort: "Herr der Welt! Die Thora nennt nur einen Isak, der sich zur Heiligung deines göttlichen Namens dem Tode weihen wollte. Siehe, hier ist eine ganze Schaar von Isaks versammelt! Blicke um ihretwillen gnädig auf uns herab!« Ben Chananja 4 (1859), S. 146

Der Wundertäter.

Seinen größten Einfluss im Volk verdankte Rabbi Mosche Teitelbaum aber weder seinen intellektuellen noch seinen rhetorischen Fähigkeiten, sondern seine angeblichen Wundertaten, die von seinen Anhängern in alle Windrichtungen kolportiert wurden. So erfuhr sein Ruhm schließlich eine für die damalige Zeit immense Ausbreitung. Besonders populär waren die Talismane oder Amulette [קמיעות], die er verteilte. Hunderte von Kranken, Gebrechlichen und Hilfsbedürftigen aller Art suchten den vielgepriesenen Wundermann auf. Die meisten Kundschaften hatte Rabbi Mosche im nördlichen Ungarn; doch fehlte es auch nicht an Gästen aus anderen Gegenden des Landes. Die Anfrage war groß, ja hysterisch, und so hatte der gute Rabbi alle Hände voll zu tun um zu helfen.

»Der Begehr nach kabbalistischen Rezepten wurde am Ende so groß, daß der Heilkünstler [Rabbi Mosche] zwei Schreiber halten musste. Ben Chananja 4 (1859), S. 147

»Wenn er Morgens um elf Uhr – bis dahin war er unzugänglich [war wohl mit Gebet und Torastudium beschäftigt] – in seinem Empfangszimmer erschien, war dasselbe in der Regel von Patienten und Klienten überfüllt. Ja, er pflegte sogar Jahrmärkte in Galizien zu beziehen, um seine Spezifika gegen gleich baare Bezahlung zu veräußern« Ben Chananja 4 (1859), S. 148

Zu seinen Klienten zählten beileibe nicht nur chassidische und kultur- und bildungsfeindliche Kreise:

»Es gab einzelne Häuser, wo das Familienhaupt als gebildeter Weltmann glänzte, der Sohn auf die Jagd ging [die Jagd ist bei religiösen Juden verpönt], die Tochter mit dem ersten adeligen Fräulein des Ortes vierhändig Sonaten spielte, und wo die sorgsame Hausfrau den Lieblingen ihres Herzens dennoch Ujhelyer Talismane verschaffen zu müssen glaubte ... « Ben Chananja 4 (1859), S. 147

Des guten Rabbis Dienste hatten natürlich ihren Preis. Für die Amulette und sonstigen Tätigkeiten liefen in Teitelbaums Hof große Summen Geldes ein. Die Armen wurden davon reichlich bedacht.

Amulett - Zur Großansicht[D]

Bild: Amulett nach einer Vorlage von Rabbi Teitelbaum,
Pressburg 1915.
Großansicht 59 KB.

Teitelbaum muss auf das Volk eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausgeübt haben. Unter den Juden genoss er ungeheure Verehrung – und nicht nur unter diesen. Sogar Lajos Kossuth, der Führer der ungarischen 1848er Revolution, zollte ihm höchste Anerkennung; als Gymnasiast war er, ein Christ, auf Betreiben seiner Mutter von Rabbi Mosche einmal gesegnet worden, und diesem Segen rechnete er seinen späteren Aufstieg zum Führer der Ungarn und seine Errettung nach dem Scheitern des ungarischen Freiheitskampfes (1848/49) an. In seinen späteren Jahren kam Rabbi Mosches übergroße Sehnsucht nach der Erlösung dadurch zum Ausdruck, dass er seine Schabbat-Garderobe die ganze Woche über trug, weil er jeden Moment das Kommen des Messias erwartete.

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