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Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely.
Der ›Importeur‹ des Chassidismus nach Ungarn [2].

Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, Bnei Brak, Israel

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Rabbi Teitelbaum und sein chassidischer Hof.

Einen anschaulichen Bericht von dem Rebben und seinem chassidischen Hof bietet der nachmalige Rabbiner der jüdischen Hauptgemeinde von Frankfurt a. M., Markus (Mordechai) Horovitz (1844-1910), ein gebürtiger Ungar, in der Artikelserie "Von Liska nach Berlin", die erstmals 1870 in der Berliner "Jüdischen Presse" abgedruckt wurde. Horovitz war zwar erst drei Jahre nach Teitelbaums Tod zur Welt gekommen, doch scheint er die Eindrücke von Leuten widerzugeben, die Rabbi Mosche selbst noch gesehen hatten. Horovitz studierte übrigens an der Jeschiwa von Rabbiner Esriel Hildesheimer in Eisenstadt und folgte diesem 1869 nach Berlin.

Den Rebben selbst beschreibt Horovitz folgendermaßen:

»Der Rabbi selbst ist eine hagere, schlanke Gestalt, von sanftem, einnehmenden Wesen; auf seinem kleinen Gesichte sind die deutlichen Spuren innerer, unsäglicher Qual, tiefen, unsäglichen Schmerz von einem frommen, verklärten Blicke in einen Zug von resignierender, erhabener Hingebung gemildert. Jetzt steht er in den Talis [Gebetsmantel] gehüllt, dessen oberer Teil mit schimmernden, silberdurchwirkten Fäden bedeckt ist und so, vom hellen Flammenmeere der vielen, nach heiligen Zahlen berechneten Lämplein in blendendes Gefunkel versetzt, dem blassen, sanften Gesichte des Rabbi einen Ausdruck himmlischen Wesens verleiht.«

Zum Freitagabendgebet strömten die Juden von Ujhely und aus der Umgebung in Scharen zum bescheidenen Häuschen des Rebben. Das Beten machte auf den Beobachter einen gewaltigen Eindruck:

»Mit aufwärts gekehrtem Blicke beginnt der Rabbi in leisem, sanften Tone das Gebet, dessen sich aber bald die kräftigeren Stimmen der Menge bemächtigen; der Sturm, der vielleicht früher in den Herzen war, bricht nun gewaltig hervor und peitscht die Tonwellen der betenden Menge zu einem wogenden, brausenden Meere. Und lässt sich bei den Ruhepunkten die sanfte, immer weinende Stimme des Rabbin vernehmen, dann hat sie dem früheren Sturm aufs Neue Nahrung gegeben. Es entsteht ein bald begeistertes, bald verzweifeltes, bald herzzerreißendes, bald wieder aufmunterndes Geschrei. Die wehmütigsten, in die Tiefen des Herzens eindringenden Melodien wechseln ab mit den heitersten hüpfenden Gesängen, die jammererfüllten Gebärden mit den lustigsten Sprüngen, der Ausdruck der Zerknirschung mit dem des Übermutes, der kummervolle Weltschmerz und die sorgenlose – Weltverachtung! – Das ist, lieber Freund, chassisch’ Gebet! [...] Ja, im Gebete sind die Chassidim begeisterte Cherubim, feurige Seraphim [zwei verschiedene Kategorien von Engeln]; ihr Gebet ist kein kleinliches Bittgesuch mit einem menschlichen Armutszeugnisse versehen, sondern ein Gesang, wie der der Engelchöre. sie flehen und sehnen sich nicht nach Speise und Nahrung, nicht nach langem, vergnügten Leben, sondern nach Reinheit des Glaubens und der Gesinnung, nach Klarheit des geistigen Blickes. 'O mache unser Herz rein, damit es dir in Wahrheit diene!' und 'Erleuchte unsere Augen in deiner Lehre!' sind ihre Lieblingsgebete. Die Lobsänge, die den größten Teil des Gebetes ausmachen, nehmen sich, von ihnen gesungen, nicht, wie die 'Philosophen' meinen, wie 'Schmeichelei' aus, sondern wie der uneigennützige Gesang der Vögel. Sie singen, weil sie der unwiderstehliche Drang ihres gotterfüllten Herzens dazu treibt.«

