Textlogo: Österreichisches Jüdisches Museum; Zur Startseite[D]

Hauptnavigation.

 

Zweistromland - die Vielfalt der jüdischen Klanglandschaften im europäischen Grenzgebiet [1].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5 ¦ 6

Philip Bohlman war persönlich beim Symposion ›Musik der Juden im Burgenland‹ (2002) nicht anwesend. Sein Vortrag, der in deutscher Sprache vorlag, wurde vorgelesen. In der hier vorliegenden Fassung wurden nur geringfügige redaktionelle Änderungen vorgenommen.

Alle Musikbeispiele des Artikels sowie weitere 7 Hörbeispiele des Symposions finden Sie auch hier auf zwei eigenen Seiten.

Zum Geleit - Es geht um eine Fragestellung.

Warum sollte man Anfang des 21. Jahrhunderts die Musik der Juden im Burgenland wieder klingen lassen?

Die Frage ist einfach, aber die Beweggründe der Fragestellung dahinter sind äußerst kompliziert. Die groben Tatsachen der Geschichte sind uns heute bekannt, weshalb sich die Mitglieder der KIBu, der ›Komponisten und Interpreten im Burgenland‹, auf diesem Symposion in Eisenstadt versammeln. Jahrhunderte lang blühte eine jüdische Kultur im Burgenland, darüber hinaus eine jüdische Musikkultur, die einigermaßen das Prunkstück des mitteleuropäischen Judentums symbolisierte. Vor 60 Jahren aber ging die jüdische Musikkultur dieses Landes unter, und zwar als Opfer des Faschismus und der Grausamkeit des Holocausts. Diese Tatsachen sind aber nicht die einzigen, mit denen sich unsere Betrachtung beschäftigen muss. Gleich nach der Zerstörung der jüdischen Gemeinden des Burgenlandes sind ihre Musik und Musikkultur in Vergessenheit geraten. Wenn Bemerkungen über jüdische Musik in einzelnen Forschungsberichten oder Monographien auftauchten, haben wenige ihre Aufmerksamkeit auf die jüdische Musik des Burgenlandes gelenkt.

nach oben

Es fehlen entsprechende Gründe und Interessen, um die jüdische Musik des Burgenlandes wieder zu hören. Heute - nach drei Generationen Vergessenheit - ist es vor allem beunruhigend, dass keine Fragestellung aus der Tragödie der Musikgeschichte dieses Landes entstanden ist. Im Laufe der kommenden Tage hätten Sie die Gelegenheit, neue Fragen zu stellen und eine neue Fragestellung ins Leben zu rufen. Die Formulierung einer neuen Fragestellung, die die bewusste Vergessenheit von drei Generationen berücksichtigt, verlangt viel von unserer Generation. Wichtig wäre, dass diese Fragestellung nicht aus einer Denkmälermentalität entsteht. Sie darf nicht die Musik der Juden des Burgenlandes historisieren und musealisieren. Außerdem verlangt eine neue Fragestellung, dass wir engagierte Aktivisten werden müssen, d. h. dass wir etwas tun, um die jüdische Musik in der österreichischen Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts erklingen zu lassen. Bei einer neuen Fragestellung handelt es sich oft um die schweren Fragen der Vergangenheitsbewältigung, und darauf zu antworten ist meistens unangenehm.

Sie, als Komponisten und Interpreten, sind zu einer neuen Stellungnahme zur jüdischen Musik dieses Landes aufgerufen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern in Ihren gegenwärtigen und zukünftigen musikalischen Arbeiten, um die jüdische Musikkultur im Burgenland erneut ins Leben zu rufen.

nach oben

Vorbemerkungen zur Fragestellung der jüdischen Musik im Burgenland.

Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass die Juden im Burgenland die Kultur des Landes weitgehend umgewandelt haben, und zwar in einen Mikrokosmos der ganzen Welt. Zudem ist der musikalische Umfang des Mikrokosmos grenzüberschreitend, damit er eine Kulturgeographie repräsentiert, die sowohl multikulturelle als auch internationale Dimensionen umfasst. Die Kulturgeographie der jüdischen Musik im Burgenland zeigt sich als eine Hierarchie des Musizierens, die ich folgendermaßen skizzenhaft darstellen könnte:

Der Großraum des jüdischen Musizierens besteht aus den zwei großen Traditionen der Diaspora, Aschkenas (Jiddisch und Deutsch sprechend) und Sepharad (Ladino sprechend). Obwohl die jüdische Kultur des Burgenlandes überwiegend aschkenasisch war, wurde sie von sephardischen Zuwanderern ständig beeinflusst, vor allem in Bezug auf den Kulturwandel der frühmodernen Zeit und auf die Grenzfunktionen der jüdischen Kultur zwischen Ost und West bzw. zwischen der Habsburger- und den Osmanischen Monarchie(n). Schon Ende der Renaissance fungierte die jüdische Kultur des Burgenlandes als eine jüdische Grenzlandschaft zwischen Europa und dem Mittelmeerraum der Diaspora.

Heute brauche ich fast nicht zu erwähnen, dass das Burgenland sich als eine historische Grenzlandschaft zwischen Mittel- und Osteuropa zeigt. Diese Grenzlandschaft legt die Kulturgeschichte Ost- und Mitteleuropas schlechthin dar. In diesem Sinn lässt sich eine österreichisch-jüdische Geschichte des Burgenlandes von einer ungarisch-jüdischen Geschichte nicht trennen, und darüber hinaus auch nicht von einer europäisch-jüdischen Geschichte. Viele Musiker und musikalische Traditionen sind aus Osteuropa ins Burgenland - ins Zentrum eines jüdischen Kulturraumes - ›zugewandert‹, und zwar bis in die 1930er Jahre. Die jüdische ›Moderne‹ des Burgenlandes entsteht aus der Wechselwirkung dieser Zuwanderung.

nach oben

Wichtig für uns heute ist der Kulturraum der ›Sieben Gemeinden‹, der sich an internationalen Grenzen festmacht. Zwischen den Gemeinden gab es einen ständigen Austausch von Menschen und von musikalischen Traditionen. Diesen Austausch verstehen wir noch zu wenig, aber eine Grundlage für ihre Interpretation findet sich in Max Grunwalds Forschungen und Veröffentlichungen (z. B. Grunwald 1924/1925), sowie in dem hervorragenden Band, ›Aus den Sieben Gemeinden‹, der von Johannes Reiss herausgegeben wurde (Reiss 1997; s. S. 6, Literatur).

Jede Gemeinde schilderte ihre eigene Kulturgeographie, die innerhalb der verschiedenen Grenzen bestand. Grenzen befanden sich zwischen jüdischen Traditionen innerhalb jeder Gemeinde, z. B. zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen traditionsgebundenen und emanzipierten Familien (vgl. den Roman ›Cella‹ von Franz Werfel, s. Literatur, S. 6). Nicht zu unterschätzen sind die vielfältigen Grenzen zwischen jüdischen und christlichen Traditionen, die im Burgenland besonders komplex wirkten. Die Vielfalt der ethnischen Minderheiten des Burgenlandes spielt eine sehr wichtige Rolle. Außerdem zeigten sich die Binnengrenzen der jüdischen Gemeinden als äußerst vielfältig. Bei der Gemeindegeographie handelte es sich um Grenzen zwischen:

  • Synagoge und Schule
  • Familie und Brauchtum
  • angesiedelten Familien und neu zugewanderten Familien

Unter den Stichwörtern, die ich in meinem Vortrag heute verwende, tauchen zwei besonders häufig auf. Das erste Stichwort haben Sie sicher schon bemerkt: Grenzen. Das zweite werden Sie bald registrieren: Stimme. Die beiden Wörter wirken als ein musikethnologisches Gegensatzpaar, das erste um kulturellen Kontext darzustellen, das zweite um den musikalischen Text zu umfassen.

