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Zweistromland [6].

Philip V. Bohlman, Universität Chicago

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Lackenbach - Das Burgenland und die internationale Popularmusik des 20. Jahrhunderts.

In Lackenbach erweist sich der jüdische Friedhof als der einzig erhaltene Platz zur Erinnerung an eine Vergangenheit der zerstörten ›Andersartigkeit‹. Im Laufe der letzten 60 Jahre verschwanden die Spuren der Vergangenheit in diesem Ort der ›Sieben Gemeinden‹ eine nach der anderen. Heute bleibt nur der Friedhof, und darauf konzentriert sich die Geschichte. Es ist ein prächtiger Friedhof, der von verschiedenen Vereinen gepflegt wird. Anfang der 1990er Jahre war der Lackenbacher Friedhof derjenige unter den burgenländischen Friedhöfen, der am sorgfältigsten gepflegt wurde. Vielleicht auch deshalb, weil der Lackenbacher Friedhof eine verhältnismäßig moderne Geschichte repräsentiert, die die großen Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert erzählen: Grabsteine von Fabrikanten und Geschäftsfamilien, die aus Lackenbach stammten, aber finanziellen Erfolg auf dem Gebiet der ganzen Monarchie erlangten. Der jüdische Friedhof befindet sich am Rand von Lackenbach, jedoch noch innerhalb der Ortsgrenzen. Er erzählt keine Geschichte der Ausgrenzung, sondern zeugt vom Versuch, die Neuzeit in den Heiligen Gemeinden zu thematisieren.

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Im Allgemeinen zeigen sich die Friedhöfe des Burgenlandes als das Fenster in die Vergangenheit und sind Dokumente einer Geschichte des Diskurses, die schon im 19. Jahrhundert begann. Vor allem sind die Friedhöfe in Eisenstadt ausführlich dokumentiert, z. B. durch die Erforschungen von Bernhard Wachstein Anfang des 20. Jahrhunderts (1922) und von Johannes Reiss (1995) Ende des 20. Jahrhunderts. Der jüdische Friedhof erzählt unterschiedliche Geschichten, einerseits jene, die im traditionellen Judentum verwurzelt sind, andererseits jene, die eine Auseinandersetzung mit der Modernität und einer nichtjüdischen Umwelt zeigen. Auf Grabsteinen lässt sich weiterhin erfahren, ob sich eine Familie an eine weltliche Identität assimilierte, oder die geistigen Traditionen der Gemeinde beibehielt. Sowohl friedliches Zusammenleben als auch Krise und Verfolgung werden oft detailliert beschrieben.

Jeder jüdische Friedhof im Burgenland hat seine eigenen Geschichten über das Leben der im jeweiligen Ort ansässigen Juden und gerade solche Geschichten überleben als Ortsgeschichte. Dass jüdische Musik die angesprochene Diskursgeschichte ›erzählt‹, wird in Kobersdorf deutlich. Noch stark in Erinnerung der heutigen Einwohner ist das Singen von Klageliedern bei Begräbnissen. Da Nichtjuden in Kobersdorf an jüdischen Begräbnissen nicht teilnahmen, verstehen sie diese Erinnerung an Klagelieder als einen Moment des Grenzübergangs in die Andersartigkeit. Der jüdische Friedhof von Lackenbach ist keine Ausnahme.

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Das Bild einer neuzeitbezogenen Geschichte lässt sich in einzelnen Mosaiksteinen bzw. Erzählfragmenten zeichnen. Der Lackenbacher Friedhof unterscheidet sich von anderen Friedhöfen in den Heiligen Gemeinden, weil er auch Platz für Nichtjuden bot. In den 1940er Jahren bauten die NS-Behörden ein Sammellager in Lackenbach. Vor allem Juden und Roma wurden in dem Lager interniert, um vor dem Abtransport in KZ-Lager Zwangsarbeit zu leisten. Im Laufe der 1940er ereigneten sich Epidemien - insbesondere Typhus - in diesem Lackenbacher Sammellager, die viele Inhaftierte nicht überlebten. Nach ihrem Tod wurden diese Zwangsarbeiter auf dem jüdischen Friedhof begraben. In einer Ecke des Friedhofes finden sich mehrere Grabsteine von Roma, die das Schicksal der Verfolgung mit den Lackenbacher Juden miterlebten. Paradoxerweise wissen wir auf Grund der Tatsache, dass sich Musikinstrumente auf Grabsteinen befinden, dass es Musiker unter den Roma gegeben hatte. Die Anwesenheit der Roma auf dem jüdischen Friedhof von Lackenbach ist ein Symbol der Umformulierung von Geschichtsgrenzen und erzählt die gemeinsame Verfolgung von Juden und Roma als eine Geschichte von Andersartigkeit.

