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Zweistromland [5].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

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Deutschkreutz - Zwischen den Grenzen.

»Meine musikalische Anlage offenbarte sich in sonderbarer Weise. Nach einem Hochzeitsdiner blieb eine Anzahl halbgefüllter Gläser zurück. Ich bemerkte, daß jedes, je nach Füllung, einen tieferen oder höheren Ton gab. Mit diesen Gläsern stellte ich eine Skala zusammen und mit einem Stäbchen spielte ich dann mir bekannte Weisen zum großen Erstaunen meiner Umgebung - und das ›Genie‹ war geboren. Musik im eigentlichsten Sinne hatte ich nie gehört.« (Goldmark 1922, S. 12, s. S. 6, Literatur)

In seiner Autobiographie (1922) beschreibt der Komponist Karl Goldmark eine musikalische Ausbildung in zwei Teilen: In Deutschkreutz nahm er am Alltagsmusikleben eines burgenländischen Dorfs teil, das stark von seiner jüdischen Komponente geprägt wurde. Goldmarks Vater, Ruben, war langjähriger Kantor in der Synagoge von ›Zelem‹, wie der Ort in hebräischer Sprache genannt wurde, weshalb jüdische Gesangstraditionen besonders vertraut waren. Der wichtigste musikalische Moment in Goldmarks Kindheit fand laut seiner Autobiographie auf einer Hochzeit statt, als der künftige Komponist das traditionelle Singen eines Bauern hörte, was auf ihn einen tiefen Eindruck machte.

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Um seine musikalische Ausbildung zu bekommen, musste der junge Karl Goldmark (geb. 1830) zu Fuß nach Sopron gehen, wo er Geige lernte. Der Weg nach Sopron war nicht einfach, und er war mehrere Stunden unterwegs. Dieser Weg von Deutschkreutz nach Sopron wirkte aber nur als der Anfang seiner Karriere, die sich weit über die Grenzen des Burgenlandes ausdehnte. Der Komponist Karl Goldmark ist heutzutage ein Synonym für den Erfolg sowohl eines burgenländischen Musikers als auch eines jüdischen Musikers Mitteleuropas. In Deutschkreutz wird Goldmark z. B. in einem Dorfmuseum das ihm gewidmet ist, gedacht. In Budapest sind Goldmarks musikalische Beiträge als jüdisch verewigt, weil der Chor des Rabbinerseminars seinen Namen als ›Karl Goldmark-Chor‹ trägt.

Das Leben des ehemaligen Sohns eines Kantors bestand im Pendeln zwischen gespalteten Welten. In der einen Welt waren jüdische Tradition und eine Annäherung an diese das entscheidende Element. In der zweiten Welt war eine kosmopolitische Auseinandersetzung mit der Tradition grundlegend, vor allem in den Kompositionen, die Europas ›andere Kulturen‹ thematisierten, wie etwa in ›Die Königin von Saba‹ (1880) (siehe Hörbeispiel). Beide Welten hängen voneinander ab. Beide hängen von der Grenzlandschaft der ›Sieben Heiligen Gemeinden‹ ab, sowie von der Grenzlage von Deutschkreutz zwischen jüdischer Tradition und jüdischer Modernität in der Monarchie.

Das Judentum war in Deutschkreutz tief verwurzelt. Ein Zeichen dafür war der hebräische Name des Ortes, Zelem, der sich als eine Alternative zur christlichen Symbolik des deutschen Namens ergab (›Kreuz‹). In Deutschkreutz befand sich eine der wichtigsten Schulen für die religiöse Ausbildung, eine Jeschiva, an der jüdische Schüler aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa Talmud und die historisch-religiöse Basis des Judentums lernten. Im 17. Jahrhundert weisen Publikationen in hebräischer Schrift darauf hin, dass sich eine jüdische Druckerei im Ort befand, die für jüdische Gemeinden im Burgenland und den ganzen pannonischen Raum wichtig war. Daraus folgt, dass die Deutschkreutzer Juden sehr kosmopolitisch wirkten, wenn auch in einer eher religiösen Weise (vgl. Spitzer 1995).

»In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben.« (Roth 2001 [1919]: 203, s. S. 6, Literatur)

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Aus dem Deutschkreutzer Liedrepertoire besitzen wir einen der wichtigsten Nachweise des Einflusses einer jüdischen Musikkultur. Die Ballade, ›Die schöne Jüdin‹, wird bis in die Gegenwart von Sängern und Sängerinnen in Deutschkreutz gesungen, z. B. in der Variante, die Sie im Musikbeispiel (s. u.) hören können. Kennzeichnend für ›Die schöne Jüdin‹ in der Geschichte der Balladen im deutschen und im jiddischen Sprachraum ist, dass sie sowohl in deutscher als auch in jiddischer Sprache gesungen wird. In Deutschkreutz symbolisierte ›Die schöne Jüdin‹ die Verflochtenheit der jüdischen und christlichen Welten, und zwar gerade in der traditionellen Musik. 1919 erlebte Joseph Roth eine ähnliche Verflochtenheit, die laut seiner Berichterstattung aus Talmudvorlesen und Ziehharmonikavorspielen bestand. Wie lässt sich diese Verflochtenheit von musikalischen Welten des Burgenlandes nun näher beschreiben?

Die Balladentradition erzählt von einem historischen Grenzüberschreiten zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Welten. Es gibt verschiedene Varianten, die das metaphorische Grenzüberschreiten der Hauptfigur in der Ballade aus zwei Perspektiven schildern, nämlich aus jüdischer und nicht-jüdischer Perspektive (siehe Bohlman 1992, s. S. 6, Literatur). In der Geschichte des mitteleuropäischen Engagements mit jiddischen Liedtraditionen spielte ›Die schöne Jüdin‹ eine besonders wichtige Rolle, vor allem aufgrund ihrer wirkungsvollen Repräsentation der Vielfalt eines aschkenasischen Judentums, das historisch zwischen Mittel- und Osteuropa pendelte (vgl. Bohlman und Holzapfel, 2001, s. S. 6, Literatur).

Die Deutschkreutzer Varianten sind zweifelsohne auf nicht-jüdischen Ebenen bis heute überliefert. Nichtsdestoweniger beziehen sich diese Varianten auch auf ein Zwischenfeld bzw. Grenzgebiet, das nach wie vor in Deutschkreutz präsent ist. Dieses Grenzgebiet entsteht aus der Annäherung und der Auseinandersetzung zwischen der jüdischen Tradition, die etwa Karl Goldmark wesentlich beeinflusste, und dem Weg in die kosmopolitische Musikkultur des 19. Jahrhunderts, der sich als Wendepunkt in der Geschichte der ›Sieben Gemeinden‹ herausstellte.

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Hörbeispiele.

Deutschkreutzer Frauen, ›Die schöne Jüdin‹. In: Tondokumente zur Volksmusik in Österreich, Bd. 1. hrsg. von Sepp Gmasz, Gerlinde Haid und Rudolf Pietsch. Aufnahme 1973
Dauer: 37 Sekunden.

Gustav Pick, ›Haman-Fiakerlied‹ (aus dem Repertoire des österreichischen Exilkabaretts, ›Arche-Revue‹ in New York City, 1940er
Jahre). Aufnahmen von der ›New Budapest Orpheum Society‹ Chicago. Kantor Stewart Figa
Dauer: 42 Sekunden.

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017