›Stimme‹ lässt sich im Laufe meiner Bemerkungen heute unterschiedlich thematisieren. Im Allgemeinen verwende ich das Stichwort ›Stimme‹ als ein Zeichen des Jüdischen bzw. der jüdischen Präsenz in einem gewissen Repertoire oder in einem gewissen musikalischen Stück. Stimme wirkt weiterhin als ein Zeichen der Auseinandersetzung zwischen dem Inhalt bzw. der Tradition und dem kulturhistorischen Umfeld, das nicht unbedingt oder immer jüdisch ist.

Das Burgenland war für die Juden Mittel- und Osteuropas die Grenzlandschaft schlechthin. Daraus folgt, dass sich die Musikgeschichte der Juden im Burgenland nur in Hinsicht auf ihre vielfältige Geschichte darstellen lässt. Es wäre irreführend, in unserem Zusammenhang von einer jüdischen Geschichte des Burgenlandes zu sprechen. Außerdem wäre es irreführend, von der Wechselwirkung zwischen jüdischer Geschichte im Burgenland und jener der Monarchie zu sprechen. Im Gegenteil, die Musikkultur der burgenländischen Juden besteht aus einer Vielfalt, die von der Rolle des Knotenpunktes ermöglicht wurde, und es ist gerade diese Vielfalt, die sich in den kommenden Tagen in Eisenstadt thematisieren lässt. Die jüdische Musik des Burgenlandes ist nicht nur die Musik der ehemaligen jüdischen Gemeinden dieses Bundeslandes, sondern eine europäische Musik. Sie ist nicht nur eine Musik einer verklungenen Welt, sondern eine aktuelle Musik, die Vielfalt der Musikkulturen eines multikulturellen Landes (vgl. Hemetek 2001, s. S. 6, Literatur).

nach oben

Vor der Vergessenheit - Zentralisierung der jüdischen Musikkultur einer Grenzlandschaft.

Längst vor der Entstehung der Habsburger Monarchie in ihrer modernen Gestaltung waren jüdische Gemeinden im Burgenland ansässig, und ihre ländliche sowie kosmopolitische Kultur hatte die Geschichte der Grenzregion von Westungarn in vielerlei Hinsicht gestaltet. In der Geschichte des europäischen Judentums fungierte das Burgenland als ein Knotenpunkt - zwischen Ost und West, zwischen den aschkenasischen Gemeinden Mitteleuropas und den sephardischen Gemeinden Südosteuropas, zwischen einer ländlichen und einer städtischen Kultur, zwischen Antisemitismus im Zentrum des österreichischen Kulturraums und einer sich ausdehnenden Toleranz in der modernen Zeit.

Wichtige jüdische Gemeinden befanden sich sowohl im Südburgenland (z. B. in Schlaining, wo die ehemalige Synagoge in die Bibliothek der europäischen Friedensuniversität in den 1980er Jahren umgebaut wurde) als auch im Nordburgenland. In diesem Kapitel konzentriere ich mich auf das Nordburgenland, speziell auf die sogenannten Schewa Kehillot, die ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ des Burgenlandes: Deutschkreutz (hebräisch: Zelem), Eisenstadt (hebräisch: Asch), Frauenkirchen, Kittsee, Kobersdorf, Lackenbach und Mattersdorf (heute Mattersburg). Die ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ bilden einen Kreis um Ödenburg/Sopron, weil Juden regelmäßig aus der historischen Komitatsstadt Westungarns vertrieben und ausgegrenzt wurden. In den sieben umliegenden Orten hatten die jüdischen Gemeinden die Chance unter der Schutzherrschaft der ungarischen Monarchie, vor allem unter dem Protektorat der Familie Esterházy, zu leben. Bezüglich dieses Protektorats und der historischen Lage als Grenzlandschaft zwischen den österreichischen und ungarischen Teilen der Monarchie entwickelte sich die Geschichte der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ zunehmend als eine jüdische Geschichte Österreichs.

