Textlogo: Österreichisches Jüdisches Museum; Zur Startseite[D]

Hauptnavigation.

 

Zweistromland [4].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5 ¦ 6

Kobersdorf - Spannungsfeld zwischen geistlicher und weltlicher Musik.

Im Zeitalter der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ war die Musik eines der wesentlichsten Mittel des multikulturellen Zusammenlebens in Kobersdorf. In Kobersdorf, welches Anfang der 1890er Jahre ca. 1.500 Einwohner zählte - ca. dieselbe Einwohnerzahl wie in den 1930er Jahren am Vorabend des Holocausts -, war die Bevölkerung auf drei bzw. vier Gruppen verteilt. Ca. 40 Prozent waren jüdisch, 30 Prozent katholisch und 30 Prozent evangelisch. Auf dem Stadtplan von Kobersdorf sieht man auch deutlich die Aufteilung in diese drei konfessionellen Gruppen der Bevölkerung. Außerdem grenzte ein verhältnismäßig großer Anteil von burgenländischen Roma an Kobersdorf, der für einen unentbehrlichen Beitrag zum Kulturleben des Ortes verantwortlich war.

nach oben

In seinem 1925/26 verfassten ›Sammlungen von Mattersdorf‹ bemerkte Max Grunwald, dass die Gemeindestruktur in Kobersdorf einmalig unter den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes war, und zwar als ›Zeile‹ neben dem Schlossgelände. Wenn auch der Stadtplan drei unterschiedliche Kulturbereiche suggeriert, war doch die Realität ganz anders: es gab eine verflochtene und komplexe Einmündung von Strömungen aus allen konfessionellen bzw. ethnischen Kulturbereichen.

Am Beispiel des jüdischen Wirtshauses und des Musizierens darin lässt sich die multikulturelle Einmündung in Kobersdorf in mancher Hinsicht rekonstruieren. Das jüdische Wirtshaus gestaltete sich als Treffpunkt im Kobersdorfer Kulturleben vor dem 2. Weltkrieg. Daran erinnern sich viele Kobersdorfer noch, und meine Bemerkungen heute beziehen sich auf Interviews mit älteren Kobersdorfern bzw. auf ein kollektives Gedächtnis, das heute noch feststellbar ist.

Im Wirtshaus, das viele Kobersdorfer bis heute nur als ›das jüdische Wirtshaus‹ bezeichnen, konnten Reisende unterkommen und nach jüdischen Gesetzen essen und wohnen. Dort konnte man z. B. koscher essen. Nicht nur Reisende benutzten das Wirtshaus, sondern auch die einheimischen Kobersdorfer, weshalb das Wirtshaus eine wichtige Rolle im Alltag des jüdischen Kulturlebens spielte. Im Wirtshaus wurde oft musiziert, z. B. auf Hochzeiten, und im zweiten Stock gab es eine Tanzfläche, wo gelegentlich Tänze sowie Bälle stattfanden. In Bezug auf meine Fragestellungen bei der Feldforschung Anfang der 1990er Jahre, ob man das Musizieren als ›jüdisch‹ verstanden hatte, antworteten Kobersdorfer Gewährsleute, die die Zwischenkriegszeit mit ihren jüdischen Nachbarn miterlebt hatten, dass die meisten Anlässe wie etwa Hochzeitstänze zwar jüdisch waren, trotzdem aber Kobersdorfer aller Konfessionen und Ethnien daran teilnahmen.

Nichtjüdische Musikanten spielten dabei oft, insbesondere auch wenn die Hochzeit jüdisch war. Vor allem waren Romamusikanten im jüdischen Wirtshaus sehr präsent, weil sie relativ oft bei jüdischen Hochzeitstänzen spielten. Nach zeitgenössischen Berichten lässt sich weiterhin rekonstruieren, dass es einen regen Austausch zwischen Roma und jüdischen Musikanten gab. Wenn Juden heirateten, spielten Romamusikanten. Wenn Roma heirateten, spielten jüdische Musikanten. Ausführliche Belege aus früheren Zeiten gibt es zwar bis jetzt nicht, trotzdem sollte man nicht vergessen, dass Juden und Roma in Kobersdorf Jahrhunderte lang ansässig waren. Darum darf man feststellen, dass sich eine Tradition des Zusammenmusizierens bei Gelegenheiten und Anlässen jeweils in der Gemeinde ›der Anderen‹ ausgebildet hatte. Wenn das Wirtshaus auch ›jüdisch‹ war - es lag an der Ecke zwischen Synagoge und jüdischem Ortsviertel -, wirkte es als ein Musik- und Kulturtreffpunkt für den ganzen Ort.