Eine jüdische Musikgeschichte in Lackenbach ist nicht vollständig erfassbar. Die Bruchstücke, die sich erkennen lassen, weisen auf die Popularmusik hin. Unter den kosmopolitischen Lackenbachern des 19. und 20. Jahrhunderts befanden sich einige, die in der Popularmusik zu finden waren, vor allem in der Bekanntschaft von Gustav Pick, der aus der Gegend stammte. Die Familie Austerlitz, d. h. die Verwandtschaft von Fred Astaire, lebte auch in Lackenbach, und die Geschichte einer aus dem Burgenland stammende Popularmusik lässt sich in Bezug auf diese Verwandtschaft erzählen. Im Sommer 1990, als ich zum ersten Mal in Lackenbach forschte, wurde das letzte Haus der ehemaligen Lackenbacher Familie Austerlitz/Astaire geschleift.

Aus dieser bruchstückhaften Geschichte der Popularmusik entsteht Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Nostalgie. Wie erinnern sich die Lackenbacher heutzutage an ihre jüdische Vergangenheit, deren Spuren kaum erforscht sind? Was bleibt vom Ausklang der Musik im Laufe des 20. Jahrhunderts? Die Fragen stellen sich auf dem Friedhof als eine Fragestellung der Geschichtsschreibung, deren Antworten nur im Schweigen eines Grabsteins wahrnehmbar sind.

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Nach der Vergessenheit - ›Die Sieben Gemeinden‹ am Anfang des 21. Jahrhunderts.

Seit einigen Jahren gibt es neue oder andere Beweggründe, gegen die Vergessenheit zu kämpfen. Eigentlich könnte ich drei von den ›Sieben Gemeinden‹ überspringen aufgrund der Forschung engagierter Volkskundler, Judaisten und Musiker inner- und außerhalb des Burgenlandes. Ich denke an die Arbeiten von Sepp Gmasz in Frauenkirchen und Johannes Reiss in Eisenstadt sowie an die Mattersburger Arbeiten von Max Grunwald, mit dem sich Christoph Daxelmüller und Dov Noy intensiv beschäftigt haben. Weiterhin erinnere ich mich an einen Abend in diesem Saal (im Haydn-Konservatorium in Eisenstadt, Anm. d. Red.) im Juni 1996, als der Jazzmusiker Oscar Klein seine Heimatstadt Eisenstadt zum ersten Mal seit dem Vorabend der Schoa in Österreich besuchte. Damals stellte Konservatoriumsdirektor Walter Burian die musikalischen Kräfte der Stadt Oscar Klein zur Verfügung, damit er ›seine Musik‹ - auch Eisenstadts Musik? - erklingen lassen konnte.

Seit mehreren Jahren gibt es intensive Versuche, eine Genealogie jüdischer Musiker und Musikerinnen Österreichs, darunter jener aus dem Burgenland, zu erstellen, vor allem seitens des ›Orpheus Trust‹. Dadurch ließe sich u. a. eine neue Anerkennung der jüdischen sakralen Musik im Burgenland, zum Beispiel des ehemaligen Lackenbachers Mordechai Baruch Taube (geb. 1914) erreichen. Selbst Kantor, stammt Taube aus einer Kantorenfamilie - sein Vater war Kantor in Lackenbach -, und er selbst bekam eine jüdische Erziehung in der Jeschiva von Mattersdorf/Mattersburg. Er überlebte den Holocaust und wurde ein erfolgreicher und einflussreicher Kantor in Nordamerika; heute ist er in Israel pensioniert. (Taube ist auch Lehrer und Förderer von Shmuel Barzilai, des Oberkantors der jüdischen Gemeinde von Wien, Anm. d. Red.)