nach oben

In politischer und historischer Hinsicht sind vielerlei Grenzfunktionen im Burgenland erkennbar, so z. B. grenzabwehrende Funktionen oder grenzüberschreitende Funktionen. Seit dem Mittelalter sowie bis in die Gegenwart umfasste das Burgenland eine kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt. Die ethnische und sprachliche Vielfalt des Burgenlandes repräsentierten nicht nur die verschiedenen Völkergruppen der österreichisch-ungarischen Monarchie sondern auch ein regionales Spannungsfeld sowie ein europäisches Grenzgebiet.

Das Burgenland grenzt an die Alpenländer, bildet aber den westlichen Teil des pannonischen Raums. Im 17. Jahrhundert, als das osmanische Reich in die deutschsprachigen Regionen Mitteleuropas, bis in die Umgebung Wiens, vordrang, baute die Monarchie das heutige Burgenland als das allerletzte Bollwerk gegen den muslimischen Feind im Osten auf. Diese militärisch-historische Funktion passte zum Burgenland, weil es schon ein Vielvölkerland war, und zwar mit vielen Gemeinden von Ungarn, Kroaten, Heanzen (d. h. aus Sachsen stammende Volksgruppen), Roma und Juden. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts - nach der Niederlage des osmanischen Reichs in Mitteleuropa - entfaltete sich die kulturelle Vielfalt des Burgenlandes weiter und beeinflusste die Gesamtkultur der Grenzregion maßgeblich.

Die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes zeigten eine vielseitige Anpassungsfähigkeit, und daraus folgte, dass sich eine burgenländische jüdische Kultur in vielerlei Hinsicht entwickelte. Im Grunde war diese Kultur völlig burgenländisch. Die jüdischen Gemeinden adaptierten das pannonische Dorfleben sowie die ökonomische Infrastruktur der Grenzlandschaft. Die jüdische Kultur eines Dorfes war ein integrierter Teil des Ganzen, nicht irgendeine Nebenanlage jenseits der Stadtmauer. Dies lässt sich auf den Ortsplänen der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ zeigen, vor allem weil der jüdische Stadtteil im Ortszentrum lag (z. B. am Schloss in Kobersdorf und Eisenstadt).

Die jüdischen Gemeinden hielten zum traditionellen Leben, insbesondere zur Religion und zu den jüdischen Bräuchen, die aber keineswegs Verfolgung oder Ausgrenzung verursachten. In den ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ entstand eine jüdische Infrastruktur, z. B. religiöse Schulen (hebräisch: Jeschivot) in Mattersdorf und Deutschkreutz, die Juden von überall in Ost- und Südosteuropa besuchten. In dieser Hinsicht konzentrierte sich das Kulturleben der Juden aus der ganzen Monarchie auf die ›Sieben Heiligen Gemeinden‹. Aus Bosnien und aus dem Balkan kamen sephardische Juden in das Burgenland um zu studieren oder um vor der Weiterreise nach Wien Zwischenstation zu machen. Aus dem Karpatenraum und aus dem pannonischen Raum gelangten ebenso viele jüdische Einflüsse ins Burgenland. Die Peripherie Europas - vor allem die Peripherie der europäischen Diasporakultur - wurde im Burgenland wiederhergestellt. Darin besteht ein grundlegendes jüdisches Kapitel in der europäischen Geschichte, das die Musikkultur der burgenländischen Juden verkörpert.

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5 ¦ 6.

Zurück zum Text ›Artikel‹.


nach oben


Zusatznavigation.

Suche.


Zurück zur Hauptnavigation.
Zurück zur Navigation der Unterseiten von Bereich Startseite.
Zurück zum Artikel ›Zweistromland, Seite 1‹.
Zurück zur Zusatznavigation mit Links zu Suche, Hilfe, Lexikon und Inhalt.

Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017