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Zweistromland [2].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

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Gab es eine burgenländische jüdische Musik?

Die Frage nach einer jüdischen Musik, die die Geschichte der Habsburger Monarchie, Österreichs oder des jüdischen Europas konstruiert, lässt sich im Fall des Burgenlandes mit besonderer Bedeutung stellen. Schon vor der frühen Neuzeit, d. h. schon vor der Gegenreformation, die grundlegenden Einfluss auf die Ungarisch-Österreichische Monarchie hatte, haben Juden im Burgenland musiziert. Sammlungen jüdischer Musik aus dem Burgenland zeigen, dass Bräuche und die Volksmusik sowohl Besonderheiten der Region als auch Traditionen und Dialekte aus anderen Regionen Ost- und Südosteuropas wiederspiegelten. Dieses Phänomen kann man heutzutage am Beispiel der Sammlungen aus Mattersburg von Max Grunwald untersuchen (Grunwald 1924/1925, s. S. 6, Literatur).

Die Authentizität der jüdischen Musik im Burgenland, also das ›Typische‹ bei der Musik der ›Sieben Gemeinden‹, war ihre Vielfalt, eine Vielfalt, die sich mit jener der ganzen Monarchie vergleichen lässt. Die Frage kann man auch anders formulieren: Verstehen wir das ›Typische‹ als das ›Burgenländische‹? und: Spiegelt eine burgenländische Musikgeschichte jene der Monarchie wieder? Besteht das ›Typische‹ aus Bruchteilen aus der Peripherie bzw. aus den jüdischen Gemeinden der Kronländer, oder entfaltet es sich aus dem Zentrum bzw. aus einer jüdischen Vorgeschichte?

Fragmente einer Vorgeschichte lassen sich ohnehin feststellen.
Am Beispiel der sogenannten ›Kittsee Haggada‹ nähern wir uns dieser Vorgeschichte an.

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Die Kittsee Haggada.

Die ›Kittsee Haggada‹ entstand aus einer Tradition der Haggadamalerei, die sich in der frühen Neuzeit im westpannonischen Raum findet. Die Haggada (hebräisch; wörtlich: Erzählung) enthält die Geschichte des Auszugs aus Ägypten, die im Ablauf des Sederabends zu Pesach im Familienkreis erzählt und vorgesungen wird. Die Haggada wirkt als eine Geschichte, die die Geschichte selbst - einen Schlüsselmoment im Mythos des jüdischen Volkes - verkörpert. Die Geschichte, die am Sederabend aus der Haggada vorgetragen wird, symbolisiert den Topos des Grenzüberschreitens: Vom Mythos in die Geschichte, von der mündlichen Überlieferung in die Historiographie des jüdischen Weges in das Land Israel (Eretz Jisrael), vom Lokalen in das Globale.

Wenn Juden überall in der Welt am Sederabend an dieser Geschichte - an ihrer Geschichte - teilnehmen, findet sich diese erzählte und vorgesungene Geschichte in unzählbaren Varianten. Die Haggada wirkt in dieser Hinsicht als ein Mittel der Lokalisierung. Die ›Kittsee Haggada‹ schließt die allgemeine Geschichte des Judentums im Moment des Vortragens und des Vorsingens in Kittsee mit der jüdischen Volkskultur des Burgenlandes zusammen.

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Wenn sich eine Tradition der Haggadamalerei im Nordburgenland festmachen lässt, kann eine jüdische Musik des Burgenlandes nicht einfach davon losgelöst werden. Auch wenn die ›Kittsee Haggada‹ an ihrer Oberfläche eine burgenländische Tradition überliefert, legt sie trotzdem eine gemeinsame - auf die allgemeine jüdische Geschichte bezogene - Tradition dar. In keinerlei Hinsicht sollte eine burgenländische Tradition diese allgemeine Geschichte ersetzen. Die Erzählkraft der ›Kittsee Haggada‹ besteht darin, dass sie das historische Zentrum im Land Israel auf ein frühmodernes Zentrum der Diaspora projiziert. Historische Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie verschwimmen, und das Innere kehrt nach außen. Das Burgenländische in der Tradition wird damit erkennbar, aber als das Jüdische in einer komplexen Kulturgeschichte, die sich aus Bruchteilen erzählen lässt, wie etwa im Familienkreis am Sederabend in Kittsee oder Eisenstadt.

Mein Vortrag heute wird als eine Sammlung von Bildern und Abbildern dargestellt. Normalerweise entfalten sich solche Bilder nach dem literarischen Genre des Reiseberichts, indem man als Besucher ins Burgenland kommt und im Laufe einer Reise in die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes die Fremdheit einer exotischen sowie isolierten Kultur ›der Anderen‹ mitten in Europa ›bewundert‹. Im Gegensatz dazu betone ich die Abbilder und Klangporträts im Vortrag, als ob sie durch die erzählerische Kraft eine Gattung der jüdischen Literatur repräsentierten, und zwar als Midrasch, eine Gattung des jüdischen Kommentars, in dem verschiedene Geschichten erzählt werden, um verschiedene Perspektiven auf eine komplexe Geschichte und Historiographie zu ermöglichen. Jedoch besteht mein Midrasch aus Bildern, die auf einzelnen Gemeinden und Geschichten der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ basieren, trotzdem lässt sich der Midrasch nur im Großen und Ganzen verstehen. Darum suche ich nach einem größeren Bild, welches die Vielfalt der jüdischen Musik des Burgenlandes beschreiben könnte.

Zunächst erfahren wir einige Hörbeispiele, die die jüdische Musik sowie die Musik der Juden im Burgenland aus den vielen Perspektiven eines Midrasch zum Klang bringen.

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Hörbeispiele.

Joseph Joachim, Hebräische Melodien, Op. 9 (nach der Dichtung von Lord Byron)
Dauer: 38 Sekunden.

Klesmer-Musik als Gelegenheitsmusik, ›Gass'n Nign (›Gassenlied‹), aufgenommen vom Ensemble Klesmer (Leon Pollak, Mario Koutev, Michael Preuschi), Live in Prague
Dauer: 36 Sekunden.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017