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Zweistromland [3].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

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Kittsee - Musikalische und europäische Grenzstationen.

Mit den Hörbeispielen kommen wir bei der ersten Station unseres Midrasches an, und damit auch bei einer Grenzstation des Burgenlandes schlechthin: Kittsee. Der Ort liegt an mehreren Grenzen, und in vielerlei Hinsicht verkörpern diese Grenzen die Kultur- und Musikgeschichte der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ als ein Komplexes, das aus dem Grenzüberschreitenden besteht. Kittsee zeigt sich als ein Knotenpunkt der Sprachgrenzen sowie der geographischen Spaltungen der Monarchie, d. h. als eine Art Dreiecksland aus Karpaten, pannonischem Raum und Alpenland. Vor 1989 lag Kittsee direkt an der Grenze zwischen Ost- und Westeuropa, weshalb sich im Ort ein Grenzübergang befand, der nur für Slowaken bzw. damals Tschechoslowaken und Österreicher zugelassen war, gleichsam ein Überrest der Kulturpolitik der ehemaligen Monarchie. Als Amerikaner, der über diesen Grenzübergang nicht in den Osten durfte, erinnere ich mich sehr gut daran!

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Wenn es nur eine kleinere Ortschaft war und ist, liegt Kittsee an der Grenze zwischen städtischer und ländlicher Kultur mehr als die anderen jüdischen Gemeinden des Burgenlandes. In kulturellem Sinne ist Kittsee fast ein Vorort von Bratislava bzw. Pressburg (eine der ›Burgen‹ des Burgenlandes), weshalb sich das Musikleben der Kittseer Juden nach Pressburg und darüber hinaus nach Wien orientiert. Die Kittseer Haggadaschule war z. B. mit ähnlichen Schulen in Turnau/Trnva in Verbindung. Später erkläre ich die Funktionen einer Haggada, aber vorerst reicht es, dass eine Haggada den schriftlichen Text zum Sederabend des Pesachfestes enthält, d. h. den Ritus, der im Familienkreis vorgetragen und vorgesungen wird. Daraus folgt, dass die Musik der Kittseer Juden mehrere soziale Funktionen ausprägen musste, die die historische Lage an mehreren Grenzen wiederspiegeln sollten.

Die jüdische Identität Kittsees basiert auf der Karriere eines der einflussreichsten Geiger des 19. Jahrhunderts, Joseph Joachim. Joachim ist 1831 in Kittsee geboren und in dem Ort aufgewachsen. Eine Gedenktafel an jenem Haus, in dem Joachim vermutlich geboren wurde, erinnert in Kittsee an die Kindheit des großen Musikers. Ende des 20. Jahrhunderts wird Joachim auch mit einem internationalen Geigenwettbewerb historisiert, eine Veranstaltung, die aber mittlerweile nicht mehr in Kittsee stattfindet. Im selben Geburtshaus wie Joachim wurde auch Maurus Knapp geboren, der ebenfalls im Ort aufgewachsen ist und eine große, wenngleich weniger bekannte Karriere als Geiger auf der internationalen Bühne machen konnte. In letzter Zeit, d. h. im Sog des Klezmerrevivals, wird Maurus Knapp auch immer wieder gezeigt und historisiert, jedoch als ein unbekannter und ungenannter Musiker: Als einer jener zwei Geiger, die in historischen Fotos von vermutlichen Klezmermusikanten in der Judengasse von Eisenstadt Hochzeitsmusik spielen. Daher beweist die Figur von Maurus Knapp als Geiger die historische Präsenz der Klezmermusik in der burgenländischen Moderne.

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Joachim und Knapp, zwei jüdische Geiger, die im gleichen Haus in Kittsee geboren sind, lassen sich in vielerlei Hinsicht als Vertreter des musikalischen Grenzüberschreitens im Burgenland vergleichen. Im weiteren Sinn sind sie Weltmusiker geworden, die vom Burgenland aus ihre musikalischen Wege in die Welt antraten.