Die ersten Schritte sind getan, trotzdem bleiben solche Beispiele noch Ausnahmen. Die Genealogien der burgenländisch-jüdischen Musiker bleiben Bruchstücke und Fragmente, die noch lange kein Gesamtbild des jüdischen Musiklebens des Burgenlandes ergeben. Anfang des 21. Jahrhunderts ist die Fragestellung deutlich geworden, weil wir die Herausforderung annehmen müssen, die Vergessenheit zu überwinden.

Im Laufe der Geschichte bildet die jüdische Musik, die Sie in den kommenden Tagen erleben - schließlich zum ersten Mal -, eine Brücke vom Burgenland aus in seine Nachbarländer und darüber hinaus über die Klanglandschaften Europas und der Welt. Sollten Sie - als Komponisten und Interpreten, als Musizierende und Musikliebhaber im Burgenland - diese Musik der Juden des Burgenlandes wieder in diesem Land erklingen lassen, schlagen Sie nicht nur neue Wurzeln in die Vergangenheit des Landes, sondern realisieren damit auch eine Weltmusik, die eine bunte und vielfältige Kultur des Burgenlandes wiederspiegelt.

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Literatur.

Bohlman, Philip V.: Musical Life in the Central European Jewish Village. In: Ezra Mendelsohn (Hrsg.): Modern Jews and Their Musical Agendas (= Studies in Contemporary Jewry). New York/Oxford, Oxford University Press.

Bohlman, Philip V.: Fieldwork in the Ethnomusicological Past. In: Gregory F. Barz und Timothy J. Cooley (Hrsg.): Shadows in the Field. S. New York/Oxford, Oxford University Press 1997.

Bohlman, Philip V.: Jüdische Volksmusik - Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte. Wien, Böhlau Verlag, im Druck.

Bohlman, Philip V., und Holzapfel, Otto: The Folk Songs of Ashkenaz. Middleton, A-R Editions 2001. (Recent Researches in the Oral Traditions of Music, Bd. 6).

Burgenland CD in von Rudolf Pietsch herausgegebenen Reihe.

Cahan, Y. L.: Volkslieder aus dem Burgenland, YIVO Bletter (1931).

Dreo, Harald, und Sepp Gmasz (Hrsg.): Volksmusik im Burgenland. Burgenländische Volksballaden. Wien, Böhlau Verlag 1997. (Corpus musicae popularis austriacae, Bd. 7).

Fuchs, Manfred: Interviews, 19. Juli 1990.

Goldmark, Karl: Erinnerungen aus meinem Leben. Wien, Rikola Verlag 1922.

Grunwald, Max: Mattersdorf (= Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1924/25).

Hemetek, Ursula: Mosaik der Klänge - Musik der ethnischen und religiösen Minderheiten in Österreich. Wien, Böhlau 2001.

Knapp, Maurus: Handschrift von Gelegenheitslieder.

Reiss, Johannes (Hrsg.): Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Eisenstadt, Österreichisches Jüdisches Museum 1997.

Reiss, Johannes: Hier in der Heiligen jüdischen Gemeinde. Die Grabinschriften des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt, Eisenstadt 1995.

Roth, Joseph: Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles. In Joseph Roth, Kaffeehaus-Frühling. Ein Wien-Lesebuch. Hrsg. von Helmut Peschina. Köln, Kiepenheuer & Witsch 2002. [ursprünglich in Der neue Tag, 9. August 1919].

Spitzer, Shlomo: Die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz. Wien, Böhlau Verlag 1995.

Wachstein, B.: Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt. Eisenstädter Forschungen. Bd. 1. Wien 1922.

Werfel, Franz: Cella, oder DieÜberwinder. Frankfurt am Main, S. Fischer.

Quelle:
Philip V. Bohlman, Zweistromland - die Vielfalt der jüdischen Klanglandschaften im europäischen Grenzgebiet. Vortrag wegen Abwesenheit vorgelesen beim Symposion ›Musik der Juden im Burgenland‹ (Eisenstadt, 09. - 12. Oktober 2002).

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Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt, 2005-2017