Dann wird des Rebben "Tisch" [Zusammenkunft der Chassidim bei ihrem geistigen Führer] beschrieben:

»Die Pforten des Himmels schlossen sich zu, die der 'Klaus' hingegen auf, und in Massen strömten die Leute, den Rabbi mit begeisterten 'Gut Schabbes'-Rufen begrüßend, der Wohnung desselben zu. Vergebens funkelten die Sterne so schön, umsonst lächelte der Mond so sanft melancholisch, keiner beachtete sie. Der Himmel der Chassidim wölbte sich jetzt nämlich im Zimmer des Rabbi, wo die vielen Lichtlein die Sterne sind, die Chassidim die Engel, der Rabbi der Herrscher und der Tisch der 'Altar', auf dem die Speisen als 'Opfer' gelegt werden! Der Rabbi nimmt einen kleinen Teil der Speisen in Gnade und Wohlgefallen auf, des Überrestes aber bemächtigt sich das himmlische Feuer des Heißhungers. An der Tafel eröffnet die feierliche Einladung, die der Rabbi selbst an die Himmlischen richtet, sie mögen sich ebenfalls 'mit zur Tafel setzen', den aus hundert Kehlen dringenden Gesang. Dieser besteht anfangs aus einer Melodie, die einst ein alter Rabbi den Engeln abgelauscht haben soll, dann aber auch in Tönen, die wohl ihren unverkennbaren Ursprung auf irdischem Boden haben, durch die himmlische Begeisterung aber dennoch eine heilige Weihe erfahren. Manche 'Epikuräer' [auf Jiddisch "apikoiress" = Ketzer] wollen freilich in dieser Begeisterung auch die Spuren des Tokayer und Liszkaer Rebensaftes erkennen. Doch werden solche leise Zweifel bald von geräuschvollem Wirbeltanze übertönt, der Alles in Bewegung setzt; der Eine dreht sich, der Andere springt, der Eine tanzt, der Andere schaukelt sich, und dies Alles so bunt durcheinander und in so gewaltigem Sturme und in so stürmischer Gewalt, in so fürchterlichem Toben und so schrecklichem Getöse, dass selbst ein nüchterner Zuschauer die Nüchternheit aufgibt, und zwar aus Furcht, die Erde könnte ihren Mund auftun und den Unhimmlischen, der sich von ihr nicht erheben kann, als ihre Beute verschlingen.

Der Rabbi selbst bleibt jedoch diesem Getöse und ausgeartetem Toben fern; er sitzt in himmlischer Ruhe, wie Michael unter den heiligen Tieren, wie ein Engel unter leidenschaftlichen Menschen, wie ein Mensch unter wirklichen Chajoth [Tieren]! Er ist der befestigte Mittelpunkt, um den sich die 'Ofanim [Kategorie von Engeln] in großem Getöse' unaufhörlich drehen und bewegen. Jetzt lächelt er sanft, macht eine leise Bewegung mit der Hand, und siehe! der Sturm hört auf, die wilden Töne ersticken; Alles wird ruhig und still, um auf die leisen Worte des Rabbi lauschen zu können. Der Schimmer der unzähligen Lichtlein, von den vielen Wandspiegeln verdoppelt, gießt alle seine Strahlen auf die blassen, verklärten Züge des bedeutungsvoll redenden Rabbi, der die Geheimnisse des Himmels offenbart, deren Dunkel vor seinem klaren, durchdringenden Blicke zurückweicht! Ja, der Weinberg Liszkas ist der Sinai, der Rabbi ist Moses, dem unter dem tobendem Sturme der Chassidim Geheimnisse offenbart werden, dass er sie verkünde der staunenden Menge!«

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