nach oben

Im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis zum Vorabend des Holocausts war ein öffentliches Musikleben in Kobersdorf ohne starke jüdische Teilnahme undenkbar. Aus den Zeitzeugnissen, die sich im Kobersdorfer Dorfmuseum befinden, geht deutlich hervor, dass das Musikensemble mit seiner Hauptrolle auf der öffentlichen Bühne des Ortes das ›Kobersdorfer Salonorchester‹ war.

Das Salonorchester beherrschte ein breites Repertoire, das sich aus Tanzmusik, Gelegenheitsmusik sowie Popularmusik unterschiedlichster Gattungen zusammensetzte. Das Revier des Salonorchesters war Kobersdorf und seine unmittelbare Umgebung und darüber hinaus die Kleinstädte Westungarns. Die Kobersdorfer, die sich heutzutage an das Salonorchester erinnern, berichten mit Stolz über eine gewisse Berühmtheit des Orchesters. Konzerte und öffentliche Auftritte wurden häufig und überall in Westungarn angefragt. Nach 60 Jahren erinnern sich noch Kobersdorfer in der älteren Generation gut daran, dass das Kobersdorfer Salonorchester ein ›jüdisches Ensemble‹ war, zumindest jedoch, dass die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder jüdisch war.

Wenn Kobersdorf noch heute auf ein aktives und fassettenreiches Musikleben Anspruch erheben kann, lässt sich das Musikleben aber nicht mehr als multikulturell verstehen. Burgenlandroma nehmen nicht weiterhin daran teil. Die Repertoires der Instrumental- und Chorensembles im Ort fußen auf deutscher und österreichischer Volks- und volkstümlicher Musik (Fuchs 1990, s. S. 6, Literatur). Wenn Kobersdorfer versuchen, das Kulturleben der Vergangenheit aufzuarbeiten, so sind sie in erster Linie mit der jüdischen Vergangenheit des Ortes konfrontiert. Denn in Kobersdorf steht die einzige Gemeindesynagoge der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹, die von den NS-Behörden nicht gesprengt wurde. Sie wäre - nach Renovierung - z. B. für eine öffentliche Bühne geeignet. Trotzdem ließe sich die jüdische und multikulturelle Vergangenheit nicht so einfach wieder herstellen. Es fehlt noch ein Treffpunkt; es fehlt noch eine Einmündung der Traditionen der unterschiedlichen konfessionellen und ethnischen Gruppen von Kobersdorf; es fehlen vor allem die Menschen, deren Musizieren grundlegend für den Wiederaufbau eines ehemaligen Zusammenlebens wäre.

nach oben

Hörbeispiele.

Karl Goldmark, Arie aus ›Die Königin von Saba‹. Wir hören den ›Tempelchor‹ von Jerusalem
Dauer: 37 Sekunden.

Salomon Sulzers ›Etz Chayim (›Lebensbaum‹) - Aufnahme des ›Karoly- Goldmark Chor des Budapester Rabbinerseminars‹. Der Solist ist Kantor László Fekete.
Dauer: 31 Sekunden.

Seite 1 ¦ 2 ¦ 3 ¦ 4 ¦ 5 ¦ 6.

Zurück zum Text ›Artikel‹.


nach oben


Zusatznavigation.

Suche.


Zurück zur Hauptnavigation.
Zurück zur Navigation der Unterseiten von Bereich Startseite.
Zurück zum ›Zweistromland, Seite 4‹.
Zurück zur Zusatznavigation mit Links zu Suche, Hilfe, Lexikon und Inhalt.

Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017