Die beiden Geiger repräsentieren eine jüdische Musik des Burgenlandes auf unterschiedliche Weise, als ob eine historische Grenze dazwischen läge. Auf einer Seite der Grenze ist der weltbekannte Joachim; auf der anderen Seite steht der unbekannte bzw. anonyme Knapp. Auf einer Seite entfaltet sich eine aus dem Burgenland emanzipierte Musik; auf der anderen Seite bleibt eine auf die Judengasse beschränkte und in der Judengasse verankerte Musik. Auf der einen Seite entsteht die Musikgeschichte der Spätromantik, auf der anderen Seite entsteht der Mythos der Klezmermusik. Solche Gegensatzpaare sind nur möglich, wenn sie auf der Spaltung von Scheingrenzen basieren. Das Musikleben der Juden im Burgenland lässt sich nicht auf diese Weise - jüdisch und nicht-jüdisch, mythosbezogen und geschichtebezogen - trennen. Will man das Jüdische in der Musikkultur der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ fassen, ist man gleich am Anfang mit einem Paradoxon konfrontiert.

Die Musik, die Maurus Knapp spielte, war keineswegs Klezmermusik. In den zahlreichen Handschriften, die der Kittseer Berufsmusiker hinterließ, befindet sich keine Klezmermusik, sondern eine Mischung aus Popular- und Volksmusik, städtischer und ländlicher Tanz- und Unterhaltungsmusik, d. h. schlechthin Gelegenheitsmusik. Gelegenheitsmusik lässt sich folgenderweise definieren: Sie ist eine Musik, die anpassungsfähig sein muss, weil sie bei fast allen Anlässen gespielt wird. Darüber hinaus spiegelt die Gelegenheitsmusik die kulturelle Identität eines Anlasses wieder, aber im Vergleich dazu muss ihre Identität verborgen bleiben. Gelegenheitsmusik ist darüber hinaus oft mit Tanzanlässen verbunden sowie mit der Kleinbühne.

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Aus Maurus Knapps musikalischem Nachlass lässt sich ganz deutlich erkennen, dass er ein Gelegenheitsmusiker par excellence war. Er bearbeitete Melodien aus unterschiedlichen Repertoires, die er bei unterschiedlichen Anlässen in Wien und im Burgenland spielte. Er komponierte neue Lieder und Tänze, deren Anpassungsfähigkeit leicht erkennbar ist. Außerdem komponierte und bearbeitete Maurus Knapp gelegentlich Melodien, die er selbst als ›jüdisch‹ verstanden hat - Notizen dazu befinden sich in seinen Handschriften.

Die Musik, die die Klezmermusikanten aus Kittsee spielten, war schon eine globalisierte Popularmusik, und sie passte perfekt zu jüdischen Hochzeiten im Burgenland sowie zu zahllosen anderen Gelegenheiten in Wien. Auf diese Weise repräsentieren die Karrieren der zwei Geiger von Kittsee die Grenzlandschaft der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ nicht ganz unterschiedlich. Das Berufsmusikertum der jüdischen Musiker wurde von politischen und geographischen - sowie von religiösen - Grenzen nicht gespalten, sondern es ist gekennzeichnet durch eine Tendenz zur kulturellen Mischung wenn nicht Globalisierung. Nichtsdestoweniger unterscheidet sich die Geschichte der Grenzüberschreitung in das Globale in diesem Fall, weil es für ein Musizieren des Gelegenheitsmusikers Maurus Knapp jenseits der Grenzen keine Gelegenheit gab. Obwohl ihm 1938 die Flucht nach Chicago gelungen war, gab es nur wenige Anlässe für die burgenländische Gelegenheitsmusik jenseits der Grenzen des Burgenlandes am Vorabend bzw. am Abgrund des Holocausts. Sein Bild in der Judengasse bleibt ein Sinnbild einer untergegangenen Welt von gestern, das die Grenzen der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ jetzt fest macht und nicht überschreitet.

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Hörbeispiele.

Liturgische Musik, die von Shmuel Baruch Taube komponiert wurde, ein Kantor aus dem Burgenland. ›Mitraze berachamin (›Er möge sich unser erbarmen‹), hier von Oberkantor Shmuel Barzilai (Stadttempel Wien) gesungen
Dauer: 38 Sekunden.

Gustav Pick, ›Jüdisches Fiakerlied‹ in englischer Sprache im Arrangement der ›New Budapest Orpheum Society‹ von Chicago (mein Kabarett-Ensemble, Philip Bohlman). Diese Fassung, in deutscher bzw. jiddischer Sprache, erschien um die Jahrhundertwende als Flugblattlied in Wien. Der Sänger ist Kantor Stewart Figa des Tempels ›Har-Zion‹ in River Forest, Illinois
Dauer: 27 Sekunden.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017